Zahlreiche Frauen gingen in Neu Delhi auf die Straße um für ihre Rechte und Schutz zu protestieren.
Frauenrechtlerin zur Situation von Frauen in Indien

Aufbäumen gegen die Gewalt

Kalpana Viswanath ist Mitarbeiterin der indischen Frauenrechtsorganisation "Jagori" in Neu Delhi. Die Organisation setzt sich für die Rechte von Frauen ein und will ihnen Bildung ermöglichen. Sie bietet Opfern von Gewalt Schutz und Beratung und kämpft auf politischer Ebene gegen Gewalt und Benachteiligung. Das deutsche katholische Hilfswerk Misereor unterstützt die Projekte von Jagori.

Bonn - 07.01.2013

Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) sprach am Freitag mit Kalpana Viswanath über die Situation der Frauen in Indien, nachdem vor knapp drei Wochen eine Studentin in Neu Delhi brutal vergewaltigt wurde und an den Folgen ihrer Verletzungen verstarb.

Frage: Frau Viswanath, der Fall einer Studentin, die von mehreren Männern vergewaltigt worden ist und an den Folgen der Verletzungen starb, hat nicht nur in Indien eine große Diskussion ausgelöst. Warum hat gerade dieser Fall zu so viel Bewegung geführt?

Viswanath: Ich weiß es auch nicht genau. Aber ich glaube, es war, weil der Fall so nahe an uns selber dran war. Viele von uns nehmen den Bus um acht Uhr abends. Es hätte jeder von uns passieren können.

Außerdem war die Tat wirklich sehr brutal, das hat die Leute sehr schockiert. Wir leben in einer Zeit, in der Information sehr schnell verbreitet wird. Tausende Menschen wissen sofort Bescheid, das trägt natürlich auch dazu bei. Es waren auch viele junge Menschen daran beteiligt, den Fall öffentlich zu machen. Sie sind überzeugt, dass sie etwas verändern können und sind deshalb auf die Straße gegangen.

Frage: Wie haben Sie die Demonstrationen erlebt?

Viswanath: Es war eine gemeinsame Aktion ganz normaler Bürger. Studierende, Arbeitende, Frauen, aber auch viele Männer, vor allem junge, die einfach wütend waren und Veränderung wollen. Aber mittlerweile ist es, glaube ich, viel mehr als nur ein einfacher Protest.

Frage: Wie verhält sich die indische Regierung?

Viswanath: Das Parlament arbeitet an härteren Gesetzen bei Vergewaltigung. Aber auch bei Notrufnummern der Polizei, Geschlechtergerechtigkeit in Schulen und anderen Themen passiert gerade etwas. Es sind keine neuen Ideen, aber es wird zum ersten Mal konkret darüber gesprochen.

Frage: Frauenrechte sind in Indien in der Verfassung verankert. Werden sie aber auch im Alltag tatsächlich geachtet?

Viswanath: Ja, das stimmt, wir haben einen rechtlichen Rahmen, der Frauenrechte schützt. Trotzdem gibt es eine große Kluft zwischen dem Papier und der Realität. Allein die Möglichkeiten von Frauen, an Bildung oder auch rechtliche Hilfe zu kommen, sind oft einfach nicht gegeben. Außerdem ist die Haltung vieler Männer leider immer noch sehr patriarchalisch. Ich sehe aber auch, dass mehr und mehr Frauen studieren können, arbeiten und ihre Rechte einfordern, da ist schon Veränderung zu sehen.

Frage: Dennoch gibt es eine wirklich hohe Zahl an Fällen häuslicher Gewalt, aber auch sexueller Übergriffe auf Frauen. Ist das eine neue Entwicklung?

Viswanath: Wie überall sonst auf der Welt sind häusliche Gewalt, aber auch Gewalt gegen Frauen, ein Problem, das es leider schon immer gab. Erst in den vergangenen 25 Jahren hat man angefangen, darüber zu sprechen und die Tatsachen zu benennen. Deshalb wirkt es, als ob es heute so extrem wie nie zuvor ist. Ich glaube, dass Frauen sich ihrer Rechte mehr bewusst sind und deshalb die Gewalt nicht mehr einfach ertragen wollen. Deshalb gibt es mehr Anzeigen und Dokumentation darüber, und daher auch die höheren Zahlen.

Frage: Welche Gründe hat die Missachtung der Rechte von Frauen in Indien?

Viswanath: Zum einen ist es schon die patriarchale Prägung, aber auch die Macht, die Männer haben. Gleichzeitig sind auch die fehlende Umsetzung der Gesetze, die hohe Korruption in den Gerichten und der Polizei, Gründe, die dazu führen, dass Misshandlungen von Frauen ohne Folgen bleiben. Es ist aber auch wichtig, Frauenrechte in der Öffentlichkeit mehr zu thematisieren und darüber zu informieren, sonst wird sich nichts ändern.

Frage: Würden Sie sagen, dass Männer sich je nach Religion oder Gesellschaftsschicht anders verhalten?

Viswanath: Nein, die Unterdrückung von Frauen ist etwas, das Männer unabhängig von Kaste, Gesellschaftsschicht oder Religion leider immer noch verinnerlicht haben.

Frage: Was muss sich ändern, um für Frauen eine sichere Umgebung zu schaffen?

Viswanath: Wir haben über viele Jahre hinweg schon viele Dinge gefordert und es hat sich nicht immer etwas getan. Wir brauchen nicht nur gute Bildung, sondern auch gute Gesetze zum Schutz von Frauen, öffentliches Bewusstsein über die Probleme, aber auch eine Möglichkeit, mit den Politikern zu reden.

Frage: Glauben Sie, dass sich jetzt etwas verändern wird?

Viswanath: Ich glaube, dass sich schon etwas verändert hat. Alleine, dass so viele Menschen darüber sprechen und sich Gedanken machen, bewirkt sehr viel. Es ist eine wirklich große Veränderung, dass Menschen merken, dass sie eine Rolle spielen und etwas gegen die Gewalt an Frauen tun können. Ich weiß nicht, was die Regierung machen wird, oder was sich verändern wird. Aber ich habe Hoffnung, dass etwas passieren wird. Sonst würde ich diese Arbeit nicht machen.

Das Interview führte Barbara Mayrhofer