Eine Schülerin steht im Religionsunterricht an der Tafel.
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Darum braucht es Reli-Unterricht auch an der Berufsschule

Warum muss jemand, der seine Schulpflicht längst erfüllt hat, ein Gleichnis in der Bibel lesen oder sich mit weihnachtlichen Bräuchen auseinandersetzen? Maximilian Golumbeck ist Religionslehrer an einer Berufsschule. Weshalb es auch dort Reli-Unterricht braucht und wie er abläuft, hat er aufgeschrieben.

Von Maximilian Golumbeck |  Kusel/Bonn - 18.01.2019

Lehrer Maximilian Golumbeck

Nicht selten werde ich in der Schule gefragt, warum Berufsschüler neben den übrigen allgemeinbildenden Fächern noch Religion auf dem Stundenplan haben. Wäre die Zeit denn nicht besser investiert, wenn die Schüler etwas für ihren zukünftigen Beruf lernen? Mein Blick auf den Religionsunterricht ist die Perspektive eines Einsteigers, der zum einen viel im Unterricht ausprobiert, zum anderen aber bereits erste Erfahrungen sammeln konnte, was einen guten Religionsunterricht – insbesondere in der beruflichen Bildung – ausmacht.

Ich möchte behaupten, die Anfrage nach dem Sinn des Religionsunterrichts in der Berufsschule ist durchaus nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass vielen Schülern zu Beginn des Schuljahres häufig nicht bekannt ist, welche Themen sie im Unterricht erwartet. So fragte zu Beginn des Schuljahres ein angehender Bürokaufmann: "Warum muss ich als jemand, der seine Schulpflicht längst erfüllt hat, ein Gleichnis in der Bibel lesen oder mich mit weihnachtlichen Bräuchen auseinandersetzen?" Nimmt man an, dass es in Reli um Themen geht, die mit dem Berufsleben der Schüler nichts zu tun haben, so muss sehr wohl gefragt werden, ob diese Unterrichtszeit gut investiert ist.

Wo ich als Lehrkraft ansetzen muss

Ich habe in meiner Berufsschulklasse erlebt, dass viele Lernende gerne und viel über ihre persönlichen Erfahrungen – auch aus ihrem beruflichen Alltag – sprechen. Hier muss ich als Lehrkraft ansetzen, um Interesse an religiösen Themen und Neugier bei den Lernenden zu wecken. Ich erinnere mich, dass ein Schüler meiner Berufsschulklasse bei der Problemfrage "Wie viel sollte ein auszubildender Industriekaufmann verdienen?" das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) heranzog, um zu argumentieren, dass Geldgier im Berufsleben keine erstrebenswerte Tugend ist. Der Schüler schuf damit die Voraussetzung, dass der Rest der Klasse neugierig das Gleichnis bekundete, um dem Argument des Schülers entweder zuzustimmen oder dagegen zu argumentieren. Ein beliebig ausgewählter Bibeltext, der nur peripher an die Lebenswelt der Schüler anknüpft, bliebe in vielen Fällen sicherlich fremd für die Schüler. Die Einsichten und Weisheiten, die in solchen Jahrhunderte alten Texten verborgen sind, werden von den Schülern nur entdeckt, wenn sie Anknüpfungspunkte zu ihrer Lebenswelt erkennen.

Darüber hinaus möchte der Religionsunterricht in der Berufsschule den jungen Menschen bewusst den Raum geben, über Erfahrungen und Empfindungen im Beruf sowie über die großen Sinnfragen (Wer bin ich? Was ist gute Arbeit?) zu sprechen. Während meine kaufmännische Berufsschulklasse im berufsbezogenen Unterricht wichtiges Fachwissen für den Beruf erlernt, haben sie im Religionsunterricht zum Beispiel die Möglichkeit, ihren Berufswunsch zu reflektieren und in Worte zu fassen, warum sie die angestrebte Arbeit persönlich erfüllt. Gerade in der Berufsschule, in der die Schüler die meiste Arbeitszeit im Betrieb verbringen, nimmt das Thema "Arbeit" in meinem Reliunterricht einen Großteil der Unterrichtszeit in Anspruch. Interessante Fragen für die Schüler lauten hier: "Welche Eigenschaften tragen dazu bei, dass ich mich an meinem Arbeitsplatz wohlfühle?" oder "Wie erfahre ich Nächstenliebe in meinem beruflichen und persönlichen Umfeld?"

Die immer wieder auftauchende Frage nach dem Sinn des Religionsunterrichts in der Berufsschule halte ich für ausgesprochen wichtig, denn sie hilft den Religionslehrern, die eigene Überzeugung hinsichtlich des Unterrichtsfachs stets neu zu reflektieren. Religionsunterricht in der beruflichen Bildung bedeutet für mich eine Bereicherung für die jungen Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung. Der christliche Glaube hat Antworten auf viele Fragen – auch für Fragen im Berufsschulunterricht. Diese Botschaft erreicht die Lernenden jedoch nur, wenn ihre Lebenswelt im Blick behalten und ihre Anliegen und Überzeugungen ernst genommen werden.

Von Maximilian Golumbeck

Der Autor

Maximilian Golumbeck ist Religionslehrer am Kaufmännischen Berufsbildungszentrum (KBBZ) Neunkirchen/Saar.

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