Bistumsgeschichte von irischen Mönchen bis zu syrischen Vertriebenen
Forscher erarbeiten Glaubenshistorie des deutschen Südwestens

Bistumsgeschichte von irischen Mönchen bis zu syrischen Vertriebenen

Nach zehn Jahren Arbeit ist sie nun fertig: Auf 1.500 Seiten haben Historiker die Geschichte der Diözese Rottenburg-Stuttgart aufgeschrieben. Daraus wurde aber mehr: die Glaubensgeschichte einer ganzen Region.

Von Christoph Paul Hartmann |  Rottenburg - 05.05.2019

Man hätte es sich ganz einfach machen können: Denn offiziell beginnt die Geschichte der Diözese Rottenburg-Stuttgart erst im Jahr 1821, als sie durch die päpstlichen Bullen "De salute animarum" und "Provida solersque" gegründet wird. Das macht sie zu einer der jüngeren Diözesen in Deutschland. "Sie ist ein Kind der Französischen Revolution", beschreibt es Andreas Holzem. Der Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Tübingen hat die zwei Sammelbände über die Geschichte des Bistums mitherausgegeben. Doch eben genau das, eine reine Bistumsgeschichte, wollen die 1.500 Seiten nicht sein. Vielmehr setzen sie ganz am Anfang an und erzählen eine Glaubens- und Gesellschaftsgeschichte.

Das Christentum kommt erst relativ spät in die Gegend zwischen Bodensee und Taubergrund, Schwarzwald und Härtsfeld. In der Spätphase des römischen Reiches sind die Menschen dort zum größten Teil noch Heiden. Das ändert sich im vierten und fünften Jahrhundert, als irische Wandermönche von Nordfrankreich aus zunächst den Bodenseeraum missionieren. Damit entfernen sie sich von der Zivilisation. Die Gebiete der Alemannen gelten zur damaligen Zeit als "wildes Gelände", wie es Andreas Holzem ausdrückt. Die alemannische und christliche Kultur vermischen sich, davon gibt es heute noch Spuren. So wurden bei Ausgrabungen an der Sülchenkirche in der Nähe von Rottenburg Spuren keltisch-alemannischer Siedlungen gefunden, die den Übergang zum Christentum zeigen. Auch Gräber der Wanderkleriker zeugen davon.

Die Zierscheibe mit Kreuzen stammt aus der Mitte des 7. Jahrhunderts und wurde im Umfeld der Rottenburger Sülchenkirche bei archäologischen Grabungen gefunden.

Dieser Modus des Übergangs sollte die Region auch einige Jahrhunderte später prägen. Allerdings auf eine ganz andere Art: Denn der deutsche Südwesten und das religiöse Leben dort werden auch durch die Reformation nachhaltig geprägt. Wichtige Traditionslinien der Konfessionsteilung werden hier erkennbar, sagt Holzem: "Früher sah man die Reformation als ein Ereignis, dass schlagartig kam. Es ist aber vielmehr das Ergebnis von Erneuerungsimpulsen, die es in der Region gab." Das Gebiet der heutigen Diözese ist damals gut vernetzt: Intellektueller Verkehr zieht sich bis in die Schweiz und nach Norditalien, befeuert durch die Erfindung des Buchsdrucks und die Gründung der Tübinger Universität 1477. Das sorgt für viele neue Ideen: Konziliarismus, Humanismus und Renaissance sind an der Tagesordnung und begünstigen die Reformation. Die erfasst weite Teile der Region, wird aber auch für jene Landstriche am Bodensee, um Ellwangen, in Oberschwaben oder in und um Rottenburg wichtig, die katholisch bleiben. Glaube wird von nun an immer in direkter Nachbarschaft mit der konfessionellen "Konkurrenz" gelebt – was sich auch künstlerisch manifestiert: Der Barock prägt bis heute architektonisch viele Kirchen als steingewordenes Statement der Abgrenzung zu den bildfeindlichen Protestanten.

Kunst und Gewalt

Doch das sogenannte "parting of ways", die unterschiedlichen Verstehensweisen des Christentums, die sich in den Konfessionen mehr und mehr manifestieren, sorgen auch für Gewalt: Der Dreißigjährige Krieg macht das Leben zwei Generationen lang zur Hölle. Im Buch werden Pfarrerberichte von verrohten Bauern zitiert, die unter primitivsten Bedingungen leben und den Sinn für das Religiöse zum großen Teil verloren haben. An den Geistlichen ist es nun, eine neue Infrastruktur des Glaubens zu schaffen.

