"Mehr"-Konferenz des katholisch-charismatischen Gebetshauses in Augsburg.
Bild: © KNA
In Augsburg beginnt die Mehr-Konferenz

Beten mit Popkonzert-Atmosphäre

Gebet, Musik, Vorträge – das lockt über 10.000 Menschen nach Augsburg zur Mehr-Konferenz. Angefangen hatte man vor zehn Jahren mit nur 150 Teilnehmern. Was zieht so viele junge Leute dorthin?

Von Gabriele Höfling |  Bonn/Augsburg - 04.01.2018

Bis heute Nacht lief der Countdown: Tage, Stunden, Minuten, ja sogar Sekunden wurden auf der Homepage digital heruntergezählt. Nun ist es soweit: Das erste kirchliche Großereignis des Jahres steht an. Von heute Abend bis Sonntag findet auf dem Gelände der Augsburger Messe zum elften Mal die "Mehr"-Konferenz statt – ein eher unkonventionelles ökumenisches Gebetstreffen, das dank Lichteffekten und lauter Musik Pop-Konzert-Atmosphäre mit frommen Elementen wie Lobpreis und eucharistischer Anbetung verbindet.

Stefan Dobner, der Sprecher des Gebetshauses Augsburg, das die "Mehr" organisiert, erklärt die Idee des charismatischen Treffens so: "Wir wollen die verschiedenen Konfessionen zusammenbringen, um gemeinsam zu beten, über den Glauben nachzudenken und auch darüber, wie man ihn weitergeben kann". Ähnlich formuliert es Johannes Hartl, der Leiter des Gebetshauses. Für ihn "steht und fällt die Konferenz mit der Faszination für Gott." Es gehe bei der Mehr "um die Leidenschaft für die Schönheit Gottes", sagte er im vergangenen Jahr im Interview mit katholisch.de. Auf ihrer Homepage versprechen die Veranstalter den rund 11.000 Teilnehmern gar, bei der Mehr-Konferenz tue "Gott etwas Neues". "4 Tage, die deine Grenzen sprengen. 4 Tage in der Herrlichkeit der Anbetung. Das ist die MEHR 2018", so heißt es dort.

Der promovierte Theologe Johannes Hartl ist Gründer und Leiter des "Gebetshauses" in Augsburg.
Bild: © katholisch.de

Der promovierte Theologe Johannes Hartl ist Gründer und Leiter des "Gebetshauses" in Augsburg und Initiator der "Mehr"-Konferenz.

Die zentralen Programmelemente des Treffens, dessen Besucher im Durchschnitt 37 Jahre alt sind, bleiben immer die gleichen: Lobpreis, Musik, Vorträge. So geht es schon heute Abend ab 19.30 gleich mit einem solchen Gebet los, es folgen ein Referat zum Thema "Jubeln für Anfänger" und ein Konzert der Band "Könige und Priester". Die kommenden Tage verlaufen ähnlich und sie sind lang: Start ist Freitag und Samstag jeweils um 8 Uhr, der letzte Programmpunkt beginnt gegen 22 Uhr. Nur am Sonntag, dem Abreisetrag, ist dann schon früher Schluss. Und natürlich sind auch mehrere Gottesdienste geplant. Der Augsburger Weihbischof Florian Wörner etwa zelebriert am Samstagvormittag eine Messe. Hauptredner der Mehr-Konferenz ist traditionell ihr Gründer Johannes Hartl. Zu Gast sind aber auch der indische Philosoph Vishal Mangalwadi, der katholische Priester James Mallon, der in seiner Gemeinde in den USA Hunderte Menschen für den Glauben begeisterte, und Leo Bigger, Leiter der Zürcher Megachurch "International Christian Fellowship".

Ruhige Alternativen

Wem die Atmosphäre in der großen Halle des "MEHRauditoriums" zu sehr an ein Pop- oder Rockkonzert erinnert, für den gibt es in diesem Jahr erstmals eine ruhigere Alternative: Im benachbarten "MEHRspace" ist es leiser, es gibt mehr Bewegungsfreiheit. Zum Teil wird dort das Hauptprogramm live übertragen, zum Teil finden eigene Gebete und Workshops statt. Zu denen gehört auch die Podiumsdiskussion "Mission is possible": Hier wird das neue, im Herder-Verlag erschienene Buch "Mission Manifest" vorgestellt, in dem sechs Katholiken in zehn pointierten Thesen ihre Vision einer lebendigen, missionarischen Kirche beschreiben. Zu den Autoren gehören neben Johannes Hartl auch der Zisterzienser Karl Wallner und die Publizisten Bernhard Meuser und Sophia Kuby. Auch mehrere Bischöfe hätten das "Mission Manifest" bereits unterzeichnet, wie Gebetshaus-Sprecher Dobner sagt.

Linktipp: Beten am Rande der Stadt

Johannes Hartl setzt in seinem "Gebetshaus" am Augsburger Stadtrand die Idee um, dass 24 Stunden am Tag gebetet wird. Das Zentrum steht für Wachstum in der Kirche. Katholisch.de hat den charismatischen Prediger im Sommer 2017 besucht.

In das Augsburger Gebetshaus kommen inzwischen täglich rund 100 bis 200 Menschen, schätzt Hartl. Er hat es zusammen mit seiner Frau Jutta gegründet. Erste Überlegungen dazu hatten die beiden, die sich innerhalb der katholischen Kirche der Charismatischen Erneuerung zuordnen, schon vor vielen Jahren. Entsprechende Gebetswochenenden wurden immer stärker ausgeweitet, immer mehr Menschen machten mit. Seit September 2011 wird im Gebetsraum des Gebetshauses nun 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr gebetet – das Ziel eines durchgehenden Gebets ist erreicht.

Die Konferenz wächst seit 2008

Die erste Mehr-Konferenz gab es bereits im Jahr 2008 – und auch sie wuchs stetig. Während es am Anfang rund 150 Menschen waren, überstieg 2017 die Besucherzahl erstmals die 10.000, in diesem Jahr waren es nochmal mehr Anmeldungen. Den Erfolg erklärt sich Stefan Dobner so: "Hier wird der Glaube lebendig und authentisch weitergegeben. Der Glaube ist schließlich keine Sache für das stille Kämmerlein. Er ist eine Sache der Gemeinschaft".

Trotz des zahlenmäßigen Erfolgs gibt es auch Kritik an der Mehr-Konferenz. 169 Euro für ein reguläres Ticket – das ist den Augen mancher schon ein stolzer Preis. Die Schaffung des "MEHRspace" ist auch eine Antwort darauf, wie Dobner berichtet: Hier muss man für das Ticket nur 119 Euro hinlegen. Doch auch inhaltlich überzeugt das Format nicht jeden: Die Veranstaltung lebe von einer Reduktion auf Ästhetik und Emotionalität, sei stark am Erlebnis orientiert, eine theologische Unterfütterung fehle aber, kritisierte etwa der Münchner Religionssoziologe Armin Nassehi kürzlich gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur. Diese Kritik ist Dobner allerdings zu unkonkret: "Da fehlt dem Vorwurf der mangelnden Unterfütterung wohl die Unterfütterung", meint er knapp.

Von Gabriele Höfling

Linktipp: "Wie ein Candle-Light-Dinner mit Jesus"

Taize-Jugendtreffen, "Mehr"-Konferenz in Augsburg, Nightfever - diese Großevents ziehen immer mehr junge Menschen an. Liegt hier die Zukunft der kirchlichen Jugendarbeit? (Artikel vom Januar 2017)