Das Lamm als Opfer
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Die Samaritaner begehen das Opferfest in alter Tradition

Das Lamm als Opfer

Im roten Licht der Abenddämmerung stehen weiß gekleidete Männer vor einem in Stein gefassten Graben und beten mit erhobenen Händen und geschlossenen Augen. Ihre Stimmen schallen über das Tal in Richtung Nablus (Westjordanland) - die kehligen Laute ihrer Sprache erinnern an uralte Zeiten. Das Gebet - angeführt von etwa 20 in grün, blau und rot gekleideten Priestern - ist Auftakt zu einem Ritual: der Opferung von Lämmern.

Nablus - 16.04.2014

So hat es Moses zum Pessach-Fest einst befohlen und so begehen es die Samaritaner, Nachfahren des Barmherzigen Samariters, auf dem Berg Garizim, unverändert seit Jahrtausenden. Etwa 800 Samaritaner gibt es noch. Die Hälfte von ihnen lebt in Holon bei Tel Aviv, die andere in dem Dorf Kirjat Luza bei Nablus.

"Hüter religiöser Gesetze"

Samaritaner und Juden gehörten einmal zu den zwölf israelitischen Stämmen und waren ein Volk. Dann wurden sie durch politische Verhältnisse im Jahre 772 vor Christus getrennt. Die Folge: Samaritaner betrachteten den Berg Garizim als heiligsten Ort und bauten dort einen Tempel. Für sie war und ist Moses der einzige Prophet: "Seine fünf Bücher - die Thora - sind unsere Richtlinien", sagt Hosni Cohen, einer der Priester. Die Juden errichteten nach der Rückkehr aus dem Exil ihren Tempel in Jerusalem und erkannten die Samaritaner nicht mehr als Teil ihrer Glaubensgemeinschaft an.

Samaritaner opfern zum Pessach-Fest Lämmer.

"Wir haben die älteste Religion, die älteste Thora und die erste Sprache der Menschen", sagt Cohen selbstbewusst. Ihren Namen leiten die Samaritaner nicht von Samaria ab, wie das Gebiet nördlich von Jerusalem genannt wird, sondern von der hebräischen Wurzel "schamar", was so viel wie "wachen, hüten, bewahren" bedeutet. Bis heute sehen sie sich als Hüter religiöser Gesetze in ihrer ursprünglichen Weise.

Strenge Regeln innerhalb der Gemeinde

Um den Opferplatz herum drängeln sich Hunderte von Zuschauern aus aller Welt. Die Mehrzahl von ihnen ist in Bussen aus Jerusalem gekommen. Hal, ein Amerikaner aus Los Angeles, ist begeistert: "Man kennt das Gleichnis des Barmherzigen Samariters aus der Bibel , aber hier zu sein und seine Nachfahren zu sehen, ist einfach beeindruckend."

Sharon, Mutter von zwei Kindern aus Holon, sieht nicht aus, als ob sie in einer der ältesten Religionsgemeinschaften der Welt lebt. "Unser Leben ist nach außen hin relativ normal", sagt sie. Die Kinder gingen in die gleichen Schulen wie andere, man studiere und arbeite.

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Jede Gesellschaft braucht ihre Regeln, denn ohne sie läuft alles drunter und drüber. Das "katholische Grundgesetz" bilden die Zehn Gebote.

Allerdings seien die Regeln innerhalb der Gemeinde streng. So wird am Sabbat nichts anderes gemacht als gebetet. Und Frauen leben während der Menstruation und nach der Geburt eines Kindes völlig abgeschirmt.

Gebet auf althebräisch

Knapp zwei Stunden dauert die Vorbereitung der Zeremonie. Jede Familie spendet zwei Lämmer, die älter als ein Jahr sein müssen. "Es sind insgesamt 50 dieses Jahr", sagt Juval Joshua. Sie werden von Männern in Begleitung von Kindern auf den Opferplatz geführt, auf dem vier große Erdlöcher sind. Darin wird so lange ein Feuer geschürt, bis es glühend heiß ist.

Die Priester versammeln sich und die Männer, die zum Schächten ausgebildet sind, stellen sich entlang des Grabens auf. Zwischen ihren Beinen stehen die Lämmer. Das gemeinsame Gebet beginnt - in der althebräischen Sprache, die für Israelis kaum zu verstehen ist. Die Samaritaner sprechen sie fließend, genau wie Arabisch, Hebräisch und meist auch Englisch.

Regeln dürfen nicht verändert werden

Der Gesang auf dem Opferplatz schwillt an, dann tritt abrupt Stille ein: Wie in einer eingespielten Choreographie ziehen 50 Männer ihre Messer und schächten die Lämmer. Jubel bricht aus, die Menschen umarmen sich und wünschen sich gegenseitig ein frohes Pessach-Fest.

"Das Fleisch wird gesalzen und dann in dem Erdofen gegart", sagt Juval. Jede Familie nehme es mit nach Hause, dort werde es - noch in der Nacht - mit bitteren Kräutern und ungesäuertem Brot gegessen. "Dabei dürfen wir keine Messer verwenden, sondern ziehen das Fleisch mit den Händen vom Knochen." Dass Außenstehende die strengen Glaubensregeln der Samaritaner nur schwer nachvollziehen können, ist Juval klar. Aber eine Alternative gebe es nicht: "Hätten wir sie verändert, würde es uns heute nicht mehr geben."

Von Ulrike Schleicher (dpa)