Teufel führt Jesus auf einen Berg
Schwester Charis Doepgen über das Sonntagsevangelium

Das Risiko Jesu ist auch unser Risiko

Während Jesus fastet, führt ihn der Teufel in Versuchung. Dieses Evangelium habe auch mit uns zu tun, so Schwester Charis Doepgen. Jeder kann sich plötzlich in Situationen finden, die eine existenzielle Entscheidung verlangen.

Von Sr. Charis Doepgen OSB |  Bonn - 09.03.2019

Ausgelegt Autorin Schwester Doepgen

Impuls von Schwester Charis Doepgen

Frisch getauft und erfüllt vom Heiligen Geist hat Jesus sogleich eine Bewährungsprobe zu bestehen, mit der im Falle des Scheiterns seine Sendung buchstäblich zum Teufel gewesen wäre, bevor sie begonnen hat. Der Versucher tritt ohne Maske an ihn heran. Das erleichtert den Dialog. Jeder weiß, mit wem er es zu tun hat. Bei Lukas liest sich das Gespräch ohne Dramatik - der Teufel sagte... Jesus antwortete... Und wenn der Teufel ihn "hinauf" führt oder auf den Tempel stellt, ist Jesus scheinbar wortlos gefolgt. Was diese Beiläufigkeit uns sagt: Du kannst dich plötzlich unvermerkt in Situationen finden, die eine existenzielle Entscheidung in letzter Konsequenz verlangen. Dann ist die Frage, aus welcher Tiefe kommen meine Antworten? Jesus war im Wort Gottes zu Hause und kontert damit schlagfertig.

Die psychologische Raffinesse des Versuchers liegt in der Argumentation: "Wenn du Gottes Sohn bist..." Damit setzt er an der empfindlichsten Stelle im Selbstbewusstsein Jesu an. Hunger lässt sich eine Weile aushalten, Herrschaft über riesige Reiche ist eher lästig, Fallschirmspringen nicht jedermanns Sache, aber beim gezielten Angriff auf die eigene Identität wird es ernst – im Lukasevangelium sogar todernst. Denn wie ein roter Faden zieht sich bei Lukas das Thema "Sohn" durch, von der Ankündigung der Geburt Jesu, über den Zwölfjährigen im Tempel, bis zum letzten Wort des Sterbenden: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist". Höhepunkte sind bei der Taufe die persönliche Zusage des Vaters: "Du bist mein geliebter Sohn" und bei der Verklärung das Zeugnis: "Dies ist mein geliebter Sohn".

Es wären noch weitere Stellen zu nennen, bevor im Prozess Jesu die Frage nach seiner Gottessohnschaft sein Schicksal besiegelt. Dreifach wird dann unter dem Kreuz – in erstaunlicher Parallele zur heutigen Versuchungsgeschichte – das teuflische "Wenn…" spöttisch wiederholt. Zuerst von den "führenden Männern": "Wenn er der erwählte Messias Gottes ist..."; dann von den "Soldaten": "Wenn du der König der Juden bist..."; schließlich von einem der Schächer: "Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich...". – Der Gedanke liegt nahe, dass Jesus von Anfang an bis zu seinem Tod mit der Versuchung konfrontiert war: Zeig uns doch, was in dir steckt! Am Schluss der lukanischen Versuchungsgeschichte treten keine Engel auf, sondern da steht nüchtern: "Der Teufel ließ bis zur bestimmten Zeit von ihm ab."

Was hat das mit uns zu tun? Antwort gibt der Hebräerbrief (4,15): Wir haben einen Hohepriester, "der in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat". In allem wie wir – auch Jesus musste die Stimme Gottes von der des Widersachers unterscheiden und sich entscheiden. Die Inkarnation des göttlichen Wortes in unser Fleisch schloss dieses Risiko ein. "In Versuchung fallen ist das Privileg eines Geschöpfes aus Elend und Größe", formulierte es der katholische Schriftstelle Theodor Haecker (1879-1945).

Von Sr. Charis Doepgen OSB

Evangelium nach Lukas (LK 4,1-13)

In jener Zeit kehrte Jesus, erfüllt vom Heiligen Geist, vom Jordan zurück. Er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt, vierzig Tage lang, und er wurde vom Teufel versucht. In jenen Tagen aß er nichts; als sie aber vorüber waren, hungerte ihn.

Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Da führte ihn der Teufel hinauf und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.

Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es steht geschrieben: Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Da antwortete ihm Jesus: Es ist gesagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel bis zur bestimmten Zeit von ihm ab.

Die Autorin

Schwester Charis Doepgen OSB ist Benediktinerin in der Abtei St. Erentraud in Kellenried bei Ravensburg.

Ausgelegt!

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