Bischof von Como soll Missbrauch vertuscht haben
Neue Vorwüfe zu angeblichem Missbrauch in Vatikan-Seminar

Bischof von Como soll Missbrauch vertuscht haben

Ein Seminar im Vatikan nimmt Schüler auf, die sich für den Priesterberuf interessieren. Hier soll es vor 10 Jahren zu Missbräuchen gekommen sein. Jetzt gerät Bischof Diego Coletti deshalb ins Visier.

Rom - 20.11.2017

Im Fall des mutmaßlichen Missbrauchs in einem vatikanischen Seminar für angehende Priester gerät jetzt Diego Coletti, der frühere Bischof von Como (2007-16), ins Visier. Der heute 76-Jährige soll nicht nur über die Vorwürfe informiert gewesen sein, sondern zudem nichts gegen den mutmaßlichen Schuldigen unternommen haben. Das berichtete am Sonntagabend das TV-Magazin "Le Iene" (Die Hyänen) in einer zweiten Folge zu den Vorkommnissen im "Preseminario San Pio X" vor etwa zehn Jahren.

In einem ersten Beitrag am 12. November hatte ein ehemaliger Ministrant berichtet, sein Zimmernachbar sei vor seinen Augen mehrfach von einem Seminaristen sexuell missbraucht worden. Er habe diese Vorfälle später beim geistlichen Leiter angezeigt und sei daraufhin der Bildungseinrichtung für angehende Seminaristen verwiesen worden. Der mutmaßliche Täter sei 2017 zum Priester geweiht worden, obwohl die Vorwürfe gegen ihn bekannt gewesen seien.

Daraufhin hatte der Vatikan am vergangenen Samstag mitgeteilt, zu den Vorwürfen seien Ermittlungen wieder aufgenommen worden. "Unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse, die sich jüngst ergaben, ist eine neue Untersuchung im Gang, um völliges Licht in die tatsächlich vorgefallenen Ereignisse zu bringen", hieß es in einer Mitteilung des vatikanischen Presseamtes. Bereits 2013 seien nach dem Eingang anonymer wie nicht anonymer Hinweise Untersuchungen zu dem Fall aufgenommen worden, sowohl durch die Leitung des Seminars als auch durch den Bischof von Como. Damals seien keine "entsprechenden Bestätigungen" gefunden worden.

Jetziger Bischof mahnt Ehrlichkeit an

Der jetzige Bischof von Como, Oscar Cantoni, hatte am Wochenende in einem Brief an seine Diözese Ehrlichkeit angemahnt. Es gehe darum, "die Realität zu sehen, ohne den aussichtslosen Versuch zu unternehmen, irgendetwas verheimlichen zu wollen". Aus dem Schreiben zitierte die Tageszeitung "Avvenire" am Sonntag. Cantonis norditalienisches Bistum ist für die Ausbilder des Seminars im Vatikan verantwortlich.

Der italienische Autor Gianluigi Nuzzi hatte in seinem neuen Buch "Peccato originale" (dt. Sündenfall) Berichte über mutmaßlichen Missbrauch Minderjähriger im Vatikan öffentlich gemacht. Der italienische Sender "Italia 1" griff diese Vorwürfe in seinem Magazin "Le Iene" auf.

Das "Preseminario San Pio X" ist ein 1956 gegründetes Konvikt mit Sitz im Vatikan, unweit des Vatikangästehauses Santa Marta. Es nimmt Schüler im Alter von 11 bis 14 Jahren auf, die am Beruf des Priesters interessiert sind. Laut eigenen Angaben wurden mehr als 80 Schüler der Einrichtung später Priester oder Ordensleute. Die Schüler werden als Messdiener im Petersdom eingesetzt. (bod/KNA)