Ein Orgelbauer repariert eine Orgel.
Bild: © dpa/Jens Wolf
Wenn Orgeln von Schimmel befallen sind

"Da kam kein Ton mehr raus"

Orgelbauer Jörg Dutschke nennt sie Hämorrhoiden. Wuchernde Gebilde hatte der 60-Jährige vor sich, als er Ende Januar begann, die Orgel der Stadtkirche in Gardelegen in der Altmark (Sachsen-Anhalt) auseinanderzunehmen. Der Schimmel drohte dem fast 300 Jahre alten Instrument den Klang zu nehmen.

Gardelegen/Erfurt - 04.04.2013

Woher der Befall kommt, wissen weder Dutschke noch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In etlichen Gotteshäusern deutschlandweit gibt es dasselbe Problem. Um dem Schimmelbefall auf den Grund zu gehen, wurde ein Forschungsprojekt angestoßen. Binnen drei Jahren sollen Ergebnisse vorliegen.

Behandlung mit Fungizid

Aus Sicht des Karlsruher Orgelexperten Martin Kares ist die EKM spät dran. "Das ist ein Problem, das seit 15 Jahren bekannt ist", sagt Kares, der dem Vorstand der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands angehört. Es gebe schon verschiedene Untersuchungen. Kurz zusammengefasst sei es das veränderte Lüftungsverhalten in den Kirchen, das den Schimmel befördere. Es gebe schlicht nicht mehr so viele Menschen, die sich um die Kirchen kümmerten. Kares sagt, der Schimmel trete regional unterschiedlich stark auf. Er schätzt, dass rund fünf Prozent der Orgeln in Deutschland betroffen sind.

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Ein Beitrag der Serie "Rund um den Gottesdienst"

Orgelbauer Dutschke kennt das Problem von Schimmel an Orgeln erst seit fünf bis zehn Jahren. Vorher habe es das nicht gegeben, sagt er. In Gardelegen hat Dutschke die Orgel komplett auseinandergenommen, gereinigt und mit einem Fungizid behandelt. Alles mit Atemschutz, weil der Schimmel die Gesundheit gefährdet. Nun ist er dabei, die Orgel, die aus tausenden Teilen besteht, zusammenzusetzen und zu stimmen. Spätestens Ende April soll sie fertig sein. Die mittelgroße Orgel hat allein knapp 1.400 Orgelpfeifen.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hat in zahlreichen Orgeln Schimmel in unterschiedlicher Intensität festgestellt: "Betroffen sind nicht nur alte Orgeln, sondern auch neuere Instrumente." Die Ursachen vermutet sie im Innenraumklima der Gotteshäuser, übermäßigen Staubablagerungen sowie bestimmten Baustoffen und Pflegemitteln. Aber auch bauliche Veränderungen wie dichtere Fenster oder neue Heizungssysteme könnten einen Anteil haben am Schimmelproblem.

Automatische Lüftungen als Lösung

An der Ursachensuche, an deren Ende Handlungsempfehlungen stehen sollen, beteiligen sich die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, die Evangelische Landeskirche Anhalts sowie die Denkmalpflegeämter in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Kosten sind mit 260.000 angesetzt, mehrere Stiftungen wollen sich beteiligen. Die EKM hat nach eigenen Angaben rund 4.000 Orgeln - denn in fast jedem Gotteshaus steht eine.

Unterdessen hat die Badische Landeskirche schon eine Lösung für das Schimmelproblem, sagt Orgelexperte Kares aus Karlsruhe. Automatische Lüftungen, die je nach gemessener Luftfeuchte und Temperatur Fenster öffnen oder schließen, seien nicht teuer und hätten sich als sehr wirksam erwiesen.

Orgelbauer Jörg Dutschke in Gardelegen ist unsicher, was seine Arbeit angeht. "Wir wissen nicht, wie lange die Reinigung hält, denn wir kennen den Grund für den Schimmel noch nicht so richtig." Er erinnert sich auch an eine Orgel in Tucheim (Jerichower Land), die er 1996 restauriert hatte, 2010 war so viel Schimmel im Instrument, dass es auseinandergenommen werden musste. Selbst neue Teile seien befallen gewesen. "Da kam kein Ton mehr raus", sagt Dutschke.

Von Dörthe Hein, dpa