Das "Wunder im Wienerwald"
Reger Zulauf in der österreichischen Abtei Heiligenkreuz

Das "Wunder im Wienerwald"

Während Orden vielerorts Nachwuchssorgen beklagen, sieht es in der Zisterzienser-Abtei Heiligenkreuz bei Wien ganz anders aus. Sie ist in den vergangenen Jahrzehnten regelrecht aufgeblüht. Aber woran liegt das?

Von Martin Schirmers (KNA) |  Bonn - 24.03.2016

Bei einem Besuch in seiner ehemaligen Heimat bleibt Abt Maximilian dennoch zurückhaltend. Er gebe keine "euphorischen Prognosen" ab, sagt der Theologe. Denn in seinen 33 Jahren als Zisterzienser habe er "genug Höhen und Tiefen erlebt". Abt Maximilian wirkt ruhig und nüchtern, als er das sagt - pragmatisch, mit einem herzhaften oberfränkischen Humor gesegnet. Der Zisterzienser weiß, dass gesellschaftliche Entwicklungen selbst das "Wunder im Wienerwald", wie es der Wiener Kardinal Christoph Schönborn einmal formulierte, ganz schnell einholen könnten. Eine Berufungsflaute im Gefolge könnte den Konvent auch wieder lichten.

Trotzdem: Für das Durchschnittsalter der Heiligenkreuzer Zisterzienser von 48 Jahren muss es Erklärungen geben. Warum hat die Abtei seit 40 Jahren kontinuierlich Nachwuchs? Der Konvent aus über 15 Nationen hat sich in den vergangenen 30 Jahren nahezu verdoppelt. Welche Weichenstellungen in der Vergangenheit kommen da zusammen, die sich so auswirken?

Junge Leute ziehen junge Leute an, setzt Abt Maximilian an. Dabei ist er sich bewusst, dass er den großen Spuren und richtigen Weichenstellungen seiner Vorgänger folgt. Abt Franz (1969 bis 1983) etwa hatte 1975 entschieden, das Internat zu schließen und die Hochschultätigkeit zu intensivieren - langfristig genau die richtige Entscheidung. Heute steht die Philosophisch-Theologische Hochschule in Heiligenkreuz mit modernsten Vorlesungsräumen für 300 Studenten, darunter rund 160 Priester- und Ordenskandidaten, gut da - "jung und dynamisch, alles andere als verstaubt", freut sich Abt Maximilian. Das ergebe eine attraktive, geistig-geistliche Atmosphäre.

Spiritueller "Standortvorteil"

Dazu zählt auch die Liturgie. Dank seiner Vorgänger hielt nach dem Zweiten Vatikanum eine erneuerte Liturgie Einzug. Heiligenkreuz schuf nach dem Konzil ein neues, ordenseigenes Stundengebet (Brevier). "Eine Mammutaufgabe" sei das für den Konvent gewesen, gesteht der Abt. Diese habe sich aber gelohnt. Denn die täglich im Geist des Konzils gefeierte Liturgie und das Stundengebet seien ein kleiner, aber spirituell entscheidender "Standortvorteil" für die Hochschule der Zisterzienser im Wienerwald.

Portrait von Maximilian Heim, der seit 2011 Abt des Stifts Heiligenkreuz in Österreich ist.

Der Zisterzienser Maximilian Heim ist seit 2011 Abt des Stifts Heiligenkreuz in Österreich.

Zugleich bleibt der Ordensmann bescheiden. Er glaube, "dass wir nicht eine einzige Berufung 'machen' können". Ob mit dieser "Machtlosigkeit" vielleicht schon ein spiritueller Grundakkord angeschlagen ist, der dann doch einiges erklärt? Der Abt versteht jedenfalls den gegenwärtigen Stand als ein Zeichen der "Barmherzigkeit Gottes" - als eine Sendung, die in aller Demut anzunehmen sei und für deren Fortsetzung es keine Garantie gebe.

Abt Maximilian ist einer der Gründermönche des 1988 in Stiepel gegründeten Zisterzienserklosters. Der Bochumer Fundamentaltheologe Hermann Josef Pottmeyer sah damals die Neugründung im Ruhrgebiet als "geistliches Biotop". Im Rückblick ist Abt Maximilian überzeugt, dass sich die Stiepeler Klostergründung auch positiv auf die Entwicklung in Heiligenkreuz ausgewirkt hat. Zwar habe Heiligenkreuz personell zunächst durch die Mönche für Stiepel ein großes Opfer gebracht; Abt Gerhard sei gar mit den Worten kritisiert worden, er lasse Heiligenkreuz "ausbluten".

"Sind ein bunter Konvent"

Doch das Gegenteil trat ein: "Heiligenkreuz würde heute nicht da stehen, wo es steht, wenn wir damals nicht die Neugründung in Stiepel gemacht hätten." Denn über die Neugründung seien auch junge Leute nach Österreich bekommen und hätten "neues Leben gebracht". Durch die Wende von 1989 hat sich das noch verstärkt. "Wir haben uns für Studenten aus dem Ostblock geöffnet." Heiligenkreuz liegt geografisch östlicher als Prag.

Bei Etiketten, die Heiligenkreuz schnell angeheftet werden, bleibt der Abt entspannt. So heißt es, die Abtei sei ein "konservatives Klostermodell" - oder etwas vornehmer, ein Ort für "traditionsbedachte Katholiken", so der Religionssoziologe Paul M. Zulehner. Abt Maximilian sieht die Gemeinschaft dagegen vielfältiger. "Obwohl wir alle einen Habit tragen, sind wir wirklich ein bunter, kein einförmiger Konvent". Deshalb bewege er sich in einer gesunden "Spannung zwischen Tradition und Innovation".

Medial ist Heiligenkreuz indes eine der modernsten Gemeinschaften. "Wer geht so oft online, nutzt die modernen Medien, hat ein eigenes TV-Studio und online-vernetzte Vorlesungsräume?", fragt der Abt. Die Zisterzienser versuchen, einen Weg der Mitte zu gehen, in der moderne Evangelisierung und Mission nicht auf der Strecke bleiben. Das ist ihr Anspruch: "Kein konservativer Club, der sich zurückzieht und im eigenen Saft schmort. Dazu sind wir viel zu groß und dynamisch." In den eigenen Reihen befinden sich auch ein Ex-Manager und ein renommierter Künstler.

Und so verwundert es auch nicht, dass Heiligenkreuz immer wieder in der Öffentlichkeit steht. So heimste das von Mönchen der Abtei besungene Album "Chant" 2008 rund um den Globus zahlreiche Platin-, Gold- und Echo-Auszeichnungen ein. Weitere Hits folgten - und auch die jüngste CD "Chant for Peace" ist wieder mit Gold gekürt.

Wovon kann da ein Abt noch träumen? Abt Maximilian überlegt nicht lange, spricht von einem völkerverbindenden Kloster an der deutsch-polnischen Grenze. Und er schwärmt von einer Gründung auf den Philipinnen - dort, wo er "leben und sterben" könnte. So wie es aussieht, werden dem Abt und seiner Gemeinschaft also die Ideen noch lange nicht ausgehen.

Von Martin Schirmers (KNA)