Als Kriegsdienstverweigerer unter Soldaten
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Wie ein ehemaliger Zivi die Soldatenwallfahrt erlebt

Als Kriegsdienstverweigerer unter Soldaten

Während der Soldatenwallfahrt in Lourdes war katholisch.de-Volontär Roland Müller tagelang von Uniformierten umgeben. Die Wallfahrt hat den Blick des ehemaligen "Zivis" auf die Armee verändert.

Von Roland Müller |  Lourdes - 23.05.2018

Fünf Tage lang bin ich pünktlich um sechs Uhr morgens aufgewacht – und das ohne Wecker, den ich normalerweise dringend brauche, um nicht zu verschlafen. Der Grund für meinen spontanen Wandel zum Frühaufsteher ist so kurios wie simpel: Ich habe an der 60. Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes teilgenommen. Nahezu 14.000 Soldaten aus mehr als 40 Nationen haben sich über das Pfingstwochenende im südfranzösischen Marienwallfahrtsort getroffen, um für den Frieden in der Welt zu beten. Und wie unter Soldaten üblich, wurde jeden Morgen pünktlich geweckt. Das Kommando zum Aufstehen gaben Musikkorps und Spielmannszüge, die schon frühmorgens durch die engen Gassen zogen und die Pilger mit militärischer Blasmusik aus den Betten holten.

Das Militär, die unbekannte Welt

Die Soldatenwallfahrt war mein erster Aufenthalt in Lourdes. Während ich als gläubiger Katholik einen engen Bezug zur Marienverehrung habe, war die dauerhafte Präsenz von Uniformen und militärischen Abzeichen für mich neu. Wohin ich in Lourdes auch kam, überall sah ich Frauen und Männer in Gala-Uniformen oder Camouflage-Kampfanzügen. Für mich war das eine unbekannte Welt. Als 18-Jähriger habe ich den Dienst an der Waffe verweigert und hatte seither auch nur wenig Kontakt zum Militär.

Meinen Zivildienst habe ich in Form eines Freiwilligen Sozialen Jahres in einem Wohnheim für behinderte Menschen abgeleistet. Es war ein sehr bedeutsames Jahr für mich, in dem ich viel über das Leben, meine Mitmenschen und mich selbst gelernt habe. Kriegsdienstverweigerer war ich weniger aus radikalem Pazifismus geworden, sondern eher aus dem Verlangen heraus, im Zivildienst einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Freunde, die beim "Bund" waren, erzählten mir später von der harten Grundausbildung und der stupiden Arbeit in Bundeswehr-Amtsstuben, die darauf folgte. Das bestärkte mich in meiner Entscheidung.

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Soldaten hören einem Militärgeistlichen zu. Im Hintergrund die Basilika der Unbefleckten Empfängnis in Lourdes.

Das Militär war für mich also eine fremde Größe, die natürlich auch mit meinem christlichen Glauben nichts zu tun hatte. Das hat sich in Lourdes geändert. Der Glaube der teilnehmenden Soldaten hat mich überrascht. Überall im Heiligen Bezirk traf ich auf Uniformierte, die tief ins Gebet versunken waren. Für viele ist die Soldatenwallfahrt ein spiritueller Höhepunkt des Jahres. Auch wenn sie in der Heimat nicht regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen, ist ihnen die Wallfahrt als Gelegenheit zur Kontaktpflege mit der Kirche wichtig.

Besonders bei den jüngeren Teilnehmern war jedoch auch spürbar, dass sie der Geselligkeit größere Bedeutung zumaßen; getreu dem Motto: "Morgens beten, abends feten". Doch selbst Soldaten ohne Beziehung zur Kirche und zum Glauben kamen nach Lourdes und zeigten sich berührt von religiösen Erfahrungen. Die Stille im Gebet oder der helle Schein der Kerzen bei der abendlichen Lichterprozession erreichte auch sie.

Wozu die Uniformen im Heiligtum?

Am Ende frage ich mich allerdings, warum Soldaten auch während der Wallfahrt ihre Uniform tragen müssen. Auch das ständige Marschieren – besonders der französischen Rekruten – bleibt für mich ein Rätsel. Auf dem Truppenübungsplatz, bei Militärparaden oder im Kampfeinsatz mag es angebracht und sinnvoll sein. Aber an einem Wallfahrtsort sollte es auch für Soldaten möglich sein, aus der Masse auszubrechen – wenn auch nur für einige Tage. Und wäre es nicht auch ein Zeichen der christlichen Verbundenheit, wenn in dieser Zeit die Grenzen zwischen den Dienstgraden aufgehoben wären und ein General mit einem Gefreiten als seinem Bruder im Glauben ungezwungen über die persönlichen Erfahrungen sprechen könnte?

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Auch bei der Soldatenwallfahrt gehört Musik zum geselligen Beisammensein dazu.

In Lourdes konnte ich erfahren, wie sehr den meisten Soldaten der Frieden am Herzen liegt. Die Pilgerfahrt stand in diesem Jahr unter dem Leitwort "Pacem in terris" – Frieden auf Erden – in Anlehnung an die gleichnamige Friedensenzyklika von Papst Johannes XXIII. aus dem Jahr 1963. Der Weltfriede ist für viele Soldaten existenziell. In vielen Gesprächen ging es daher um die bewaffneten Konflikte in vielen Ländern der Erde, aber auch um soziale Probleme im jeweils eigenen Land. Auch das hat meinen Blick auf das Militär verändert.

Früher habe ich die Existenz von Armeen als Instrumente kriegerischer Gewalt eher skeptisch gesehen. Doch wenn sie vor allem dem weltweiten Frieden dienen wollen und dabei das Töten von Menschen nur als letztes militärisches Mittel in Betracht ziehen, glaube ich, dass sie eine wichtige Aufgabe erfüllen. Und dazu muss ich als "Ungedienter" auch sonderbare militärische Rituale und Formen nicht nachvollziehen können.

Frieden gesucht und gefunden

Die 60. Internationale Soldatenwallfahrt in Lourdes ist seit gestern vorbei, die letzten der deutschen Teilnehmer kommen heute in Sonderzügen wieder in der Heimat an. Ich wünsche ihnen von Herzen, dass sie in Lourdes nicht nur Spaß hatten, der sicher dazu gehört, wenn sich junge Menschen treffen. Hoffentlich haben sie zu Füßen der Gottesmutter in der Grotte Frieden gefunden und können diesen nun in ihre Kasernen und Auslandseinsätze mitnehmen. Ich jedenfalls habe in Lourdes meinen persönlichen Frieden gefunden und zugleich entdeckt, dass das militärische Wecken mit Blasmusik wirkt: Heute Morgen bin ich, ganz ohne Spielmannszug und Wecker, um sechs Uhr in meinem Bett aufgewacht.

Von Roland Müller