Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Veronica Krienen über das Sonntagsevangelium

Den Arm voller Verheißung

Der Wunsch des alten Simeon wurde erfüllt: den Messias zu sehen. Er erkennt das Jesuskind im Tempel und nimmt es in seine Arme. Simeons Haltung ist für Schwester Veronica Krienen ein Angebot an der Schwelle zum Neuen Jahr.

Von Sr. Veronica Krienen OSB |  Bonn - 30.12.2017

Impuls von Schwester Veronica Krienen

Er nahm das Kind in seine Arme. Was habe ich in diesem Jahr nicht alles in den Arm genommen – neben kleinen Kindern waren es viele erwachsene Menschen, liebe und anstrengende. Was wurde mir alles in den Arm und in die Hand gelegt: Aufgaben und Themen, Konflikte und Probleme, Aktenordner und Werkstücke. Jeder, jede und jedes hatte eine Botschaft und eine Bedeutung für mich. Das Evangelium stellt mir die Frage, ob auch Situationen dabei waren, in denen ich verwundert und beglückt sagen konnte: Meine Augen haben Heil gesehen.

Er nahm das Kind in seine Arme. Heute, auf der Schwelle zwischen den Jahren wird uns dieses Bild vor Augen gestellt: Ein Mann, der auf Rettung wartet. Ein Mann, der durch alle Wechselfälle des Alltags den Blick offen hält auf das, was er wirklich und zutiefst erwartet und ersehnt. Ein Mann, der wach bleibt und in all den vielen, wohl manchmal ermüdenden Begegnungen Ausschau hält nach dem wirklich Wichtigen, dem wirklich Rettenden und Erfüllenden. Und ein Mann, der findet; der in den Arm nimmt und erkennt: Da ist es, das Heil. Woher er das wohl wusste? Ich stelle mir vor, wie er intuitiv tief in seinem Inneren eine Stimme mit jener Gewissheit vernimmt, die keinen Zweifel mehr offenlässt.

Auf der Schwelle zum Neuen Jahr und in der Frage, was mir wohl in die Hand gelegt werden wird, könnte diese Haltung ein echtes Angebot sein. Es gibt diese Möglichkeit, was mir begegnet so in den Arm und in die Hand zu nehmen, wie Simeon das Kind aufnimmt. Es gibt die Möglichkeit, wach zu sein, damit mir die ganz alltäglichen Szenen meines Lebens durchsichtig werden auf eine dahinterliegende Wirklichkeit des Heils hin. Dass das Vordergründige sich öffnet auf eine tiefere Dimension hin: Das Licht Gottes, der uns in seinem Sohn das Heil gesandt hat. In Jesus, einem Kind, klein und unscheinbar, unspektakulär, verborgen – aber auffindbar. Denn Gott selbst ist in Jesus in jede denkbare menschliche Tiefe eingestiegen, in jede Not, jede Last, jede Herausforderung, damit nun für immer gilt: Ich bin da, wo du bist.  

Auch wenn – wie bei Simeon – Warten und aufmerksames Ausschau-Halten nötig ist, wenn es sich nicht leicht und automatisch erschließt – es lohnt sich. Jesus Christus ist uns geschenkt und er kann in jeder Situation gefunden und erkannt werden, in allem, was ich für 2018 befürchte und erhoffe, in allem was ich in den Arm und in die Hand nehmen werde.

Von Sr. Veronica Krienen OSB

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 2, 22-40)

Es kam für die Eltern Jesu der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm.

Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selber aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.

Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Pénuels, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.

In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm.

Die Autorin

Sr. Veronica Krienen OSB lebt als Benediktinerin in Köln. Die Psychologin arbeitet im Edith-Stein-Exerzitienhaus und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses.

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