Da lachen ja die Gläubigen...
Marseille ohne Krippe? - Laizistische Erziehungstipps zum Advent

Da lachen ja die Gläubigen...

Christen, Muslime und Nichtglaubende fühlen sich nach dem Terror von Paris gleichermaßen unwohl in ihrer Haut. Dass aber pünktlich zum Ersten Advent erneut über Krippen in öffentlichen Gebäuden diskutiert wird, kann wohl niemand so wirklich ernst nehmen.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Paris/Marseille - 28.11.2015

Die Verschämtheit allerdings, mit der der französische Laizismus mit dem Kern seiner einstigen Staatsreligion umgeht, kann kein Gläubiger - ob Christ oder Muslim - ernst nehmen. Pünktlich zum Ersten Advent ist die Diskussion um Weihnachtskrippen in öffentlichen Gebäuden neu entflammt. Ein Leitfaden zum "guten laizistischen Handeln", den die Vereinigung der französischen Bürgermeister veröffentlichte, empfiehlt unter anderem, in Rathäusern keine Krippen aufzustellen.

2014 hatte ein Gericht in Nantes untersagt, eine Krippe in den Räumen des Generalrats im Departement Vendee aufzustellen. Die Richter verwiesen auf Frankreichs laizistisches Staatsverständnis und das Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche aus dem Jahr 1905. Jedes religiöse Zeichen oder Symbol im öffentlichen Raum mit Ausnahme von Kirchen, Friedhöfen oder Museen ist demnach untersagt.

Nizzas Bürgermeister will Tradition verteidigen

Nizzas konservativer Bürgermeister Christian Estrosi zeigt sich empört: Er werde die Krippentradition verteidigen. Sie gehöre zum Erbe der Franzosen, unabhängig von ihrem religiösen Bekenntnis - ebenso wie Malerei, Musik oder Skulpturen, die von der Bibel inspiriert seien.

Der islamistische Terror in Paris hat Angst und Schrecken verbreitet.

Es ist das scheinbar unauflösliche Spannungsfeld zwischen Laizität und Laizismus: Nutzt der französische Staat seine weltanschauliche Neutralität, um freie Religionsausübung positiv zu schützen und zu begünstigen? Oder definiert er den öffentlichen Raum tendenziell als frei von jedem religiösem Bekenntnis? Die teils widersprüchlichen Urteile französischer Gerichte, etwa zum Tragen religiöser Symbole, spiegeln die gesellschaftliche wie behördliche Verunsicherung.

Eine Verunsicherung, für die auch Staatspräsident Francois Hollande steht. Nach allerlei bürokratischer Demolierung bürgerlicher Werte in den vergangenen Jahren versucht sich der Sozialist gerade als Terrorbekämpfer mit neuer, staatsmännischer Statur. Die Anschläge von Paris sind angesichts zuletzt katastrophaler Umfragewerte zugleich seine vielleicht letzte Chance für den Wahlkampf 2017. Das Dilemma: Hollande wird als intakter politischer Akteur gebraucht, um weiter ein Motor in Europa sein zu können. Wenn er aber intakt ist, produzieren seine Behörden "politisch korrekte" Richtlinien wie das Krippen- oder das Schweinefleischverbot in Schulkantinen.

Muslime sind die zweitgrößte Religionsgemeinschaft

Mit rund 4 Millionen sind Muslime unter den 66 Millionen Bürgern Frankreichs die zweitgrößte Religionsgemeinschaft nach dem Christentum. Schon seit langem wird um verpflichtende Halal-Menüs in Kantinen gerungen. Als Alternative sind inzwischen Pflicht-Veggies in der Diskussion.

In solcherlei Disputen radikalisieren sich in Frankreich die verschiedenen Standpunkte immer sofort, wie der Publizist Jerome Anciberro betont. Es gebe "ein totales Unverständnis zwischen den Lagern". Tatsächlich verschwindet die christliche Kultur Frankreichs sehr schnell - schneller als anderswo in Europa.

Link-Tipp: "Krieg der Krippen"

Oh, so fröhlich ist die Vorweihnachtszeit in Frankreich diesmal nicht: Im Land der strikten Trennung von Staat und Kirche prägt ein Streit die Adventswochen vor dem Heiligen Abend: Darf die traditionelle Krippe samt der dazugehörenden Figuren in öffentlichen Gebäuden ausgestellt werden oder nicht?

"Wenn ich in Deutschland jemanden frage, was Ostern oder Auferstehung bedeutet, wissen es die meisten noch so ungefähr", meint Anciberro. In Frankreich könnten es vielleicht noch drei von zehn Leuten erklären. Es entsteht eine von Klischees geprägte Außenansicht auf die Kirche. "Deshalb verstehen die meisten auch nicht, was die Kirche sagen will", so der Publizist. "Alles, was von der Kirche kommt, ist ihnen fremd und in ihren Augen radikal."

Einige schwere Niederlagen in gesellschaftlichen Fragen, etwa bei der Opposition gegen die "Homo-Ehe" und in bioethischen Fragen, haben die Stellung der katholischen Kirche bei den Franzosen nicht gerade verbessert. Die soziale Veränderung vollzieht sich rasend schnell. Zwischen Terrorismus und Halal, zwischen Laizismus und Front National, zwischen Kriegsgetöse und der Suche nach dem starken Mann bleibt wenig Platz für ein Kind in der Krippe.

Von Alexander Brüggemann (KNA)