Bischöfe: Missbrauchsstudie hat uns wachgerüttelt
Hirten bekunden Aufklärungswillen

Bischöfe: Missbrauchsstudie hat uns wachgerüttelt

Die katholische Kirche ringt um die angemessene Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Wortmeldungen - an diesem Samstag aus Hildesheim und Berlin.

Bonn - 22.12.2018

Über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche zeigt sich der Berliner Erzbischof Heiner Koch betroffen und beschämt. "Diese Studie hat uns wachgerüttelt", sagte Koch am Samstag im Interview der "Märkischen Oderzeitung". "Gerade an Weihnachten, wo wir uns doch daran erinnern, dass Gott als Kind auf die Welt kommt, ist der Gedanke daran, dass Kinder, die uns anvertraut wurden, von Priestern missbraucht wurden, besonders unerträglich."

Koch: Jede Vertuschung verhindern

Das Erzbistum Berlin sei bereits seit 2010 und dem Bekanntwerden der Fälle am Canisius-Kolleg mit der Aufarbeitung beschäftigt. "Aber wir sind weiter dabei zu suchen, was wir noch tun müssen." Die Themen Missbrauch und Prävention müssten im Gespräch bleiben und jede Vertuschung verhindert werden.

Heiner Koch im Porträt

Heiner Koch ist Erzbischof von Berlin.

Auch der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer fordert einen "klaren Kurs" bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. "Es geht um Gerechtigkeit, nicht um den Ruf der Kirche. Das wäre gewissermaßen nur ein Kollateralnutzen", sagte Wilmer am Samstag der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Bei der christlichen Botschaft stehe "der Mensch im Mittelpunkt, nicht eine Institution". Die Missbrauchsfälle erschütterten heute die Kirche weltweit "bis ins Mark". Wilmer sagte: "Die Kirche ist eben nicht nur heilig, sie ist auch sündig, und sie bedarf der steten Umkehr."

Auf die Frage, ob nicht auch der Zölibat schuld an den Verbrechen sei, sagte der Bischof, er sei zwar dafür, dass über den Zölibat diskutiert werde, denke aber nicht, "dass dies kausal zusammenhängt". Die "Fehler im System" lägen anderswo. "Beim Missbrauch geht es um Macht. Wir brauchen eine Gewaltenteilung in der Kirche; Macht darf nicht absolut sein." Schon in den Priesterseminaren müssen genau hingeschaut werden, "wen sie aufnehmen und wie sie ausbilden". Der Missbrauch sei nur deshalb so lange möglich gewesen, weil viele Menschen geschwiegen und weggesehen hätten. "Inzwischen ist der Pegel der Achtsamkeit gestiegen, und das ist gut so."

Bild: © scj.de

Heiner Wilmer ist seit 25. Mai 2015 Genereloberer des Ordens der Herz-Jesu-Priester.

Wilmer hatte kürzlich seinen Vorvorgänger Josef Homeyer (1983-2004) im Umgang mit Missbrauchsfällen kritisiert. In der Zeitung sagte er, dass er Homeyer nach wie vor für einen "großen Bischof" halte. "Im Umgang mit mutmaßlichen Missbrauchstätern allerdings hat er nicht konsequent genug gehandelt. Das ist nicht hinnehmbar." Einige Menschen seien irritiert gewesen, weil er selbst Namen genannt und drastische Worte gewählt habe, so Wilmer. "Ich glaube aber, Bischof Josef hätte ebenso gehandelt, wenn er heute an meiner Stelle wäre." Man könne Fälle von sexualisierter Gewalt "nicht einfach abtun oder sagen, dass diese eben aus ihrer Zeit heraus beurteilt werden müssen", betonte Wilmer.

3.677 Betroffene sexueller Übergriffe

Für die katholische Kirche in Deutschland hatten Wissenschaftler Ende September eine Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda vorgestellt. In den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 fand das Forscherteam Hinweise auf 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. Die Experten gehen von weiteren Fällen aus, die nicht in den Akten erfasst sind. (gho/KNA)