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Standpunkt

Das Auto – ein Götze, der endlich fallen muss

Ist der Klimawandel eine Ersatzreligion? Nein, kommentiert Benjamin Leven: Groteske religiöse Züge nimmt etwas anderes an – der Kult ums Auto, der die Luft verpestet und Städte wie Landschaft verschandelt.

Von Benjamin Leven |  Bonn - 06.12.2018

Benjamin Leven

Gelegentlich ist zu hören, der Klimawandel sei eine Art Ersatzreligion: eine unterhinterfragbares Glaubenssystem, dessen apokalyptische Warnungen und Aufrufe zur Umkehr keinen Widerspruch duldeten. Mag sein, dass sich mancher Klimaforscher wie der Prophet Jona vorkommt, der herumläuft und ruft "Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört." Aber vielleicht hat er ja recht.

Derzeit tagt im polnischen Kattowitz der 24. UN-Klimagipfel. Wenn die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler sich nicht irrt, befindet sich die Welt tatsächlich in einer bedrohlichen Situation. Gleichzeitig ist bekannt, was getan werden muss, um die Gefahr abzuwenden. "Wir wissen, was wir tun können, und was wir tun müssen, wird zu einem ethischen Gebot", sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin am Dienstag in Kattowitz.

Doch warum passiert so wenig? Mit dafür verantwortlich ist ein Phänomen, das ebenfalls quasi-religiöse Züge trägt: der Kult um das Auto. Autos sind Sehnsuchtsobjekte und Statussymbole. Menschen sind bereit, wahnwitzig viel Geld für das Autofahren auszugeben. So kann die Automobilindustrie wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung hierzulande kaum ernsthaft hinterfragt werden. Doch das Auto ist ein Götze, der endlich fallen muss.

Mit jeder Autofahrt wird die Klimaerwärmung weiter angeheizt. Und nicht nur das: Das Auto hat das Antlitz unserer Städte verschandelt. Entsprechend dem Leitbild der "autogerechten Stadt" schlug man nach dem Krieg Schneisen durch die historisch gewachsenen Zentren, um alles den Bedürfnissen des Individualverkehrs unterzuordnen. Und das Netz der Autobahnen zergliedert immer weiter Lebensräume und uralte Kulturlandschaften.

Natürlich kommt man vor allem auf dem Land nur schwer ohne Auto aus: Die alltäglichen Wege sind dort für viele mit öffentlichen Verkehrsmittel kaum zu bewältigen. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn Autofahren nicht mehr als Ausdruck von Freiheit und Genuss gelten würde, gar als Abenteuer, wie die Werbung abstruserweise nahelegt, sondern als manchmal notwendiges Übel.

Von Benjamin Leven

Der Autor

Benjamin Leven ist Redakteur der Herder Korrespondenz in Berlin und Rom.

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