Bistum Aachen: Zwei Geschichten und eine Aufgabe
Serie: Unsere Bistümer

Bistum Aachen: Zwei Geschichten und eine Aufgabe

Das Bistum ganz im Westen ist eine besondere Konstruktion: Denn es wurde gleich zwei Mal gegründet – und das jeweils unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen. Heute ist die Diözese immer noch ein bisschen auf der Suche nach sich selbst.

Von Christoph Paul Hartmann |  Aachen - 20.07.2019

Wer die Geschichte des Bistums Aachen erkunden will, sollte sich auf eine Doppelpackung einstellen. Denn die westlichste deutsche Diözese an der Grenze zu den Niederlanden und Belgien kann gleich zwei Gründungsdaten aufweisen. Das erste Datum liegt im Jahr 1802. Unter Napoleon waren Gebiete des Erzbistums Köln links des Rheins an Frankreich gefallen, dessen Potentat die Region auch kirchlich neu organisieren und mit einem Streich Köln entmachten wollte. Bistumsstadt der neuen Diözese wurde deshalb Aachen, wo es mit dem Dom schon eine lange kirchliche Tradition gab. Erster Bischof wurde der zweisprachige Ostfranzose Marc-Antoine Berdolet, den Napoleon mit dem Segen des ihm wohlgesonnenen Papstes Pius VII. auf den Bischofsthron hievte. Als Berdolet jedoch 1809 starb, hatte sich das Verhältnis zwischen Napoleon und dem Heiligen Stuhl sichtlich abgekühlt, sein Nachfolger Jean-Denis-François Camus bekam nicht den Segen des Pontifex und wurde nie offiziell Bischof. Nach dem Ende der französischen Herrschaft wurde das Bistum 1825 wieder aufgelöst, das Gebiet fiel größtenteils wieder dem Kölner Erzbistum zu.

Doch schon gut 100 Jahre später gab es wieder Pläne für ein Bistum Aachen. Dieses Mal aber aus ganz anderen Erwägungen: Das Erzbistum Köln war mit 3,5 Millionen Katholiken schlicht zu groß. Deshalb plädierte nicht zuletzt der päpstliche Nuntius für Deutschland, Eugenio Pacelli – ab 1939 Papst Pius XII. – für eine neue Diözese. Da es in Aachen bereits Dom und Stiftskapitel gab, fiel die Wahl auf die rheinische Stadt. Architekt der Neugründung war der Kölner Generalvikar Joseph Heinrich Peter Vogt. Er zog die Grenzen des neuen Bistums manchmal scheinbar willkürlich – dabei standen oft dezidiert persönliche Interessen hinter seinen Entscheidungen. Missliebige Priester schickte er dem Vernehmen nach in künftig Aachener Teile, das malerische Städtchen Bad Münstereifel blieb bei Köln, weil er dort selbst gern hinfuhr. "Ironie der Geschichte: Vogt wurde dann der erste Aachener Bischof", erzählt Rolf-Peter Cremer, der Leiter der Hauptabteilung Pastoral / Schule / Bildung im Aachener Generalvikariat, nicht ohne ein Schmunzeln. 1930 ging es im neuen Generalvikariat los – zunächst ganz bescheiden mit nur wenigen Mitarbeitern.

Eugenio Pacelli,
Bild: © KNA

Nuntius Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII.

Neben den drei Großstädten Aachen, Mönchengladbach und Krefeld gehören bis heute zahlreiche ländliche Regionen zum Bistum: Neben dem Kreis Heinsberg Teile der Kreise Düren und Viersen am Niederrhein, mit ein paar kleinen Ausnahmen die Städte Korschenbroich und Meerbusch sowie die ganze Stadt Jüchen. Dazu die Gemeinden Blankenheim, Dahlem, Hellenthal, Kall, Nettersheim, Mechernich und Schleiden in beziehungsweise kurz vor der Eifel. Die regionale Vielfalt ist also groß, außerdem wohnen zwei Drittel der Katholiken auf dem Land. "Da einen gemeinsamen Nenner zu finden, ist bis heute schwierig", sagt Cremer.

Regionale Konzepte

Ein Konzept für die Diversität brachte der langjährige Bischof Klaus Hemmerle mit, der dem Bistum von 1975 bis 1994 vorstand. Ganz im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils setzte er auf die Kirche "um die Ecke". Er griff die Idee seines Vorgängers Johannes Pohlschneider auf, der die Diözese in acht Regionen aufgeteilt hatte. Jede dieser Regionen konnte für sich pastorale Schwerpunkte setzen: Im sozial schwachen Mönchengladbach gab es einen sozialen Schwerpunkt, in ländlichen Gebieten wurde auf die lokale Pfarrfamilie gesetzt. Darüber hinaus setzte Hemmerle Ecksteine für die Zukunft: Er sorgte schon früh für eine Profilierung der Berufsidentität von Priestern Diakonen, Gemeinde und Pastoralreferenten. Außerdem ließ er Laien großen Spielraum und sie wurden schon früh an Entscheidungen beteiligt. Auch über neue Formen der Gemeindeleitung (nach Can. 517 § 2 CIC) dachte Hemmerle nach. Außerdem betonte er in einem Hirtenwort 1989 die "Weggemeinschaft" zwischen Priestern und Laien, Pastoralteams miteinander, Gemeinden untereinander und den verschiedenen Konfessionen.

