Archäologie im Heiligen Land: Bibel und Spaten haben (fast) ausgedient
Siedlungsstrukturen interessieren mehr als Schätze

Archäologie im Heiligen Land: Bibel und Spaten haben (fast) ausgedient

Seit 150 Jahren wird im Nahen Osten nach Relikten der Vergangenheit gegraben. Die Bibel, ihre Personen und Orte stehen dabei im Mittelpunkt. Die ehemals sehr schriftfixierte Disziplin hat ihren Horizont erweitert und so für ein neues Verständnis der Zeit gesorgt.

Von Christoph Paul Hartmann |  Jerusalem/Tübingen - 14.08.2019

Was ist wirklich dran an den Geschichten der Bibel? Ist das alles nur hübsch ausgeschmückte Erzählung oder werden handfeste Fakten aufgezählt? Diese Frage treibt – auch, aber nicht nur – Christen seit Jahrhunderten um. Deswegen schufen die Briten im Jahr 1865 Fakten und gründeten den "Palestine Exploration Fund" (Palästina Erkundungs-Fonds). Ab diesem Zeitpunkt rückten Forscher in Palästina ein, das Mitte des 19. Jahrhunderts zum Osmanischen Reich gehörte. Den Spaten in der einen, die Bibel in der anderen Hand trieb die Entdecker eine eindeutig formulierte Mission: Gebäude und Orte der Bibel aufzuspüren. Man wollte den Wahrheitsgehalt der Heiligen Schrift bestimmen und begann dafür zuallererst in Jerusalem, den Tempel Salomos zu suchen. Vergeblich, denn bis heute ist vom Tempel der Zeit Salomos kein Stein bekannt.

Sind Beschreibungen und Details der biblischen Erzählungen richtig oder falsch? Diese Frage verfolgt die sogenannte Biblische Archäologie bis heute. Die Fachrichtung widmet sich der archäologischen Erforschung des antiken Palästinas, das sind die heutigen Staaten Israel und Jordanien sowie die palästinensischen Gebiete und die angrenzenden Regionen Südsyrien, Südlibanon und die zu Ägypten gehörende Sinaihalbinsel. "Es ist eine wissenschaftliche Disziplin wie viele andere auch, nur beschränkt sie sich auf eine bestimmte Region", sagt Jens Kamlah, der an der Universität Tübingen seit vergangenem Jahr den bundesweit einzigen Lehrstuhl innehat, der ausschließlich der Biblischen Archäologie gewidmet ist.

Der Horizont hat sich geweitet

Seine Arbeit zeigt: Es geht heute nicht mehr nur darum, die Bibel zu beweisen oder zu widerlegen. Denn das ist gar nicht so einfach. "Archäologische Erkenntnisse sind oft nicht so eindeutig", erklärt Kamlah. So wird allein im Alten Testament eine Vielzahl von Orten genannt. Sicher identifizieren lassen sich davon aber nur etwa 20 bis 30 Prozent. Archäologen gleichen die Beschreibungen im Text mit geografischen Begebenheiten, Grundrissen von Städten und Siedlungsgeschichten ab – die großen, eindeutigen Funde bleiben jedoch oft aus.

Vielmehr interessieren sich Archäologen heutzutage für die Rahmenbedingungen, unter denen die Menschen zu Zeiten der Bibel gelebt haben. Deshalb suchen sie nicht nur nach aufsehenerregenden Schätzen, sondern nehmen Siedlungsstrukturen unter die Lupe. "Das ist ganz elementar, um die Texte und religiösen Traditionen zu verstehen", sagt Kamlah. "Einzelne Ereignisse als wahr oder falsch deklarieren zu können, hilft dem Gesamtverständnis oft nicht so viel."

Jens Kamlah ist Professor für Biblische Archäologie an der Universität Tübingen.

Ein Vergleich: 1993 und 1994 wurden im israelischen Nationalpark Tel Dan Fragmente einer Basaltstele mit einer Inschrift darauf gefunden. Der Fund wird etwa auf das 9. Jahrhundert vor Christus datiert. In dem gefundenen Text wird ein "Haus David" erwähnt. Es ist die erste außerbiblische Quelle für den Namen des Gründers der davidischen Dynastie in Jerusalem. Einige Forscher glauben deshalb, dass die Inschrift ein Beweis für die historische Existenz Davids sei. Aber die Inschrift nennt nur den Namen der Dynastie "Haus David" und bezieht sich nicht auf David selbst. Beweist die Inschrift nun, dass es David tatsächlich gegeben hat oder beweist sie nur, dass die Dynastie in Jerusalem den Namen "Haus David" trug? Darüber wird auch zwanzig Jahre nach der Entdeckung diskutiert.

Eine harte Zeit für die Menschen der Bibel

Eine vollkommen andere Form der Erkenntnis geht mit der Erforschung der Siedlungsstrukturen einher. Sie hat untersucht, wie die Menschen zur Zeit Davids und Salomos im 10. vorchristlichen Jahrhundert gelebt haben. Und bietet damit einen Schlüssel etwa für die Sprache der Bibel: Bei der Lektüre der Psalmen wird schnell klar, dass sich deren Metaphernwelt zuallererst aus landwirtschaftlichen Bildern speist. Diese Bilder erschließen sich besser beim Blick auf den Alltag der Menschen.

