Zollitsch sitzt vor einem Mikrofon.
Erste Reaktionen deutscher Kirchenvertreter auf "Evangelii gaudium"

"Beeindruckende Analyse"

Erste Reaktionen deutscher Kirchenvertreter auf "Evangelii gaudium": Der Papst gehe "präzise" auf die Herausforderungen der Gegenwart ein, so Erzbischof Robert Zollitsch.

Bonn - 26.11.2013

Auch die Notwendigkeit eines sozialen Engagements der Kirche habe das Kirchenoberhaupt erneut hervorgehoben. "Mit einer beeindruckenden Analyse der derzeitigen Situation legt uns Papst Franziskus in klarer und erfrischender Sprache eine geistliche Entfaltung davon vor, was es heißt, als Kirchen einen neuen Aufbruch zu wagen", so Zollitsch. Er sei dem Papst "dankbar" für das Dokument.

Bischofskonferenzen, Laien, Wirtschaftssystem

In diesem erteile Franziskus einer Abschottung der Katholiken eine Absage, erklärte der Freiburger Erzbischof. Dem Papst sei eine Kirche, die "verbeult, verletzt und beschmutzt", aber auf die Straßen hinausgegangen sei, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und Bequemlichkeit krank sei. Außerdem hebe der Papst die Bedeutung der Bischofskonferenzen hervor und beschreibe die Weitergabe des Evangeliums als Aufgabe, die Laien und Priester gemeinsam zukomme. Zudem warne er "eindringlich vor der falschen Vorstellung, dass wirtschaftliches Wachstum von selbst soziale Gerechtigkeit und Wohlergehen für alle" hervorbringe.

Kardinal Reinhard Marx.
Bild: © KNA

Kardinal Reinhard Marx.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sieht in dem Papier einen "prophetischen Aufruf an die Kirche". Es ermutige dazu, sich neu auf den Weg einer ganzheitlichen Evangelisierung zu wagen, erklärte Marx in München. Der Text atme "den Schwung, die Dynamik und die Freude des Evangeliums Jesu Christi".

Zugleich betone Franziskus, dass diese Botschaft die gesamte Wirklichkeit der Menschen verändern könne und müsse, so der Kardinal. Das gelte für die Familie, die sozialen Beziehungen, die Wirtschaft und Politik bis hin zur Bewahrung der Schöpfung. In dem Schreiben werde außerdem in starken Worten Kritik an einer Gesellschaft laut, die sich nur noch vom materiellen Profitdenken leiten lasse und so zum Zerbrechen des gemeinschaftlichen Engagements führe.

Marx: Franziskus krisitiert auch die Kirche

Seine Kritik richte das Oberhaupt der Katholiken aber auch an die Kirche selbst, sagte Marx. So erliege diese immer wieder der Versuchung, um sich selbst zu kreisen und so den Auftrag zur Evangelisierung zu verraten. Das päpstliche Wort fordere die Gläubigen im positiven Sinne heraus, aus dieser Perspektive alle Bereiche des Lebens der Kirche zu überprüfen.

Marx hob in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz auch die "kraftvolle, bildreiche Sprache" des Papstes hervor. Manchmal hätten ihn die verwendeten Bilder beim Lesen zum Schmunzeln gebracht, sagte er. Das gelte etwa für jene Stelle, wo sich der Papst über "langweilige Predigten" aufrege.

Wider die Bequemlichkeit

Eine Art "Regierungserklärung" des Papstes sieht Pater Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan in dem Papstschreiben. Hagenkord sagte dem Sender, Franziskus rufe in dem Schreiben zu innerkirchlichen strukturellen Reformen auf, die auch das Papstamt betreffen könnten. So erklärt Franziskus in dem Dokument laut dem Jesuiten, "er müsse das leben, was er von anderen verlange, und deswegen auch offen sein für Vorschläge, welche die Ausübung des Papstamtes betreffen".

In dem Text zeige sich Franziskus zudem als jemand, der sich Kategorisierungen wie "liberal" oder "konservativ" entziehe. "Wer den Papst für ein Projekt heranziehen will, der wird enttäuscht werden", so Hagenkord. In solchen Zuordnungen sehe Franziskus eine Bequemlichkeit, die dem Aufbruch in der Kirche entgegen stehe.

Papst als Vorbild für kirchliche Kommunikation

Indes bezeichnete Kurienerzbischof Claudio Maria Celli die Sprache des Papstes als vorbildlich für die Kommunikation der Kirche. "Er hat den richtigen Stil und die richtige Ansprache", sagte der Präsident des Päpstlichen Medienrates am Dienstag im Vatikan. "Evangelii gaudium" (Die Freude des Evangeliums) vermittele den Eindruck, als ob sich ein Pfarrer in einem meditativen Gespräch mit Gläubigen befinde. Eine solche Ansprache müsse das Wesentliche hervorheben und Dinge vereinfachen, ohne an Tiefe und Wahrheit zu verlieren, so Celli. (gho/KNA)

Dokumentation

Ein deutsche Übersetzung des Apostolischen Schreibens "Evangelii gaudium" (Die Freude des Evangeliums) finden Sie auf den Seiten des Vatikan: