Biesinger: Bischöfe müssen sofort handeln – sonst ist es zu spät
Tübinger Religionspädagoge sieht "letzten Alarmruf"

Biesinger: Bischöfe müssen sofort handeln – sonst ist es zu spät

Die Proteste von Frauen und die neue Studie zum Schrumpfen der Kirchen seien wie ein letzter Alarmruf, warnt Religionspädagoge Albert Biesinger. Ohne sofortige kirchliche Reformen gingen viele Gläubige für immer verloren.

Freiburg - 10.05.2019

Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger hat die katholischen Bischöfe zu sofortigen Reformen aufgerufen. "Die Proteste von Frauen und die neue Studie zum Schrumpfen der Kirchen sind ein letzter Alarmruf", sagte er am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Freiburg. "Wenn sich jetzt nichts Grundlegendes verändert, werden sich noch mehr Menschen von den christlichen Kirchen abwenden und für immer für die christliche Botschaft verloren sein."

Biesinger hält zwei Schritte für entscheidend: erstens die Weihe von Frauen zu Diakoninnen, zweitens die Weihe von verheirateten Männern in Zivilberufen zu Priestern. Nur so könne ein neues Netz religiösen Lebens entstehen. "Frauen sind die Stützen des kirchlichen Lebens. Wenn wir ihre Kränkung fortsetzen und sie weiterhin vom Weiheamt ausschließen, wird das katastrophale Folgen haben", so der Theologe.

Er könne die ab dem Wochenende geplanten bundesweiten Proteste von Katholikinnen verstehen. Ausgehend von der Münsteraner Initiative "Maria 2.0" wird es auch in Baden-Württemberg Kirchenstreikaktionen geben. Vor dem Freiburger Münster sind am Sonntag Protestaktionen geplant - am Rande der Weihe von sechs Männern zu Priestern.

Qualitätssteigerung bei seelsorglichen Angeboten notwendig

Biesinger nannte eine Qualitätssteigerung bei den seelsorglichen und religiösen Angeboten notwendig. Es sei beispielsweise eine "pastorale Todsünde", bei der Vorbereitung zur Erstkommunion nicht auf die existenziellen Sinnfragen und Glaubenszweifel von Eltern einzugehen. "Wenn es keine familienorientierte Katechese gibt, sind nach dem Festgottesdienst Kinder wie Eltern wieder weg. Solche hausgemachten Fehler müssen endlich vermieden werden."

Der Religionspädagoge, der lange an der Universität Tübingen lehrte und Standardwerke zur religiösen Erziehung verfasst hat, sprach sich für mehr "Glaubenskommunikation mit echtem Lebensbezug" in Kitas, Kindergärten und Schulen aus. Auch die katholische Jugendarbeit müsse kompetenter werden. "Der christliche Glaube lebt von seinen befreienden Verheißungen. Aber wenn sich die Kirche immer weiter aus dem Nahbereich der Menschen zurückzieht, werden sich immer mehr Menschen und vor allem die Jüngeren abwenden", so der Theologe.

Er verwies auf jüngste Prognosen von Wissenschaftlern der Universität Freiburg, wonach die beiden großen Kirchen in Deutschland 2060 nur noch rund halb so viele Mitglieder haben werden wie heute: 22,7 Millionen statt 44,8 Millionen. (KNA)