Der Domplatz in Fulda mit Pilgern
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Das Bistum Fulda ist nicht nur Gastgeber der Bischofskonferenz

Aufbruch am Grab des Apostels der Deutschen

Seit gestern steht fest: Bis ein Nachfolger von Heinz Josef Algermissen gefunden ist, wird Weihbischof Karlheinz Diez das Bistum Fulda kommissarisch leiten. Die Diözese blickt auf eine lange und bewegte Vergangenheit zurück. Gleichzeitig müssen dort wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Von Gabriele Höfling |  Bonn/Fulda - 12.06.2018

Es ist kein Geheimnis, dass sich der gerade emeritierte Bischof Heinz Josef Algermissen im Bischofshaus an der Fuldaer Pauluspromenade in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom nicht wirklich heimisch gefühlt hat – zu groß und zu weitläufig war ihm das Anwesen als private Wohnung. Wie auch immer das seinem Nachfolger ergehen wird, auf eine Besonderheit kann er sich freuen. Vom Bischofshaus gibt es einen direkten Zugang zu einer Kirche, die zu den ältesten Gotteshäusern Deutschlands gehört: Die Michaelskirche, in erster Form von 820 bis 822 erbaut. Sie ist ein Nachbau der Jerusalemer Grabeskirche. Gibt es im neuen Amt einmal Schwierigkeiten, bietet sich den künftigen Bischof hier ein Rückzugsort zu Ruhe und Gebet – der Gang aus dem Bischofshaus endet direkt in der Sakristei.

Apostel der Deutschen als Patronat

Die Michaelskirche ist außerdem Zeugin der langen Geschichte des Bistums. Das Kloster Fulda war im Jahr 744 von dem angelsächsische Benediktinermönch und Missionar Bonifatius in der Grenzlage zwischen den Bistümern Würzburg und Mainz gegründet worden. Bonifatius, der in der Krypta des Domes begraben liegt, gilt als der Apostel der Deutschen, der entscheidend zur Verbreitung des christlichen Glaubens im damals noch weitgehend heidnischen Germanien beitrug. An den Missionar erinnert ein Denkmal in der Fuldaer Innenstadt, das Bonifatius mit einem Kreuz in der einen und einer Bibel in der anderen Hand zeigt. Es spielt damit auch auf dessen Märtyrertod an. Denn Bonifatius soll bei seiner Ermordung versucht haben, sich mit einem Evangeliar vor dem tödlichen Angriff zu schützen. Noch heute pilgern jedes Jahr um seinen Todestag am 5. Juni Tausende zur Bistumswallfahrt an sein Grab und verehren ihn mit dem in der Region berühmten Bonifatiuslied.  

Die Michaelskirche in Fulda ist eine der ältesten Kirchen Deutschlands.

Im Mittelalter erlebte das Kloster Fulda seine Blüte, als der Abt großes politisches Gewicht hatte und das Kloster auch eines der wichtigsten kulturellen Zentren Europas war. Zwischen 791 und 819 wurde eine Basilika gebaut, die damals als größte Kirche nördlich der Alpen galt, um 1700 aber abgerissen und durch den heutigen barocken Dom ersetzt wurde. Die Gründung der eigentlichen Diözese erfolgte 1752, indem Papst Benedikt XIV. die Abtei zum Fürstbistum erhob. Gut 50 Jahre später folgte schon die Säkularisierung.

Die jüngere Geschichte des Bistums ist durch die deutsch-deutsche Teilung geprägt. Bis 1990 lagen einige Gebiete in der damaligen DDR. Der größte Teil davon ging nach der Wiedervereinigung an das neu gegründete Bistum Erfurt. Heute liegt das Bistum Fulda größtenteils auf dem Gebiet des Landes Hessen, es reicht aber an einigen Stellen auch nach Bayern und Thüringen hinein. Insgesamt erstreckt sich das Gebiet auf gut 10.300 Quadratkilometern – einer Fläche etwa eineinhalbmal so groß wie die Insel Rügen. Auf eine Gesamtbevölkerung von rund 1,7 Millionen Menschen kommen knapp 400.000 Katholiken – ein Anteil von 23 Prozent. Während etwa die Bischofsstadt Fulda traditionell katholisch geprägt ist, gibt es auch Diaspora-Gebiete, etwa in Nordhessen.