KLaus Haemmerle, der ehemalige Bischof von Aachen
Bild: © KNA

Klaus Hemmerle setzte auf die Kirche "um die Ecke".

Hemmerle war ein Denker, ein Intellektueller – für die Umsetzung seiner Ideen fehlte ihm aber oft die Kraft. Vieles setzte erst sein Nachfolger, Heinrich Mussinghoff, um. Im Gegensatz zu Hemmerle galt Mussinghoff als zupackender Charakter, der weiterhin auf die Beteiligung der Gläubigen setzte. Das Erbe dieser Politik zeigt sich noch heute: Als es um eine Pfarreireform in der Diözese ging, schalteten sich die Gläubigen mit zum Teil sehr kritischen Kommentaren ein.

Regionalisierung und Mitbestimmung haben aber bis heute nicht dazu geführt, dass sich in der jungen Diözese eine Art Gemeinschaftsbewusstsein eingestellt hätte: In der Eifel zieht es die Menschen eher nach Köln – allein schon wegen der einfachen Zugverbindung. Der Niederrhein fährt hingegen lieber nach Düsseldorf. Über das eigene Umfeld hinaus konnte Aachen bisher als Bistumsmittelpunkt beinahe keine Gläubigen an sich ziehen. "Von der Heiligtumsfahrt abgesehen ist die Bindung an die Stadt Aachen im Bistum traditionell eher unterbemittelt", stellt Cremer fest. Die Städte Mönchengladbach und vor allem Krefeld sind säkular geprägt. Zudem leben durch die technische Hochschule in Aachen dort viele Studierende und Wissenschaftler technischer und naturwissenschaftlicher Studiengänge, die tendenziell seltener kirchen-nah sind. Dadurch ist Aachen weniger ein religiöses Zentrum als andere Bistumsstädte.

Ein Pfund: Die Heiligtumsfahrt

Die Heiligtumsfahrt ist eine große Ausnahme: Wenn alle sieben Jahre das Kleid Mariens, Windeln und Lendentuch Jesu sowie das Enthauptungstuch Johannes des Täufers im Domchor ausgestellt werden, kommen stets viele Menschen in die Stadt – 2014 etwa 125.000. Hier zeigt sich das Bistum für die veränderte Bevölkerungsstruktur offen: Standen bis zum Jahr 2000 noch vorrangig traditionelle Pilger im Mittelpunkt der Feierlichkeiten, weitete man bei den vergangenen zwei Wallfahrten den Blick, erzählt Cremer: "Wir haben Angebote auch gezielt auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten, wie Schulen, Kindergärten – aber zum Beispiel auch Biker." Dadurch ist die Zahl der Besucher zuletzt spürbar gestiegen. Zur nächsten Heiligtumsfahrt 2021 wollen das Domkapitel und die Diözese mit weiteren Veranstaltungsformen experimentieren, gezielt niederschwellige Angebote machen und auf ein erweitertes Kulturprogramm setzen. "Das soll dann auch die Aachener vor Ort, die Umgebung und die Euregio mehr und neu ansprechen", so Cremer.

Eröffnung der Heiligtumsfahrt 2014 im Aachener Dom.
Bild: © KNA

Eröffnung der Heiligtumsfahrt 2014 im Aachener Dom mit dem damaligen Bischof Heinrich Mussinghoff.

Nach und nach scheint sich die Stadt tatsächlich als Bistumsmitte zu etablieren. Wurde beispielsweise die "missio canonica" für Religionslehrer lange Zeit immer an einem anderen Ort in der Diözese verliehen, haben sich die Nachwuchslehrer in den vergangenen Jahren stets gewünscht, sie im Dom zu bekommen.

Das junge Aachener Bistum ist also weiter im Werden begriffen. Mit der schwindenden Anzahl an Kirchenmitgliedern und Priestern wandelt sich die Kirche aufs Neue. Der Prozess "Heute bei dir" soll diesen Wandel begleiten und möglichst viele Gruppen mit einbeziehen. Ein paar Schritte hat die Diözese schon gemacht: Nirgends gibt es mehr Kolumbarien (Urnenkirchen) als im Aachener Raum – wo es zusätzlich zur Bestattung auch pastorale Angebote gibt. Die Suche nach der Kirche von Morgen ist also auch im Bistum Aachen erstmal nicht zu Ende.

Von Christoph Paul Hartmann