Bistum Essen übergibt Akten zu möglichem Missbrauch an Behörden
Staatsanwaltschaft soll 41 Verdachtsfälle überprüfen

Bistum Essen übergibt Akten zu möglichem Missbrauch an Behörden

Die Staatsanwaltschaft Essen soll laut einer Übereinkunft mit dem Bistum Essen 41 Akten über mögliche Missbrauchsfälle durch Geistliche im Ruhrbistum überprüfen. Man müsse davon ausgehen, dass es sich bei den betreffenden Fällen tätsächlich um Täter handle, so die Diözese.

Essen - 17.11.2018

Das Bistum Essen wird der Staatsanwaltschaft 41 Akten über mögliche Missbrauchsfälle durch Geistliche zur Verfügung stellen. Einen entsprechenden Bericht der katholischen Wochenzeitung "Neues Ruhrwort" bestätigte Bistumssprecher Ulrich Lota am Freitagabend der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). In den betreffenden Fällen müsse man davon ausgehen, dass es sich bei den Beschuldigten tatsächlich um Täter handle.

Am Donnerstag habe man sich mit der Staatsanwaltschaft darauf verständigt, dass diese die Akten offiziell anfordern werde, so Lota weiter. Das Bistum habe dieses Gespräch von sich aus gesucht; mit der Ermittlungsbehörde bestehe seit Jahren ein guter Kontakt. Bereits die bischöfliche Verfahrensordnung zum Umgang mit Hinweisen auf sexuellen Missbrauch durch Geistliche sei mit Staatsanwaltschaft, Landgericht und Polizei abgestimmt worden.

Bislang keine Anzeige gegen Unbekannt eingegangen

Der Bistumssprecher erklärte weiter, das Gespräch habe unabhängig von den angekündigten Anzeigen von Strafrechtlern stattgefunden. Ende Oktober hatte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, eine Gruppe von Strafrechtsprofessoren um den Passauer Holm Putzke habe Anzeige gegen Unbekannt erstattet und sie bei Staatsanwaltschaften im Bezirk jedes Bistums eingereicht. Den Eingang einer solchen Anzeige könne sie für Essen bislang nicht bestätigen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Essen, Oberstaatsanwältin Anette Milk, dem "Neuen Ruhrwort".

Themenseite: Missbrauch

2010 wurde erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt. Seitdem bemüht sich die Kirche um eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Bei ihrer Vollversammlung veröffentlichen die deutschen Bischöfe am 25. September 2018 eine Studie, die die Missbrauchsfälle im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 1946 und 2014 dokumentiert.

"Wir rechnen mit den Unterlagen in den nächsten Tagen", so Milk weiter. Da die Bistumsgrenzen und der Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Essen nicht deckungsgleich seien, sei es möglich, dass Akten an andere Behörden abgegeben würden.

Mindestens 85 Missbrauchsopfer im Bistum Essen

Das Bistum Essen hat seit seiner Gründung 1958 nach eigenen Angaben "mindestens 85 Opfer von sexuellen Übergriffen" und 60 beschuldigte Geistliche verzeichnet. 19 Priester seine verurteilt worden: sieben von ihnen straf- und kirchenrechtlich, vier nur strafrechtlich und acht nur kirchenrechtlich. Für die anderen 41 Priester gebe es ernstzunehmende Hinweise auf Missbrauchstaten, so das Bistum.

Im Zusammenhang mit der im September veröffentlichten Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland hatten Kritiker der Kirche immer wieder vorgeworfen, der Justiz keine Akteneinsicht zu gewähren. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Triers Bischof Stephan Ackermann, und etliche Bistümer haben jedoch „volle Kooperationsbereitschaft“ mit der Justiz angekündigt. Dem "Spiegel" (Samstag) sagte Ackermann jetzt, man wolle die Archive für unabhängige Fachleute öffnen: "Es ist klar, dass die nun folgende Aufarbeitung keine interne Sache mehr sein kann." Über das Thema wollen die Bischöfe auch zu Wochenbeginn während ihres turnusmäßigen Treffens beim Ständigen Rat in Würzburg beraten. (stz/KNA)