Ein wortgewaltiger Ordensmann
Vor 575 Jahren starb Bernhardin von Siena

Ein wortgewaltiger Ordensmann

Als junger Mann aus dem Adelsstand kümmerte er sich um Pestkranke, später wurde er in seiner Heimat als großer Prediger berühmt, der kein Blatt vor den Mund nahm. Heute vor 575 Jahren starb Bernhard von Siena.

Von Anselm Verbeek (KNA) |  Bonn - 20.05.2019

Das Scala-Spital in Siena war hoffnungslos überfordert, bis zu 20 Tote gab es jeden Tag. Ausgerechnet im Heiligen Jahr 1400 war in Europa wieder die Pest ausgebrochen. Die Seuche befiel in dem Jubeljahr auch viele Pilger, die nach Rom strömten. Doch schon auf dem Weg dorthin starben viele, auch in Siena. Der kaum 20-jährige Bernhardin sah die Not der vielen Kranken. Er überwand die Angst vor Ansteckung und Tod und konnte auch andere Menschen für die Pflege der Pestopfer gewinnen. Bernhardin überlebte das Himmelfahrts-Kommando. Erst viele Jahre später, am 20. Mai 1444 – vor 575 Jahren – starb der Franziskaner.

Dass er keine Berührungsängste mit Kranken hatte, war nicht selbstverständlich. Bernhardin wurde 1380 in einem Palazzo bei Siena als Kind adeliger Eltern geboren. Er war fröhlich, gesellig und besonders aufgeweckt. Schon mit sechs Jahren war er allerdings Vollwaise; Verwandte in Siena sorgten für Erziehung und Bildung des Jungen. Mit 17 trat er der karitativ-frommen Bruderschaft des Scala-Spitals bei. Und er war nicht auf den Mund gefallen; früh stieg er auch auf die Kanzel und predigte. Die meisten bewunderten den jungen Mann; andere hielten ihn für verrückt.

Eintritt in den Orden - gegen den Willen seiner einflussreichen Verwandten

Durch seinen Dienst an den Pestkranken fühlte er sich bestärkt, Franziskaner zu werden. Bernhardin verschenkte seinen Besitz und trat an seinem Geburtstag, einem 8. September, den Observanten bei, dem Reformflügel der Minoriten. Bernhardins einflussreiche Verwandten waren außer sich.

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Sie sind das Erkennungszeichen des Jesuitenordens, zieren das Wappen von Papst Franziskus und sind in unzähligen Kirchen dargestellt: die Buchstaben IHS. Doch wofür stehen sie eigentlich? (Artikel von Mai 2017)

Dem jungen Ordensmann aber war das egal; immer stärker spürte Bernhardin eine Berufung zum Prediger. Er hatte eine wohlklingende, kräftige Stimme. Je nach Seelenlage vermochte er, seine Tonlage einzufärben. Von der Kanzel konnte er donnern gegen Laster, aber auch säuseln in Paradiesvisionen. Er verstand es, seine Zuhörer zu Tränen zu rühren oder zu Tode zu erschrecken, in Wechselbäder von Höllenqualen oder befreitem Lachen zu tauchen. Dabei hätte man ihn selbst als Pantomimen verstanden, so ausdrucksstark war seine Mimik und Gestik.

Sein probates Mittel gegen Langweile war, gegen den eigenen Stand vom Leder zu ziehen: "Wenn man alle schlechten Priester davonjagen würde, blieben nur sehr wenig gute übrig." Hörte Bernhardin andere von Visionen schwärmen, konnte er ironisch bemerken: "Ich gehöre nicht zu den so reich begnadeten Menschen."

40 Jahre bereiste der Franziskaner Mittel- und Oberitalien. Der Wanderprediger überzeugte und hinterließ Spuren – Stiftungen, Spitäler, Kirchbauten. Auch seine Reden gegen den Wucher wirkten authentisch; er schuf Institutionen, die auch armen Leuten Kleinkredite unter fairen Bedingungen boten. Bernhardin wusste, wie schnell Unschuldige im Schuldgefängnis landen können. Wiederholt hatte er Schuldner freigekauft. Der Mönch genoss zudem den seltenen Ruf, gegen Korruption gepanzert zu sein.

Im Jahr 1424 führte Bernhardin von Siena nach einer Predigt über den Namen Jesu die Verehrung seiner Namesinitialin ein: IHS – Jesus, der Menschheit Erlöser.

Seinen Durchbruch erzielte er 1419 mit Fastenpredigten in Mailand. Bernhardin wusste um die begrenzte Wirkung von mündlichen Appellen. Deshalb endete er seine Moralpredigten mit der symbolischen Absage an Spielsucht oder Beauty-Wahn, den es offenbar schon zu seiner Zeit gab: Würfel und Schminkdosen warf er öffentlichkeitswirksam ins Feuer.

IHS – Jesus, der Menschheit Erlöser

An Palmsonntag 1424 führte er in Florenz nach einer Predigt über den Namen Jesu die Verehrung seiner Namesinitialin ein: IHS – Jesus, der Menschheit Erlöser. Die Verehrung wurde begeistert angenommen, aber auch angefeindet. Theologen bangten, das Monogramm könne das Kreuz als Symbol in den Schatten stellen. Dreimal wurde der Franziskaner dafür angeklagt und freigesprochen. Anfangs hätten ihn manche gerne als Ketzer "geröstet gesehen"; später lauschten auch sie gebannt seinen Worten.

Dreimal wurde dem Ordensmann ein Bischofsamt angeboten. Aber er lehnte ab, wollte einfach "Bruder Bernhardin" bleiben. Auf dem Weg nach Süditalien wurde er 1444 in der Abruzzenstadt L'Aquila aus dem Leben gerissen. Schon zu Lebzeiten wurde er als Heiliger verehrt, auch dank zahlreicher Wunder und Heilungen, die ihm zugeschrieben wurden. Papst Nikolaus V. bestätigte schon 1450 seine Heiligkeit auch offiziell.

Von Anselm Verbeek (KNA)