Armer kleiner Bischof
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Don Luigi ist der letzte Erstunterzeichner des "Katakombenpakts"

Armer kleiner Bischof

Sein Bischofsstab ist aus Eisen und wenn er mit "Exzellenz" angesprochen wird, durchzuckt es ihn: Don Luigi Bettazzi ist der letzte lebende Erstunterzeichner des "Katakombenpakts", des Versprechens, eine dienende und arme Kirche sein zu wollen.

Von Christoph Renzikowski (KNA) |  Würzburg/Rom - 16.11.2015

Ein bisschen erinnern seine Züge an Julius Cäsar aus den Asterix-Comics. Wenn der weißhaarige, schlanke Senior mit lebhafter Gestik vom Konzil erzählt, beginnen die Falten in seinem Gesicht zu tanzen. Sich selbst attestiert Don Luigi bei der historischen Zusammenkunft in den Domitilla-Katakomben am 16. November 1965 nur eine Nebenrolle. Er sei als junger Weihbischof von Bologna da eher zufällig hineingeraten, berichtete er zuletzt bei einem Besuch in Würzburg.

Er habe zu einer Gruppe von 13 Männern gezählt, die sich "kleine Bischöfe" nannten und nach der Spiritualität des Wüsteneremiten Charles de Foucauld (1858-1916) lebten. Ohne persönliche Einladung sei er einfach zu dem Treffen mitgegangen. Später hätten sich mehr als 500 Bischöfe aus aller Welt dem Pakt angeschlossen; die Unterschriften seien Papst Paul VI. übergeben worden. Aber dann habe sich das Ganze irgendwie verlaufen, sagt Bettazzi.

"Es fehlte an jeder weiteren Organisation", bedauert er im Nachhinein. Letztlich habe jeder für sich versucht, die Selbstverpflichtungen mit Leben zu füllen. Viele Bischöfe hätten nach dem Konzil auch weitergemacht wie vorher und gemeint, ihre Macht demonstrieren zu müssen. "Auch Papst Benedikt XVI. hat ja gedacht, er müsse feierlich daherkommen."

Bischof Luigi Bettazzi (links) im Gespräch mit Pfarrer Norbert Arntz vom Institut für Theologie und Politik in Münster.

Bettazzi wurde 1968 Bischof im norditalienischen Ivrea. Als italienischer und später internationaler Präsident der katholischen Friedensbewegung Pax Christi setzte er sich gegen Rüstungsexporte und für Kriegsdienstverweigerer ein. Aufsehen erregte sein Briefwechsel mit dem führenden italienischen Kommunisten Enrico Berlinguer.

1978, noch zur Zeit des Kalten Krieges, wurde der italienische Christdemokrat Aldo Moro von Linksterroristen entführt. Bettazzi wollte sich im Austausch gegen den persönlichen Freund von Paul VI. als Geisel anbieten, doch der Vatikan verbot es. Auch in den folgenden Jahrzehnten machte der Bischof durch unkonventionelle Wortmeldungen von sich reden. So erklärte er im Wahlkampf 1994, Jesus sei ein Progressiver gewesen, was ihm von Konservativen als unbotmäßige Einmischung ausgelegt wurde.

"Katakombenpakt" in seiner Bedeutung nicht unterschätzen

Geht es nach dem Würzburger Theologieprofessor Elmar Klinger, der mit Bettazzi ein Podiumsgespräch bestritt, darf der "Katakombenpakt" in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden. Er sei die erste exemplarische Umsetzung des Konzils gewesen. Papst Franziskus praktiziere offensichtlich in Amtsführung und Lebensstil diesen Pakt, auch wenn er damals noch gar kein Bischof gewesen sei. Daher müsse das Dokument heute wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden, "damit man sieht, der Papst hat nicht einfach verrückte Einfälle, sondern er hält sich an ein Programm, um dem Konzil Nachdruck zu verleihen".

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Heute vor 50 Jahren versammelten sich 40 Konzils-Bischöfe in den Domitilla-Katakomben in Rom, um gemeinsam einen Pakt für eine dienende und arme Kirche zu unterzeichnen. Warum der Pakt noch immer aktuell ist, erklärt Pfarrer Norbert Arntz im Interview.

Bettazzi räumt ein, er und seine Mitstreiter hätten den Pakt im Laufe der Jahre sogar selbst vergessen - bis vor fünf Jahren deutsche Journalisten das Original mit den Unterschriften der Erstunterzeichner in einem belgischen Diözesanarchiv ausgruben. Nach einer öffentlichen Audienz dankte Don Luigi dem Papst dafür, dass dieser dabei sei, der Kirche der Armen wieder Auftrieb zu geben und damit etwas zu tun, "was uns Konzilsbischöfen so nicht gelungen ist".

Am Montag (16. November) wird der Bischof in den Domitilla-Katakomben einen Jubiläumsgottesdienst feiern. Was ihm aber noch wichtiger ist: Am Abend ist er von einem bekannten italienischen Armenpriester in die Katakomben von Neapel eingeladen. Dort soll der Pakt in neuer Form aufgelegt werden. Und wer weiß, was Papst Franziskus an diesem Tag so vorhat.

Der Lieblingswitz der Konzilsväter

Das Konzil war keine bierernste Veranstaltung, bei der Bischöfe aus aller Welt nur verbissen um Reformen rangen. Bei der wichtigsten Kirchenversammlung des 20. Jahrhunderts entstanden auch viele Witze. Der emeritierte Bischof von Ivrea, der Italiener Luigi Bettazzi (91), einer von rund 15 noch lebenden Konzilsteilnehmern, erzählt, worüber sich die Konzilsväter amüsierten:

"Kommt ein Rabbi an die Himmelspforte. Petrus bittet ihn herein. Sagt der Rabbi: Aber ich bin doch ein Jude. Sagt Petrus: Das macht nichts. Drinnen führt ihn Petrus herum. Der Rabbi wundert sich: Hier sind ja noch viele andere Juden. Ja, sagt Petrus, auch orthodoxe und evangelische Christen. Dort drüben sind sogar Buddhisten und hier Animisten. Da kommen beide zu einer Mauer. Wir müssen jetzt still sein, sagt Petrus. Warum?, fragt der Rabbi. Darauf Petrus: Hinter dieser Mauer sind die Katholiken. Die glauben immer noch, sie sind alleine hier."

Der Witz spielt auf das Konzilsdokument "Nostra aetate" an. Darin formulierte die katholische Kirche erstmals ein positives Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen.

Von Christoph Renzikowski (KNA)