Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester M. Salome Zeman über das Sonntagsevangelium

Dem Bösen ins Auge blicken

Für Schwester Salome Zeman ist das heutige Evangelium eine Anfrage an die Kirche, aber auch an sie persönlich: Wie können wir wirklich rein werden? Dabei sei es zu einfach, sämtliche Schuld von sich zu weisen.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF |  Bonn - 01.09.2018

Impuls von Schwester M. Salome Zeman

Ich schätze, jeder kennt den einen oder anderen Menschen, der völlig schuldlos das "arme Opfer" ist. Egal, worum es geht – die Welt ist böse, die Mitmenschen wollen ihm nur Übles, keiner nimmt Rücksicht, jeder denkt nur an den eigenen Vorteil, und er selbst scheint auch noch so etwas wie ein Pechmagnet zu sein. Mir fallen spontan mehrere Menschen ein, die sich ihre eigene Opferrolle perfekt aufgebaut haben. Kein Gegenargument wird daran kratzen können.

Das Einzige, was ich mit Gegenargumenten erreichen kann, ist selbst zur bösen Welt und zu den übelmeinenden Mitmenschen gezählt zu werden. Irgendwie genial, wie sich manche Menschen die Welt zurecht reden können, so dass sie immer als die Guten dastehen. Aber auch nicht gerade ehrlich.

Ich glaube, ein kleines Stück Opfermentalität liegt in jedem Menschen – "Ich war’s nicht" ist manchmal schon fast ein Reflex. Dass das so ist, können wir vermutlich nicht ändern. Aber zu glauben, dass das richtig so ist, nimmt uns die Chance zu wachsen und bessere Menschen zu werden, denn zum Wachsen gehört zwingend und immer die Einsicht, dass etwas der Änderung bedarf, und dass diese Änderung immer auch in meiner eigenen Verantwortung liegt. Klar, manches Mal ist die Änderung, die ich mir als ideal ausmale, gar nicht machbar. Aber nur, weil meine Ideallösung nicht umsetzbar ist, heißt das nicht, dass ich gleich aufgeben muss und völlig ohnmächtig bin.

Für mich ist das heutige Evangelium mit der Rede über Reinheit und Unreinheit eine große Anfrage an mich persönlich und an die Kirche als Ganze: Kommt das Böse in mir, meine Wut und all meine fiesen Gedanken nur daher, dass andere Menschen mir das Leben schwer machen? Gibt es in der Kirche nur deshalb so viel Sünde, weil böse Mächte und böse Menschen die Kirche quasi verführen?

Es wäre zu einfach, die Schuld von mir und von uns einfach wegzuschieben. Dann müsste sich in mir und in der Kirche nichts ändern. Aber das stimmt nicht. Ich selbst muss immer wieder umkehren und mich neu ausrichten auf Christus, und die Kirche muss das auch. All dieses Böse kommt von innen, sagt Jesus uns im Evangelium. Wir sind nicht einfach arme Opfer. Erst, wenn wir diesen Gedanken zulassen, persönlich wie auch in der Kirche, erst, wenn wir dem Bösen direkt ins Auge blicken und nicht mehr daran vorbei schielen, erst dann können wir lernen, rein zu werden und heilig.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus (Mk 7,1-8.14-15.21-23)

In jener Zeit hielten sich die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.

Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.

Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.

Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?

Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.

Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.

Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.

Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

Die Autorin

Schwester M. Salome Zeman ist Franziskanerin von Sießen, Diplomtheologin und studiert in Freiburg Englisch.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.