Papst Franziskus schaut lächelnd in die Kamera.
Papst Franziskus geht in Philadelphia ins Gefängnis

"Dass sich endlich jemand für uns einsetzt!"

In den USA sitzen proportional mehr Menschen im Gefängnis als in jedem anderen Land der Welt. Papst Franziskus will das Problem mit dem Besuch einer Haftanstalt in Philadelphia ins Bewusstsein bringen.

Von Thomas Spang |  Philadelphia - 27.09.2015

Robinson gehört zu jenen 100 Gefangenen, die aus den insgesamt 2.800 Insassen der Haftanstalt ausgewählt wurden, um in der Sporthalle mit Franziskus zusammenzutreffen. Der Einsatz für Häftlinge ist ein wichtiges Anliegen des Papstes. Schon bei seinen Reisen nach Bolivien und Brasilien besuchte er Haftanstalten oder wusch in Rom vor Ostern Gefangenen die Füße. Dass er sich in dem vollgepackten Programm seines USA-Besuchs Zeit für die Begegnung im Curran-Fromhold-Gefängnis nimmt, wird in den USA auch als ein politisches Signal verstanden.

Die USA sind Weltspitze

Nirgends auf der Welt gibt es - bezogen auf die Gesamtbevölkerung - so viele Gefangene wie dort. Mehr als 2,3 Millionen sind es im ganzen Land, 716 je 100.000 Einwohner. Damit liegt der durchschnittliche Wert der USA laut einer Statistik des "International Center for Prison Studies" über dem Russlands (475), des Iran (283) oder Chinas (121); Deutschland kommt auf lediglich 81.

Gründe für die hohe Häftlingszahl sind strenge Drogengesetze, verbindliche Mindeststrafen ohne jeden Spielraum für die Justiz sowie die berüchtigte "Three Strike"-Regel, die Personen selbst bei kleineren Vergehen lange hinter Gitter bringen kann. Sie sind das Ergebnis einer Politik unnachgiebiger Härte, die einmal als Antwort auf Gang- und Drogengewalt gedacht war.

So viele Haftanstalten wie Hochschulen

US-Präsident Bill Clinton unterschrieb 1994 ein Reformgesetz, das Milliarden für die Kriminalitätsbekämpfung bereitstellte. Seitdem schossen Gefängnisse wie Pilze aus dem Boden - viele davon betrieben als gewinnorientierte Privateinrichtungen. Insgesamt gibt es in den USA ungefähr so viele Haftanstalten wie Hochschulen (etwa 4.500).

Zu der von Experten als "Überkriminalisierung der Gesellschaft" kritisierten Entwicklung trägt auch der US-Kongress bei. Jahr für Jahr fügt er den 27.000 Seiten umfassenden US-Strafgesetzen weitere Vorschriften hinzu. Überproportional hart trifft das Gesetz Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten. Obwohl Schwarze nur 9 Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellen sie 40 Prozent der Knastinsassen. Die Wahrscheinlichkeit, wegen desselben Vergehens im Gefängnis zu landen, ist bei schwarzen im Vergleich zu weißen Bürgern 25 Mal höher.

Rückkehr der Rassendiskriminierung

Der katholische Gefängnisseelsorger Michael Bryant kann das aus seiner Erfahrung in Washington bestätigen. Der katholischen Nachrichtenagentur CNS sagte er, die Gefangenen stammten überwiegend "vom unteren Ende der sozioökonomischen Leiter und aus der farbigen Bevölkerung". Nach ihrer Entlassung werden sie Bürger zweiter Klasse, denen viele Rechte vorenthalten bleiben - allen voran das Wahlrecht. Kritiker wie die Rechtswissenschaftlerin Michelle Alexander sprechen von einer Rückkehr der Rassendiskriminierung durch die Hintertür.

Präsident Barack Obama setzte sich im Juli beim Besuch eines Bundesgefängnisses in Oklahoma - der ersten derartigen Visite überhaupt - an die Spitze einer überparteilichen Bewegung, die auf eine Justizreform drängt. Dazu gehört auch ein großes Kirchenbündnis, das auf weniger drakonische Strafen und mehr Chancen zur Resozialisierung drängt. Die US-Katholiken nehmen dabei schon lange eine Führungsrolle ein. So kritisierte die nationale Bischofskonferenz bereits im Jahr 2000 eine "ungleiche Behandlung der Rassen" im Strafsystem sowie "perverse Anreize eines auf Profit ausgerichteten Gefängnissystems".

Häftling Dino Robinson im Curran-Fromhold-Gefängnis macht all das neuen Mut. Vor allem aus dem bevorstehenden Papstbesuch schöpft er Zuversicht: "Dass Franziskus zu den Gefangenen kommt, gibt mir Hoffnung, dass sich endlich jemand für uns einsetzt."

Von Thomas Spang