Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Veronica Krienen über das Sonntagsevangelium

Den brotgewordenen Christus nicht ängstlich beschützen

Die Jünger pflücken am Sabbat Ähren vom Feld. Als Jesus ihr Verhalten vereidigt, setzt er damit neue Prioritäten, meint Schwester Veronica Krienen. Auch der brotgewordene Christus wolle zu den Menschen hinausgetragen werden.

Von Sr. Veronica Krienen OSB |  Bonn - 02.06.2018

ausgelegt autor krienen

Impuls von Schwester Veronica Krienen

Wenn ich als Kölnerin von den Jüngern lese, die am Sabbat mit verbotenerweise ausgerissenen Ähren ihren Hunger stillen, dann erinnert mich das an die berühmt gewordene Geschichte unseres früheren Kardinal Frings, der im Hungerwinter 1946/47 predigte, man dürfe sich im Notfall das Lebensnotwendige nehmen. Kardinal Frings war damit ganz nah an Jesus, der den religiösen Profis seiner Zeit, die diese Übertretung maßregeln, eine ganz neue und andere Sicht eröffnen will.

Jesus macht unmissverständlich klar: Wir brauchen mit unseren religiösen Regelwerken Gott nicht schützen – das hat er gar nicht nötig – er selber ist Herr über den Sabbat. Im Gegenteil, Gott will dem Menschen dienen, ihm Weisungen mitgeben, die sein Leben zur Entfaltung bringen und die menschliche Gemeinschaft als Lebensraum schützen können: Der Sabbat, ist für den Menschen da.

Wer Hunger hat, darf essen – auch am Sabbat, so macht Jesus deutlich. Eine echte Not hat Vorrang vor allen religiös gutgemeinten Regeln. Und Hunger ist eine große Menschennot. Viele, allzu viele quält er auch heute immer noch, viele andere hungern nach Leben, nach Sinn, nach Erfüllung. Die Sabbatregeln haben in diesem Fall zurückzutreten. Die Prioritäten sind neu zu setzen.

Unser Gottesbild, wie es uns in Jesus Christus aufleuchtet, weist uns dabei die Richtung. Gott selbst will, dass wir satt werden. Jesus ist besorgt um den Hunger der Menschen und geht dabei über Grenzen. Hier über die Tabugrenzen der Sabbatregeln und bei der Brotvermehrung überschreitet er die Grenzen des Vorstellbaren. Vollends bricht die ganz andere Logik Gottes in unsere Welt ein, wenn er sich selbst dem Menschen in Jesus Christus zur Speise gibt, damit wir satt werden, wirklich satt werden über alles Vordergründige hinaus. Alle aßen und wurden satt [Mk 6,42] – das ist Gottes Anliegen. In dieser Logik will auch der brotgewordene Christus nicht ängstlich beschützt werden, er will sich geben, hinausgetragen werden zu den Menschen, wie wir es gerade an Fronleichnam getan haben. Er lädt alle ein, die hungrig sind, über Grenzen hinweg.

Wir dürfen und sollen unsere religiösen Regeln kritisch darauf hin befragen, ob sie wirklich noch in Beziehung stehen zu den echten Bedürfnissen der Menschen, ob sie für den Menschen da sind. Denn wir dürfen Jesus zuzutrauen, dass wir in unserer Not und Bedürftigkeit bei ihm an der richtigen Adresse sind; er wird für uns eintreten und für uns sorgen, auch heute.

Von Sr. Veronica Krienen OSB

Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 2, 23 - 3, 6)

An einem Sabbat ging Jesus durch die Kornfelder, und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten.

Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten - wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab? Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Als er ein andermal in eine Synagoge ging, saß dort ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Und sie gaben acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn.

Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen.

Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus, und seine Hand war wieder gesund. Da gingen die Pharisäer hinaus uns fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen.

Die Autorin

Sr. Veronica Krienen OSB lebt als Benediktinerin in Köln. Die Psychologin arbeitet im Edith-Stein-Exerzitienhaus und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.