Ein junger Mann sitzt gefesselt auf der Straße.
Lage in Ägypten weiterhin angespannt

Christen nicht zum Sündenbock machen

Der blutige Konflikt in Ägypten hat eine nächtliche Ruhepause eingelegt. Nach den Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und Sicherheitskräften beendete die verordnete nächtliche Ausgangssperre zunächst weitere Zusammenstöße.

Kairo/Bonn - 15.08.2013

Im Verlauf der Unruhen wurden am Mittwoch zahlreiche christliche Kirchen angegriffen. Nach Angaben des Blattes "Watani" attackierten Islamisten 35 koptische Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten. Der Sprecher der Katholischen Kirche in Ägypten, Rafic Greiche, berichtete von Übergriffen gegen 17 Gotteshäuser seiner Kirche.

Das christliche Nachrichtenportal "Wataninet" berichtete, ein Kloster in der Provinz Minia sei vollständig zerstört und geplündert worden. In Abu Hilal südlich der Provinzhauptstadt Minia hätten Anhänger von Ex-Präsident Mursi ihre Wut über die Räumung ihrer Protestlager in Kairo außerdem an den Besitztümern koptischer Christen ausgelassen. Mehrere Nil-Ausflugsschiffe von Kopten sowie Geschäfte und Apotheken seien verwüstet worden.

"Gewalt gegen Christen kommt nicht von ungefähr"

"Die Gewalt gegen Christen kommt nicht von ungefähr", sagt Matthias Vogt, stellvertretender Leiter der Abteilung Ausland des katholischen Hilfswerks missio mit Sitz in Aachen. Bei Protesten nach dem Sturz Mursis seien sowohl der koptische Papst Tawadros II. als auch der Großscheich der islamischen al-Azhar-Universität, Ahmad al-Tayyeb, wütend beschimpft worden, so der Islamwissenschaftler und Ägypten-Experte weiter.

Beide waren am 3. Juli zusammen mit Armeechef Abdelfattah al-Sissi im Fernsehen aufgetreten und hatten die Ägypter nach dem Sturz des Präsidenten zu Ruhe und Einheit aufgerufen. "Islamisten und Muslimbrüder machen sie jetzt für ihren Machtverlust verantwortlich", sagt Vogt und weiter: "Auch beim Vorgehen der Armee gegen die Protestlager der Muslimbrüder entlädt sich die Wut der Islamisten wieder an den Christen." Diese dürften aber nicht "zum Sündenbock für Fehler von Regierung und Militär gemacht werden", so Vogt weiter.

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Mina Wageh ist koptischer Christ und lebt seit 8 Jahren in Kairo. Katholisch.de hat ihn beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro getroffen und ihn zur Situation in seiner Heimat befragt.

Indem sie den Hass auf die Christen des Landes schürten, wollten sich die Islamisten Anhänger verschaffen, sagt Vogt. Blicke man auf die vergangenen Stunden, drohe diese Rechnung aufzugehen. "Es bleibt nur zu hoffen, dass auf beiden Seiten schnell wieder Besonnenheit einkehrt und die Mahnrufe von christlichen und islamischen Vertretern zur Einheit gehört werden", so Vogt weiter.

Im Gespräch mit katholisch.de hatte der Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Kairo, Joachim Schroedel, am Mittwoch gesagt, dass die Gewalt gegen Christen lediglich von einer Minderheit verübt werde. Einen tieferen Riss zwischen Christen und gemäßigten Muslime sehe er nicht.

Auflösung von Protestcamps als Auslöser der Gewalt

Auslöser für die Gewalt im ganzen Land ist die Auflösung zweier Protestcamps der Anhänger von Ex-Präsident Mohammed Mursi am Mittwoch in Kairo. Die Polizei hatte bei der gewaltsamen Räumung zunächst Tränengas eingesetzt. Die Islamisten gingen mit Steinen und Flaschen auf Sicherheitskräfte los, später wurde von beiden Seiten scharf geschossen.

Die Gewalt griff rasch auf andere Teile des Landes über. Daraufhin rief Übergangspräsident Adli Mansur den Notstand aus, der Razzien und Festnahmen ohne gerichtliche Anordnung ermöglicht. In Kairo und mehreren anderen Provinzen durfte von 21.00 Uhr bis 6.00 Uhr kein Mensch die Straße betreten. Die Islamisten hatten die Zeltlager in Kairo vor fünf Wochen errichtet, um Mursis Wiedereinsetzung zu erzwingen. Das Militär hatte den Präsidenten am 3. Juli nach Massenprotesten abgesetzt. Vertreter der Vereinten Nationen und der EU haben Ägypten zur Beendigung der Gewalt aufgerufen. (meu/dpa/KNA)