Bischöfe treibt auch zu Weihnachten das Thema Missbrauch um
Fragen nach Macht und Reformen

Bischöfe treibt auch zu Weihnachten das Thema Missbrauch um

"Vertrauen ist ins Wanken geraten", so Paderborns Erzbischof Becker. Sein Amtsbruder in Mainz sieht "eine dunkle Seite dieser Kirche". Das Thema Missbrauch beschäftigt die Bischöfe. Einer setzte ein besonderes Zeichen.

Von Joachim Heinz (KNA) |  Bonn - 26.12.2018

"Die Wahrheit wird euch befreien", lehrte Jesus einst seine Zuhörer. Menschliche Erfahrung lehrt aber auch: Zur Wahrheit braucht es Mut. Mut, zu seinen Überzeugungen zu stehen. Oder Mut, eigene Fehler zu bekennen. An Weihnachten, dem Geburtsfest Jesu, tat Bischof Franz-Josef Bode einen besonderen Schritt. Zu Beginn des Weihnachtsgottesdienstes im Osnabrücker Dom räumte er vor versammelter Gemeinde Versäumnisse im Umgang mit einem des Missbrauchs beschuldigten Priester ein.

Nach seiner Pensionierung sei der Betreffende sogar zum zeitweiligen Leiter einer Pfarrei und zum unterstützenden Priester ernannt worden - "von mir unterschrieben", so Bode: "Dessen bin ich mir schmerzhaft bewusst, und ich bitte dafür um Vergebung und Entschuldigung." Ein aktiver Bischof, der persönliches Versagen in einem konkreten Fall öffentlich macht: Das ist in der Debatte um Missbrauch in der katholischen Kirche ein bemerkenswerter Schlusspunkt in diesem zu Ende gehenden Jahr.

"Fernduell" zwischen Hildesheim und Köln

Aber auch viele von Bodes Amtsbrüdern setzten sich mit dem Thema auseinander. Dabei wurde offenbar: Es stehen bisher noch ungelöste Fragen von Macht und Reform im Raum. Das Ringen um den künftigen Kurs der Kirche dürfte auch 2019 weitergehen. Das Spannungsfeld verdeutlichte vor Weihnachten ein "Fernduell" zwischen dem Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer und dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. "Wir Bischöfe sitzen für mein Empfinden immer noch zu sehr auf dem hohen Ross", sagte Wilmer dem "Kölner Stadt-Anzeiger" und fügte hinzu: "Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche."

Woelki konterte wenig später im Deutschlandfunk, mit dieser sehr drastischen Formulierung sei Wilmer zu weit gegangen. Es gebe zwar "eine schwere Schuld, die wir auf uns geladen haben", doch wenn der Missbrauch von Macht in der DNA der Kirche stecke, "dann müsste ich aus der Kirche austreten".

Heiner Wilmer im Mariendorm

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer sagte: "Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche." Kurz darauf widersprach ihm der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki.

Eine Brücke baute der Würzburger Bischof Franz Jung in seiner Weihnachtspredigt. Die Kirche müsse lernen, sich zu ihrer Fehlbarkeit zu bekennen, und sich bewusst sein, dass ungeteilte Macht dazu führen könne, Macht zu missbrauchen.

"Das heißt für mich nicht, dass man einfach alles über Bord werfen muss, was bisher gegolten hat", betonte Jung. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der man davon ausgegangen sei, gut zu sein, müsse einer gesunden Skepsis weichen. Jungs Essener Amtsbruder Franz-Josef Overbeck erwartet Veränderungen in der Kirche. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bekräftigte in der "Bild am Sonntag" erneut, man werde sich "auf den Weg machen", um grundlegendere Fragen anzugehen wie Sexualmoral, Ausbildung und Lebensform der Priester "sowie das Thema Macht und Teilhabe in der Kirche".

Theologen Grün und Müller weisen auf Herausforderungen hin

Genau darin sehen Theologen wie der Benediktinerpater Anselm Grün die entscheidende Herausforderung. Kirche, so beklagte Grün in der "Zeit" habe nie eine "richtige Theologie der Macht entwickelt". Für Wunibald Müller, als ehemaliger Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach langjähriger Nachbar Grüns, liegt die Sache auf der Hand: Das innerkirchliche Machtgefälle müsse abgebaut werden, Laien mehr Verantwortung übernehmen, sagte er dem Onlineportal der "Welt".

Der Theologe und Psychotherapeut spricht von einem "Netzwerk gegenseitiger Unterstützung und Ermächtigung". In diesem Netzwerk seien alle "gleich würdig und gleichberechtigt", Frauen wie Männer. Den Bischöfen rät Müller, "im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt, so zu leben, wie die Menschen um sie her üblicherweise leben". Es gelte, das Leben mit anderen Christen zu teilen und bereit zu sein, das eigene Tun kritisch zu hinterfragen.

Einige Oberhirten in Deutschland bewegten sich bereits in diese Richtung, fügte der Theologe hinzu. "Sie gilt es zu unterstützen. Andere wehren sich dagegen. Ihnen muss man helfen, umzudenken und umzukehren." Kirche lebt von Wahrhaftigkeit. Und die christliche Botschaft hat immer noch das Zeug, die Gesellschaft zu verändern. Auch das zeigte sich übrigens in den Weihnachtspredigten der Bischöfe.

Von Joachim Heinz (KNA)