Ein Auto und jubelnde Männer mit der Flagge des Islamischen Staats.
Bagdads Erzbischof Jean Benjamin Sleiman über die Lage im Irak

Erzbischof: Hätte als Muslim gegen den IS gekämpft

Bagdads Erzbischof geht hart mit irakischen Muslimen ins Gericht: Statt dem Terror des "Islamischen Staats" zu trotzen, schwiegen die meisten lieber - und profitierten noch von der Christenverfolgung.

Bonn/Würzburg - 07.06.2017

Bagdads Erzbischof Jean Benjamin Sleiman hat die Untätigkeit vieler Muslime gegenüber der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) scharf kritisiert. Viele Muslime wagten es nicht, "Daesh als unislamisch zu verdammen", monierte er am Dienstag in einem Interview mit der Zeitung "Die Tagespost" am Dienstag. Sleiman leitet seit 2001 das Erzbistum Bagdad. Eine "kritische Reflexion" des islamistischen Terrors sei nicht weit verbreitet, erklärte er weiter. "Man kritisiert nur mit leiser Stimme, weil viele Angst haben." Dafür zeigte er wenig Verständnis: "Wäre ich Muslim, so hätte ich gegen Daesh gekämpft, um den Islam zu retten." Vor allem im arabischen Sprachraum wird der "Islamische Staat" abwertend als "Daesh" bezeichnet.

Sleiman beobachtet beduinische Verhaltensmuster

Im Interview erklärte der Erzbischof weiter, dass sich der IS nebe dem dem brutalen Terror unter dem Vorwand der islamischen Scharia auch durch einen "Mafia-Charakter" auszeichne. Laut Sleiman litten darunter auch die Christen in den befreiten Gebieten: "Viele zurückkehrende Familien haben ihre Häuser besetzt vorgefunden, oder sie wurden gestört und belästigt." Sympathisanten wie Gegner der Terroristen hätten demnach die Gelegenheit genutzt, sich auf Kosten der verfolgten Minderheiten zu bereichern, erklärte der Bischof. Darin offenbare sich eine historisch verwurzelte Mentalität mancher irakischer Muslime. Laut Sleiman gebe es "ein Verhaltensmuster bei den Beduinen: Wenn sie die Hand auf etwas gelegt haben, wollen sie es nicht mehr zurückgeben".

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Nachdem christliche Dörfer im Irak vom "Islamischen Staat" befreit wurden, kehrten einige der Bewohner zurück. Angela Gärtner von der Caritas ist Irak-Expertin und spricht im Interview über die Situation.

Ebenfalls scharfe Kritik äußerte der Bischof am wahhabitischen Islam, der Staatsdoktrin Saudi-Arabiens. Diese Ideologie selektiere aus der Religion "nur das Fanatische und Gewaltsame, das Exzessive und Extreme". Darin liege eine "teuflische Intelligenz", so Sleiman. "Religion macht keinen Krieg, sie wird hier bloß als Instrument verwendet." Wie der Bischof erklärte, arbeite Saudi-Arabien beständig an einer Destabilisierung des Mittleren Ostens. Davon künde auch der jüngste Verkauf von Kriegsgerät der USA an das Königreich: "Wir müssen nur fragen: Woher bekommen die Rebellen in Syrien ihre Waffen? Wer kämpft im Jemen mit welchen Waffen?"

Im Interview kam Erzbischof Sleiman auch auf mögliche Lösungen für die Probleme der Christen und anderer Minderheiten in der Region zu sprechen. Dabei sprach er sich gegen die Einrichtung von Schutzzonen und Autonomiegebieten aus: "Das ist keine effiziente Lösung, denn das kann dazu beitragen, dass die Christen weiter aus der Region verschwinden." Vielmehr brauche es funktionierende Rechtsstaaten "mit echter Bürgerschaft, wo alle Staatsbürger gleiche Rechte und gleichen Schutz haben". Laut Sleiman komme dabei Europa und Deutschland eine besondere Rolle zu. In diesem Zusammenhang lobte er die außenpolitische Agenda von Bundeskanzlerin Angela Merkel. (kim)

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