Mitten in Umstrukturierungen

Seinem berühmten Gründer Bonifatius und dessen Grab im hohen Dom hat es das Bistum in der Mitte Deutschlands zu verdanken, dass die Deutsche Bischofskonferenz bis heute jedes Jahr ihre herbstliche Vollversammlung in Fulda abhält. Aber auch als regelmäßiger Austragungsort des vom konservativen Forum Deutscher Katholiken organisierten Kongresses "Freude am Glauben" ist das Bistum bekannt. Im Bereich der Jugendarbeit hat sich in den vergangenen Jahren Cityseelsorger Björn Hirsch ein besonderes Projekt ausgedacht. An den Gottesdiensten seines ökumenischen Netzwerks "All für One" nehmen regelmäßig mehr als 1.000 Gläubige teil.   

Wie viele andere deutsche Bistümer befindet sich auch Fulda inmitten eines Umstrukturierungsprozesses. Schon kurz nach seinem Amtsantritt im September 2001 hat der emeritierte Bischof Heinz Josef Algermissen eine erste Reform angestoßen, an deren Ende aus den früheren rund 250 Pfarreien 43 Pastoralverbünde hervorgegangen waren. Inzwischen ist ein zweiter "Pastoraler Prozess" im Gange, der die strategischen Ziele bis 2030 vorgibt und noch einmal zu tiefgreifenden Veränderungen führt. So sollen sich die bisher bestehenden Verbünde auflösen und stattdessen 45 neue Pfarreien mit etwa 4.000 bis 20.000 Mitgliedern bilden. Diese werden nach dem Konzept Algermissens als "Netzwerke Pastoraler Orte" verstanden. Geschäftsführende Tätigkeiten können künftig von hauptamtlichen Verwaltungsleitern übernommen werden, in zwei Drittel der Pfarreien sollen sogenannte "Mitarbeitende Priester" aus dem Ausland unterstützend tätig sein. Ehrenamtliche und Laien sollen mehr Aufgaben übernehmen, bei denen sie von Priestern und Hauptamtlichen unterstützt werden. Ein Grundanliegen des neuen pastoralen Prozesses ist die Mission: "Der Schwerpunkt in der Pastoral wird zunehmend auf diejenigen gerichtet sein, die kirchliche Angebot noch nicht oder nicht regelmäßig nutzen", heißt es in der Zusammenfassung des 132 Seiten starken Konzepts.

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Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen feiert heute seinen 75. Geburtstag. Das bedeutet auch: Die Emeritierung naht. Für die Themen, die ihm am Herzen liegen, brennt Algermissen aber weiterhin.

Zur Umsetzung des Vorhabens will das Bistum 5 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Langfristig wird jedoch mit sinkenden Kirchensteuereinnahmen gerechnet. Deswegen sollen die laufenden Ausgaben im Bistum ab 2020 bis 2030 jedes Jahr um rund 2 Millionen Euro zurückgeschraubt werden.

Nachfolger erst 2019?

Wer als neuer Bischof den Prozess fortführt und welche Schwerpunkte er setzt, das werden die Gläubigen dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr erfahren. Altbischof Algermissen selbst schätzt, dass es vor 2019 keinen Nachfolger für ihn gibt. Solange wird das Bistum übergangsweise von einem Diözesanadministrator geleitet. Die Bischofswahl selbst erfolgt nach dem sogenannten Preußischen Konkordat. Danach stellt das Domkapitel eine Liste mit drei geeigneten Kandidaten auf und kann sich dabei auch Rat von außen holen, etwa von anderen Priestern oder Laien. Anschließend schickt das Domkapitel seine Liste an den Vatikan, wo die Bischofskongregation die Kandidaten überprüft. Schließlich wird wieder eine Liste mit drei Kandidaten nach Fulda zurückgesandt — darauf können aber auch ganz andere als die ursprünglich ausgewählten Namen stehen. Aus dieser sogenannten "Terna" wählt dann das Domkapitel den neuen Bischof. Nimmt dieser die Wahl an, wartet schon das neue Zuhause an der Pauluspromenade auf ihn.

Von Gabriele Höfling