Das Kreuz ins Leben tragen
Bild: © KNA
Hunderttausende beim Kreuzweg mit Papst an der Copacabana

Das Kreuz ins Leben tragen

Ich bin Teil der Generation, die durch das Internet verbunden ist", sagt ein junger Mann. Ja, soziale Netzwerke könnten ein Weg sein für "echte Beziehungen" - wenn man Glück hat. Doch genauso schnell werde man zur Geisel einer "Kraft der Zerstreuung", die Jugendliche ihrer Identität beraube. Der junge Mann betet: "Ich bitte dich für unsere Generation: Möge uns deine Gnade Wege lehren, die Frohe Botschaft auf dem digitalen Kontinent zu verkündigen."

Rio de Janeiro - 27.07.2013

Ein Jugendlicher, der über sein kurzes Leben nachdenkt, am Strand von Copacabana in Rio de Janeiro, an der zehnten Station der Kreuzwegs-Meditation mit Papst Franziskus.

Wer an das Leiden und Sterben Christi denkt, dem fällt vielleicht Golgatha ein, die antike Kreuzigungsstätte in Jerusalem. Rom-Kennern kommt die Kreuzwegandacht mit dem Papst am Kolosseum in den Sinn, aber sicher nicht der Strand von Copacabana, wo das "Girl von Ipanema" den Jungs die Köpfe verdreht.

Flip-Flop-Meile verwandelt sich

Doch beim Weltjugendtag in Rio verwandelte sich die Flip-Flop-Meile, Inbegriff des unbeschwerten Lebens, am Freitag zum Kreuzweg: besinnlich und ernst und trotzdem in Feierstimmung. Papst Franziskus betete am berühmtesten Strand der Welt, dem Mekka der Surfer und Beach-Volleyballer, mit Hunderttausenden. Der Kreuzweg verband die traditionellen 14 Stationen des Leidens und Sterbens Jesu mit Anliegen und Leiden heutiger Jugendlicher.

Der Empfang des Papstes an der Copacabana glich einem Triumphzug. Ein ganzer Kindergarten wurde Franziskus für einen Kuss in den offenen Jeep gereicht. Die Menschen warfen ihm Fahnen und andere Geschenke ins Auto - und das Ganze bei einer Jubel-Lautstärke, die man sonst nur von Rockstars kennt. "Was habt ihr am Kreuz gelassen, liebe brasilianische Jugendliche, in den zwei Jahren, in denen es durch euer riesiges Land getragen wurde?", fragt der Papst in seiner Meditation. Er meint das hölzerne Weltjugendtagskreuz, das traditionell zwischen den Großtreffen durch die Pfarreien des nächsten Gastgeberlandes reist.

Jugendliche Pilger am Strand - im Hintergrund die erleuchtete Kulisse von Rio de Janeiro.
Bild: © Harald Oppitz

Nach dem Auftaktgottesdienst mit Rios Erzbischof Orani Joao Tempesta blieben viele Pilger am Strand zurück und erfreuten sich am Anblick Rios bei Nacht.

Jesus vereint sich mit den Opfern von Gewalt

Niemand könne das Kreuz Jesu berühren, ohne daran etwas von sich selbst zu hinterlassen und ohne etwas von diesem Kreuz in sein Leben zu tragen, so Franziskus. Mit dem Kreuz vereine sich Jesus mit den Opfern von Gewalt, die nicht mehr schreien könnten, und mit denen, die Hunger litten in einer Welt, in der jeden Tag tonnenweise Lebensmittel weggeschmissen würden. Besonders aufmerksam dürften Brasiliens Jugendliche registriert haben, dass sich Jesus laut den Worten des Papstes auch mit jenen vereint, die das Vertrauen in die politischen Institutionen verlieren, weil sie dort nur Egoismus und Korruption sähen.

Nicht nur die Kulisse des Kreuzwegs war ungewöhnlich, auch die Darstellung selbst war es. Rund 280 Schauspieler und Helfer, auch aus Deutschland, stellten das Leiden Jesu vor der Kulisse des alten Jerusalem dar. Die Musik aus der Sparte Klassik goes Pop mochte indessen nicht recht zum Geschehen passen. Beethovens Mondschein-Sonate mit Orchester, Schlagzeug, Background-Chor und viel Schmalz zur Passion Christi ist nicht jedermanns Sache.

Papst hat den Tag als Beichtvater begonnen

Begonnen hatte Franziskus den Tag als Beichtvater. Im Park "Quinta da Boa Vista" nahm er fünf Jugendlichen - drei Brasilianern, einer Italienerin und einer Venezolanerin - die Beichte ab. Anschließend kam er mit acht jugendlichen Strafgefangenen aus vier Gefängnissen Rios zusammen. Die sechs Jungen und zwei Mädchen überreichten ihm einen Rosenkranz aus Styropor-Bällen als Perlen. Das Mittagessen nahm der Papst mit zwölf Jugendlichen aus Brasilien, Frankreich, Portugal, Kolumbien, Argentinien, Russland, den USA, Mexiko, Australien, Neuseeland und Sri Lanka ein.

An der Copacabana erreicht der Kreuzweg nach rund einem Kilometer die 14. Station an der Tribüne des Papstes: Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt. Die letzte Meditation des Kreuzwegs bittet für alle Kontinente. Für Lateinamerika heißt es: "Mögen Lateinamerika und die karibischen Staaten Wege finden, Gewalt und Ungerechtigkeit zu überwinden." Für Europa: "Möge Europa die zerstörerische Welle der Säkularisierung durch eine mutige Glaubensverkündigung überwinden." Merkwürdige Töne vom weißen Strand der Surfer und Braungebrannten.

Von Thomas Jansen (KNA)