Christentreffen ohne Bischof?
In 100 Tagen beginnt der Katholikentag in Leipzig

Christentreffen ohne Bischof?

Heute sind es noch genau 100 Tage bis zum Katholikentag in Leipzig. Bereits jetzt deutet sich an, dass die Flüchtlingskrise das Christentreffen Ende Mai prägen wird. Darüber hinaus ist eine wichtige Personalie für den Katholikentag noch unbesetzt.

Von Markus Kremser |  Leipzig - 16.02.2016

Eine wesentliche Position ist dabei noch unbesetzt: Die des gastgebenden Bischofs des Bistums Dresden-Meißen. Seit September 2015 ist die Kathedra in der Dresdner Hofkirche verwaist. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hatte noch vor zwei Jahren als Bischof von Dresden-Meißen zum Katholikentag in die Diözese eingeladen. Als am 8. Juni vergangenen Jahres seine Ernennung zum Erzbischof von Berlin bekannt gegeben wurde, sagte er: "Ich habe in Rom ausdrücklich darum gebeten, dass es schnell einen Nachfolger gibt und keine lange Wartezeit".

Tatsächlich hat das Dresdener Domkapitel bereits seine Vorschläge für einen neuen Oberhirten in den Vatikan geschickt. Die Terna, die Liste mit drei Namen, aus denen das Domkapitel den neuen Bischof wählt, ist indes noch nicht aus Rom zurückgekommen. Derzeit sieht es also so aus, als müsste der 100. Katholikentag erstmals in der 168-jährigen Geschichte dieser Christentreffen ohne den Diözesanbischof des gastgebenden Bistums auskommen.

Katholikentag in Zeiten von Pegida, AfD und Co.

Flucht und Migration, das Menschenbild der Religionen und Zukunftsfragen werden Schwerpunktthemen des Leipziger Katholikentags sein - einer Veranstaltung, die schon seit ihrer Gründung im Jahr 1848 regelmäßig Ausdruck des "politischen Katholizismus" war. Allerdings: Das Thema Politik wird diesen Katholikentag dominieren wie schon seit mindestens zwei Jahrzehnten nicht mehr. Seit anderthalb Jahren demonstriert inzwischen Pegida in Dresden regelmäßig in Sichtweite der Kathedrale gegen die "Islamisierung des Abendlandes". Inzwischen haben sich die Rechtspopulisten europaweit vernetzt. Auch in Leipzig demonstriert allwöchentlich Legida.

Themenseite: Katholikentag

In der Regel alle zwei Jahre finden Deutsche Katholikentage statt - als nächstes vom 25. bis 29. Mai 2016 in Leipzig. Die Katholikentage, die vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) organisiert werden, verstehen sich als Foren des Gesprächs zwischen Kirche und Gesellschaft. Die Themenseite gibt einen Überblick über die katholisch.de-Berichterstattung zu den Katholikentagen.

Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) ist vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gerade ausgeladen worden. Politiker der AfD sollen nach dem Willen der Veranstalter in Leipzig kein Podium bekommen. Genau das werfen Kritiker den Verantwortlichen des Christentreffens jetzt vor. Ausgerechnet im von Papst Franziskus ausgerufenen "Jahr der Barmherzigkeit" verweigere man den Dialog mit den braunen Schafen vom rechten Rand, so die Kritik. Dabei fordere der Pontifex, dass man die verirrten Schafe die Liebe und Barmherzigkeit Gottes spüren lassen solle, sonst "gehen sie wieder weg und kommen vielleicht nie wieder."

Auch die Verschärfung der Spannungen zwischen Russland und dem Westen und der andauernde Krieg in Syrien werden auf dem Programm des Katholikentags stehen.
Sehr viel einfacher ist vor diesem Hintergrund mit dem Leitwort des Katholikentags umzugehen. Das Pilatus-Wort "Seht, da ist der Mensch" wird in der aktuellen Situation vor allem auf die Flüchtlingskrise gemünzt. Die Flüchtlinge und der herausfordernde Umgang mit ihnen sowie die Sicherung der europäischen Grenzen werden kontrovers diskutiert. Die Schwierigkeiten der Integration überwiegend muslimischer Flüchtlinge sind dabei das Thema, mit dem die AfD auf Stimmenfang geht.

Dass Leipzig eine überwiegend nichtreligiöse Stadt ist, war von Anfang an eine weitere Herausforderung. Bischof Heiner Koch sagte bereits bei der Einladung nach Leipzig, dass der Katholikentag 2016 eine Veranstaltung auch für die vielen Nichtchristen werden solle. Es gehe nicht um Christen- oder Kircheninteressen, man wolle alle Menschen guten Willens in den Dialog einbeziehen, sagt auch ZdK-Präsident Thomas Sternberg. "Im Vordergrund steht unsere gemeinsame Verantwortung für die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Menschen in aller Welt." Die Veranstaltungen zum Thema "Leben mit und ohne Gott" werden kostenfrei zugänglich sein. Neben einem Gespräch mit dem Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke) unter der Überschrift "Ich glaub nichts, mir fehlt nichts" wird es auch sogenannte "Kneipengespräche" unter anderem mit dem Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt geben.

Bild: © katholisch.de

Das Leitwort des Katholikentags in Leipzig lautet "Seht, da ist der Mensch".

Neben der für Leipzig typischen Diasporasituation kommt jetzt durch die Flüchtlingskrise auch das Thema des Miteinanders verschiedener Religionen hinzu. Zwar wird die Verfolgung von Christen in aller Welt seit langem auf Veranstaltungen des Katholikentages angeprangert, erstmals aber gibt es Berichte über die gezielte Verfolgung von Christen und religiösen Minderheiten wie den Jesiden in Deutschland. Muslimische Asylbewerber sollen andersgläubige Mitbewohner in Erstaufnahmeeinrichtungen und Heimen schikanieren und bedrohen.

Konstant hohe abstrakte Bedrohungslage

In dieser Dimension neu ist für die Katholikentagsmacher auch die Frage nach der Sicherheit. Nach den islamistischen Terroranschlägen von Paris und Brüssel sprechen auch die deutschen Sicherheitsbehörden von einer "konstant hohen abstrakten Bedrohungslage". Der Katholikentag als religiöse Großveranstaltung könnte dabei für islamistische Terroristen ein Ziel mit besonderem Symbolwert sein. Angesichts der Politikerriege, die auf dem Katholikentag sprechen wird, ist das nicht verwunderlich. Fast alle Kabinettsmitglieder der Bundesregierung nehmen an Podien teil, Bundespräsident Joachim Gauck wird bei der Eröffnung dabei sein.

Abgesehen von den prominenten Besuchern bleibt für alle anderen bis zum Start des Katholikentags noch viel zu tun. 27 Schulen stellt die Stadt Leipzig als Unterkünfte zur Verfügung. Noch fehlen allerdings ausreichend Privatquartiere. 4.000 Plätze auf Betten, Sofas und Luftmatratzen in ganz Leipzig sollen in den nächsten einhundert Tagen noch zusammenkommen, damit alle Besucher untergebracht werden können.

Linktipp

Am 25. Mai beginnt in Leipzig der 100. Deutsche Katholikentag. Mit 100 Geschichten über Menschen, die mit diesem Ereignis in Berührung kommen werden, stimmt die Internetseite 100tage100menschen.de darauf ein. Jeden Tag erscheint auf der Seite ein neuer Beitrag.

Von Markus Kremser