Jüdische Bürger von Orscha, die auf dem Bahnhofsgelände Zwangsarbeit leisten, werden für die Eis- und Schneebeseitigung eingesetzt (Aufn. Februar 1942).
Bild: © ADN-ZB/Donath

Bestandaufnahme ja, Schlussstrich nein

Auf einmal ging alles ganz schnell. Als das ARD-Fernsehmagazin "Monitor" im Sommer 2000 über den angeblich flächendeckenden Einsatz von Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen während des Zweiten Weltkriegs berichtete, geriet die katholische Kirche gehörig unter Druck. Hinzu kam, dass zeitgleich der staatliche Fonds der "Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" für die Entschädigung jener Opfer des NS-Regimes eingerichtet wurde.

- 06.01.2015

Anders als die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) entschied sich die Deutsche Bischofskonferenz unter ihrem damaligen Vorsitzenden, dem Mainzer Kardinal Karl Lehmann, jedoch dagegen, in diesen Topf einzuzahlen. Stattdessen beauftragte sie Historiker der Bonner Kommission für Zeitgeschichte mit einer Expertise für das Gebiet der heute 27 deutschen Diözesen. Die Ausarbeitung bildete wenige Wochen später die Grundlage für die Einrichtung eines eigenen Entschädigungs- und Versöhnungsfonds. Bereits im November 2000 erhielten die ersten Zwangsarbeiter eine Einmal-Zahlung von 5.000 D-Mark (2.556 Euro). Insgesamt profitierten im Laufe der nächsten Jahre exakt 594 noch lebende Betroffene von dieser finanziellen Versöhnungsgeste.

Anspruchsvollste Recherche seit Jahrzehnten

Damit war die Arbeit der Wissenschaftler um Karl-Joseph Hummel und Christoph Kösters jedoch nicht getan. In der Folgezeit stellten sie ihre ersten Prognosen auf eine möglichst breite Datenbasis. Am 8. April 2008 präsentierten die Historiker in Mainz die Ergebnisse der wohl anspruchsvollsten Recherche, die während der letzten Jahrzehnte in der Katholizismusforschung durchgeführt wurde.

Das Fazit fiel eindeutig aus: "Der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte in der katholischen Kirche war nicht flächendeckend, ja nicht einmal die Regel." Insgesamt konnten 4.829 Zivilarbeiter und 1.075 Kriegsgefangene in 776 katholischen Einrichtungen ermittelt werden. Das sei ein Promilleanteil, bezogen auf die Gesamtzahl von 13 Millionen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich, wie Hummel betonte.

Trotzdem bleibt die Frage, warum dieses nach Lehmanns Worten "vergessene Kapitel kirchlicher Zeitgeschichte" erst über 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs aufgearbeitet wurde. Die an dem Projekt beteiligten Experten machten dafür vor allem drei Umstände verantwortlich: die rechtlichen Rahmenbedingungen, eine schwer zugängliche Datenbasis und ein nicht zuletzt daraus resultierendes fehlendes Problembewusstsein. So waren individuelle Entschädigungsansprüche für Zwangsarbeiter von der Wiedergutmachungsgesetzgebung der Alliierten und später der Bundesregierung ausgenommen.

1,1 Millionen Euro für Kolbe-Stiftung

Den Aufwand bei der Suche nach dem erforderlichen Quellenmaterial veranschaulichte der stellvertretende Vorsitzende der Bundeskonferenz der kirchlichen Archive in Deutschland, Thomas Scharf-Wrede. Die meisten Bestände lagen demnach weder in systematischer noch in vollständiger Form vor. Deswegen bedurfte es laut Scharf-Wrede "umfangreicher und kreativer Querblicke in nahezu allen Bestandsgruppen" - von einzelnen Personalakten bis hin zu Versicherungsunterlagen.

Heraus kam eine weitgehend umfassende Bestandsaufnahme, die nach Ansicht Lehmanns jedoch nicht als Schlussstrich zu verstehen ist. Vielmehr müsse die Versöhnungsarbeit europaweit fortgesetzt werden. Dazu passt, dass die aus dem kirchlichen Entschädigungsfonds verbliebenen 1,1 Millionen Euro inzwischen in die im September 2007 gegründete Maximilian-Kolbe-Stiftung geflossen sind. Erklärtes Ziel der Initiative ist es, die Versöhnung zwischen deutschen und polnischen Katholiken zu fördern. Aus dem östlichen Nachbarland waren einst die meisten Zwangsarbeiter gekommen, die von 1939 bis 1945 in kirchlichen Einrichtungen eingesetzt wurden.

Von Joachim Heinz (KNA)