Im trockenen, zum Teil von Wüsten geprägten Palästina mussten sie dem Boden Nahrung abtrotzen. Sie waren abhängig vom Klima und Trockenphasen, aber auch politischen Verschiebungen – sämtlich Faktoren, die die Kleinbauern selbst nicht beeinflussen konnten. Gleichzeitig verändern sich die Rahmenbedingungen: Denn Palästina war zu dieser Zeit oft fremdbestimmt, unterschiedliche Großmächte regierten das Land – und forderten Abgaben von der Bevölkerung. Auf einmal mussten die Bewohner also nicht mehr nur ihre Familien ernähren, sondern zusätzlich einen Überschuss erwirtschaften. Durch diese Abgaben wurde eine entstehende Oberschicht und damit ein Königshof ernährt.

Heute ist klar, dass die Epoche der frühen Königszeit in Israel und Juda in erster Linie das Entstehen dieses Prozesses auszeichnet. Folglich hat die Archäologie einige Bilder des Alten Testaments revidiert. So war Jerusalem keinesfalls ein großes, urbanes Zentrum. "Man muss hier von deutlich bescheideneren Ausmaßen ausgehen", formuliert es Kamlah. Auch von einem Großreich unter David könne keine Rede sein. Die Strukturen des Königtums und eines judäischen Reiches sind erst nach und nach entstanden. Das ist – trotz vereinzeltem Widerspruch – unter Archäologen heute Konsens. Die biblischen Dimensionen sind also von einem späteren Blick geprägt, der die Verhältnisse glorifizieren wollte.

Die Archäologie als Korrektiv

Auch an anderer Stelle fungiert die Archäologie als Korrektiv zur Bibel. Im Buch Josua wird beschrieben, dass das Volk Israel von außen in das gelobte Land einwanderte, es militärisch eroberte und die dort lebende Bevölkerung tötete, um sich selbst dort anzusiedeln. Die Funde sprechen allerdings dagegen. Forscher konnten keine Spuren von großen Migrationsströmen oder kriegerischen Zerstörungen in dieser Zeit finden. Die Israeliten waren Nachkommen der Bevölkerung, die immer in dieser Region gewohnt hatte. Der Mythos des Einwanderns und Eroberns ist erst im Nachhinein "am Schreibtisch" entstanden und sollte die kultische Reinheit des Volkes Israel betonen, das sich im Sinne dieser Konzeption nicht mit Menschen anderer Religionen vermischen sollte.

Ausgrabungen neben dem Haus des Petrus, eine Synagoge aus dem 5. Jh. n. Chr. in Kafarnaum am See Genezareth.

Trotz all dieser Erkenntnisse und des Paradigmenwechsels in der Forschung gibt es immer noch christliche Gruppen, die als Laien mit der Schaufel in die Wüste ziehen, um dort biblische Stätten zu finden. Für Kamlah hat das aber weniger mit Archäologie als mit einem bestimmten Verständnis der Bibel zu tun: "Diese Gruppen denken, dass die Bibel nur an sich wahr ist, wenn sich alle Fakten archäologisch untermauern lassen." Ein Unterfangen, das nicht gerade vielversprechend ist.

Bis heute hat die Biblische Archäologie damit zu kämpfen, dass unterschiedliche Akteure ihre Erkenntnisse für ihre Anliegen nutzen wollen. Neben religiöser Instrumentalisierung gibt es auch Formen der politischen Instrumentalisierung. Archäologische Funde werden so interpretiert, dass sie heutige politische Forderungen stützen sollen. Die Diskussion um die Instrumentalisierung der archäologischen Forschung ist deshalb innerhalb der israelischen Gesellschaft besonders stark, wie beispielsweise die innerisraelischen Debatten um die "Ir David Foundation" (Elad) zeigen. Deren Projekten wird zum Teil Einseitigkeit unterstellt. Die israelische Alterumsbehörde, die "Israel Antiquities Authority", sowie die archäologischen Institute an den israelischen Universitäten übernehmen die Aufgabe der wissenschaftlichen Kontrolle.

In einer Zeit, in der viele Forschungsprojekte auf zahlungskräftige und –willige Unterstützer angewiesen sind, ist manchmal das Versprechen nach aufsehenerregenden Funden und sensationellen biblischen Bezügen verlockend. Kamlah beruhigt aber: Die entscheidenden Förderer beispielsweise aus Deutschland setzen ausschließlich auf seriöse Forschung. Deren Ergebnisse müssen sich in Anbetracht einer lange interessengeleiteten Biblischen Archäologie in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion behaupten – und versuchen es deshalb mit Interdisziplinarität: Forscher arbeiten mit Kollegen anderer archäologischer Disziplinen, beispielsweise mit der Vorderasiatischen Archäologie oder der Ägyptologie, zusammen und das möglichst noch länderübergreifend. So soll das Bild der Sensationssucher mit Spaten und Bibel langsam verblassen und durch ein Bild der seriösen Forschung zur Welt der Bibel und des Alten Orients ersetzt werden.

Von Christoph Paul Hartmann