Ähnlich turbulente Umstände begleiten auch die Bistumsgründung Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Französische Revolution und die ihr nachfolgenden Kriege haben das Gesicht Europas nachhaltig und unumkehrbar verändert und die staatliche wie kirchliche Ordnung über den Haufen geworfen. Nachfolgestaaten des alten Reichs wie beispielsweise das Königreich Württemberg arbeiten an einer neuen Kirchenorganisation. Sie wünschen sich viel staatlichen Einfluss auf das kirchliche Geschehen, denn die Gläubigen sollen gehorsame, fleißige Untertanen sein. Zudem ringen sie mit Rom um die passende "Kultur" der neuen Bistümer. So wünscht sich etwa Württemberg eine aufgeklärte Kirche im Einklang mit den neuen Staatskonzepten, die zu der Zeit im Sinne von Rationalismus und Aufklärung umgesetzt werden. Auch auf dem Land soll eine "intellektuelle Bürgerreligion" entstehen und die Menschen nicht nur einen aufgeklärten Glauben haben, sondern auch in anderen Bereichen wie Landwirtschaft gebildet werden.

Konflikt zwischen Herrschern und Volksfrömmigkeit

Dieses aufklärerische Konzept passt jedoch oft nicht zum Frömmigkeitsverhalten der Menschen: So erzählt Kirchenhistoriker Holzem von einer Viehseuche in Haisterkirch in den 1770er Jahren. Als Reaktion treiben die Dorfbewohner das gesamte Vieh in die Mitte des Dorfes, legen einen gefällten Baum quer über den Platz und treiben die Herde von hinten an. Die Kuh, die als erste über den Baumstamm springt, wird im nächsten Wallfahrtort geopfert. "Diese Art der Religionspraxis hat mit der Aufklärung nichts zu tun; sie folgt einer anderen Logik. Da entstanden Konflikte", sagt Holzem.

Die kulturelle Diskrepanz zwischen Tradition und Progression prägt das Gebiet lange – bis sich die antiaufklärerischen Ultramontanen durchsetzen: Sie brandmarken die modernen Ideen als antikatholisch und unchristlich. Angetrieben und finanziert werden solche konservativen Kreise von einigen Standesherren, ehemals reichsunmittelbaren Fürsten, die den Verlust ihres Status durch die Revolution nicht verwunden haben und mit Hilfe des Glaubens Politik machen wollen.

Schüler des Martinihauses in Rottenburg beim Tischtennis mit Bischof Georg Moser im Jahr 1977.

Das Zusammenspiel von Glauben und Politik prägt die Region vor allem im 20. Jahrhundert, als etwa der damalige Bischof Joannes Baptista Sproll gegen die Nationalsozialisten predigt. Mit dem Ende der NS-Diktatur wird die Religion ein "allerletzter Nothelfer" beim Vormarsch der Alliierten: "Im Keller wird der Rosenkranz gebetet; man singt Kirchenlieder. Draußen scharen sich alle um den Pfarrer, weil nur ihm die Autorität zugesprochen wird, die Menschen vor Racheakten der vorrückenden Soldaten zu beschützen", so Holzem. Den Pfarrern kommt auch bei der Integration der Vertriebenen aus den Ostgebieten eine wichtige Rolle zu, denn die Geflüchteten beschreiben die Atmosphäre in ihrer neuen Heimat als kalt. Jeder denkt nach den Kriegsjahren vor allem an sich, die "Fremden" stören. Selbst manche Pfarrer müssen vom Bischof aufgefordert werden, ein Vorbild in Sachen Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu sein. "Wenn ihr eure Türen verschließt, werden die Menschen in eurer Gemeinde das auch tun", heißt es da. "Das ist ganz klar mit der mangelnden Willkommenskultur gegenüber syrischen Flüchtlingen vergleichbar", sagt Andreas Holzem mit Blick auf die aktuelle Situation in Deutschland.

Missbrauch als Jahrhundertskandal

Heute steckt die Kirche durch den Missbrauchsskandal "mindestens in einer Jahrhundertkrise", so Holzem. Der Missbrauch ist für ihn aber nur der Auslöser: Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entsteht  "nach der bleiernen Zeit des Ultramontanismus eine enorme Dynamik des Wandels." Die Kirche wandelt sich aber nicht so weitreichend und schnell, wie sich das viele Gläubige erhoffen. Enttäuschung macht sich breit. Der Missbrauch bringt das Fass des Reformstaus zum Überlaufen und zerstört viel vom Restvertrauen in die Institution. Deshalb gehe es bei der Bewältigung dieser Krise nicht nur um die Aufarbeitung des Missbrauchs, sondern auch um die Fallhöhe einer Kirche, die in letzter Zeit zunehmend auf Bewahrung, Beharrung und Autorität gepocht hat.

Diese Situation ist in den Augen von Andreas Holzem aber nicht ausweglos. Er vergleicht den Status Quo mit der modernen Skulptur des heiligen Martin in Rottenburg, dem Schutzpatron des Doms und des Bistums. In dieser Darstellung sind bei der Mantelteilung sowohl der Bettler als auch Martin nackt. Für den Historiker Sinnbild einer nackten Kirche. "In solchen Krisensituationen kann das Christentum wirklich innovativ werden. Man ist jetzt gezwungen, sich etwas Neues zu überlegen." Möglicherweise befindet sich die Rottenburger Diözese nach 1.500 Jahren Geschichte an einem solchen Umbruchspunkt. Es wäre nicht der erste.

Von Christoph Paul Hartmann