Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen sitzt vor einem Bild.
Erzbischof Thissen zum Kirchentag in einem Monat in Hamburg

"Brimborium gehört dazu"

Rund 100.000 Teilnehmer werden vom 1. bis 5. Mai zum 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg erwartet. Auch die Katholiken, die hier gut zehn Prozent der Bevölkerung stellen, beteiligen sich am Programm unter dem Motto "Soviel du brauchst". Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen spricht im Interview in der Hansestadt über das Positive einer Minderheitensituation, Chancen und "Brimborium" bei kirchlichen Großveranstaltungen.

Hamburg - 02.04.2013

Frage: Herr Erzbischof Thissen, welchen Eindruck sollen die Kirchentagsgäste von Hamburgs Katholiken bekommen?

Werner Thissen: Sie sollen erfahren, dass wir uns freuen, dass die Evangelische Kirche uns so großherzig mit einbezieht, und dass wir sehr gerne mitmachen. Wir wollen als Christen zeigen: Wir gehören zusammen, wir halten zusammen, wir freuen uns zusammen und wir beten zusammen.

Frage: Wie werden Sie sich persönlich beteiligen?

Thissen: Ich feiere mehrere Gottesdienste, darunter den zentralen Ökumenischen Gottesdienst am Donnerstag auf dem Fischmarkt, außerdem mache ich bei Diskussionsforen und anderen Aktionen mit. Ich tu das gerne, ich freu mich drauf.

Frage: Der St. Marien-Dom ist ein wichtiges Veranstaltungszentrum des Kirchentags. Was, wenn die Besucher vielleicht gar nicht merken, dass sie in einer katholischen Kirche sind?

Thissen: Ich wäre traurig, wenn sie nicht merkten, dass es im Dom um das Wort Gottes geht, um Gebet und Fragen der Lebensauffassung. Dass es ein katholischer Dom ist, kann man zum Beispiel am Tabernakel, am Ewigen Licht oder an der Kathedra erkennen.

Frage: Dazu müsste man aber wissen, was ein Tabernakel oder eine Kathedra ist.

Thissen: Wir machen in letzter Zeit viel Kirchenraumpädagogik. Und auch beim Kirchentag wird es Dom-Führungen geben.

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Video: © Klaus Böllert

Erzbischof Werner Thissen und der Geschäftsführer des Evangelischen Kirchentages, Bernd Baucks, warben im Dezember dafür, Gläubige während des Kirchentages zu beherbergen.

Frage: Wie sieht die ökumenische Zusammenarbeit an der Basis beim Kirchentag aus?

Thissen: Gut und unkompliziert: Viele Katholiken in den Gemeinden stellen Schlafplätze zur Verfügung, andere engagieren sich als Helfer in Quartiersschulen oder bei Veranstaltungen.

Frage: Welche Kosten entstehen dem Erzbistum durch den Kirchentag?

Thissen: Es handelt sich für uns in erster Linie um Personalkosten, also dass wir etwa einen Kirchentagsbeauftragten abstellen. Aber es ist mir wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, wir dächten hier in finanziellen Kategorien. Es geht mir darum, dass das ein gelungenes Fest des Glaubens wird.

Frage: Kritiker sehen kirchliche Großveranstaltungen vor allem als Brimborium ohne tieferen Gehalt?

Thissen: Brimborium gehört zu jeder Großveranstaltung dazu. Aber das wird nicht den Kirchentag bestimmen, denn das Programm regt sehr zum Nachdenken an. Ich kenne Menschen, die durch Kirchen- oder Katholikentage wieder auf die Spur des Glaubens gekommen sind. Und: Bei solchen Treffen kann man erfahren: Ich bin nicht allein, da sind andere, die mich mit ihrem Glauben anstecken.

Frage: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Kirchen- oder Katholikentag?

Thissen: Das war der Katholikentag 1956 in Köln, da war ich noch Schüler. Ich sehe mich am Kölner Dom stehen in einer riesigen Menschenmenge und hatte so den Eindruck: "Die Welt ist katholisch!"

Frage: In Hamburg ist dagegen nicht einmal jeder Zweite getauft. Was bedeutet das für den Zusammenhalt der Christen?

Thissen: Wenn Christen in der Minderheit sind, entdecken sie eher Gemeinsamkeiten. So ist es für mich ein wunderbares Zeichen, dass wir 2012 das Ökumenische Forum Hafencity eröffnen konnten - mit 19 christlichen Kirchen! Das geht nur in einer Minderheitensituation. Ökumenische Empfindlichkeiten können wir uns gar nicht leisten.

Wenn Christen in der Minderheit sind, entdecken sie eher Gemeinsamkeiten.

Zitat: Werner Thissen

Frage: Der Kirchentag entfaltet seit Monaten eine enorme Öffentlichkeitsarbeit. Lenkt das die Aufmerksamkeit von der katholischen Kirche weg, oder profitieren davon vielleicht beide Konfessionen?

Thissen: Dazu eine kleine Geschichte: Ich fuhr mit der U-Bahn, da ruft ein junger Mann: "Übrigens, ich komme auch zu Ihrem Kirchentag!", da sag ich: "Ja, auf jeden Fall!" Also, es ist gut, dass sich die Kirchen in einer Stadt wie Hamburg bemerkbar machen, und zwar nicht nur konfessionell, sondern vor allem christlich.

Frage: Spielt das Thema Profilierung oder Abgrenzung keine Rolle mehr?

Thissen: Dass jede Gemeinschaft auch deutlich machen will, «wir sind wir», finde ich nicht gefährlich. Für abwegig halte ich allerdings, wenn es auf Kosten der anderen geht. Aber dass jede versucht, ihr Bestes zu geben, ist prima.

Frage: Nach dem Willen der Kirchentagsveranstalter sollen auch Atheisten einbezogen werden. Will man da nicht ein bisschen zu viel?

Thissen: Nein, ich halte es für selbstverständlich, dass wir bei Katholiken- und Kirchentagen nicht unter uns bleiben wollen, sondern auch nach außen wirken. Dabei sind auch Christen gemeint, die auf Abstand zu ihren Kirchen gegangen sind, aber auch jene Menschen, denen Glaube nichts bedeutet. Nach meiner Wahrnehmung gibt es gar nicht so viele erklärte Atheisten. Aber ich komme häufig ins Gespräch mit Menschen, die weit weg sind von Kirche, sich aber selbstverständlich Fragen nach einer guten Lebensführung stellen.

Frage: Was erwarten Sie vom Kirchentag für die Ökumene in Hamburg?

Thissen: Es hat sich schon im Vorfeld gezeigt, dass wir auf ein gutes Miteinander angewiesen sind, damit wir uns gegenseitig helfen können. Ich freue mich, wenn wir am Ende des Kirchentags gemeinsam sagen können, es ist wunderbar gelungen. Das schweißt natürlich zusammen.

Das Interview führte Sabine Kleyboldt (KNA)