Erik Flügge
Warum Erik Flügges neues Buch befremdlich wirkt

Den Gottesdienst abschaffen und die Bibel ergänzen?

Nach seinen provokanten Vorschlägen für die katholische Kirche nimmt er sich jetzt die Protestanten vor: "Nicht heulen, sondern handeln" heißt das neue Buch von Erik Flügge. Warum er mit seinen "Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft" weit daneben liegt, klärt unsere Rezension.

Von Felix Neumann |  Bonn - 01.04.2019

Erik Flügge hat wieder provokante Vorschläge für die Zukunft der Kirche. Beim letzten Mal, in seinem Buch "Eine Kirche für viele statt heiligem Rest", waren die Vorschläge noch recht moderat: Das Personal für die breite Masse der Kirchensteuerzahler einsetzen, nicht für die Vollbetreuung des treuen Kerns der Kirchgänger. Hausbesuche und Oster-Postkarten sollten es richten. Dieses Mal nimmt Flügge sich speziell die Protestanten vor – und da tun es ein paar Drucksachen und Klinkenputzen anscheinend nicht mehr. Denn in den Kirchen der Reformation liegt einiges im Argen. "Der Gottesdienst ist tot. Er wird nicht wieder lebendig. Die Bibel scheitert im Umgang mit einer radikal geänderten Welt. Ihre Protagonistinnen und Protagonisten an den Spitzen der Synoden können nicht frei genug sprechen, um gehört zu werden", fasst Flügge selbst die drei großen Thesen seiner kurzen Streitschrift "Nicht heulen, sondern handeln" gegen Ende der gut 90 Seiten zusammen.

Mit der evangelischen Kirche verbindet den nach eigenem Bekenntnis "liberalen Katholiken" eine Art Hassliebe. "Der Protestantismus ist mein Albtraum", fängt das Buch an, und gleichzeitig beschreibt er einen Sehnsuchtsraum: liberal und demokratisch, mit Frauen an der Spitze, eine "Kirche der Freiheit". Seinem reformatorischen Ideal stellt Flügge seine Wahrnehmung der tristen realexistierenden Behördenkirche entgegen: Langweilig und jede Kontroverse zu Tode differenzierende, glattgeschliffene Konsensäußerungen, eine an Glauben und Attraktivität ermattete Gemeinschaft älterer Akademiker, die selbstreferentiell ständig die Bibel zitierend um sich selbst kreist.

Wer auf Gnade hofft, ist verloren

Die katholische Kirche ist dabei für Flügge nicht das gelobte Land. "Nicht heulen, sondern handeln" gehört nicht zum Genre der Rückkehr-Ökumene. Stattdessen macht er aus seiner katholischen Perspektive – die Kirschen in Nachbars Garten sind immer süßer – das stark, was ihn am Protestantismus fasziniert; oder jedenfalls das, was ihm als eigentlich protestantisch scheint: das Vertrauen in die Freiheit eines jeden Christenmenschen. Protestantisches Denken ist für ihn das Aufrührerische von Propheten, sind Reformatoren, die sich selbst die Autorität zusprechen "denken zu dürfen", ist das Sprengen von Grenzen. Dabei sprengt er selbst die Grenzen des übrigens auch ökumenischen Konsens: "Das ist doch der Unterschied zwischen Ihrer Kirche und meiner", schreibt Flügge. "Dass Ihre Kirche dem Menschen die eigenwillige Macht zuspricht, mehr zu sein als Gottes Werkzeug." Mehr noch: Der Mensch sei Schöpfer seiner selbst, und wer "zu Lebzeiten allein auf Gnade hofft, der ist verloren".

Mit den Buße und Erlösungsbedürftigkeit betonenden protestantischen Theologien hat das allerdings wenig zu tun. Flügge verkürzt den Protestantismus auf einen nebulösen Freiheitsbegriff, ohne dass Figuren wie Friedrich Schleiermachers schlechthinnige Abhängigkeit der Welt von Gott und Luthers ernstes Ringen um die Rechtfertigung vor Gott aufgegriffen werden. Kurios ist, dass Flügge an anderer Stelle befremdet erzählt, er habe keine Protestanten gefunden, die an die Auferstehung glauben, und dass dieser Glaube doch zentral sei – warum ist das eigentlich ein Problem, fragt man sich, wenn der Mensch ohnehin Schöpfer seiner selbst ist und auf Gnade zu hoffen absurd ist?

Porträt von Friedrich Schleiermacher

Friedrich Schleiermacher (1768-1834) war ein deutscher evangelischer Theologe und Philosoph.

Die Fragen und Probleme, die Flügge aufwirft, sind relevant: Warum ist die Bindungskraft der evangelischen Kirche, gemessen am Gottesdienstbesuch, so schwach? Warum sind die Äußerungen der Synoden und Kirchenleitenden so glatt, so wenig begeisternd? Warum fällt es so schwer, die Glaubensinhalte zu vermitteln? Aber sind das wirklich spezifisch evangelische Probleme? Der katholische Gottesdienst steht zwar besser da – immer noch fast zehn Prozent der Katholiken sind an den Zählsonntagen in den Kirchen, im Vergleich zu drei Prozent bei den Protestanten. Aber ist das genügend Unterschied, um den evangelischen Gottesdienst für tot zu erklären, ohne dem katholischen eine hoffnungslose Diagnose auszusprechen? Bischöfe der katholischen Kirche können durchregieren ohne nivellierende Synodenkonsensbeschlüsse, die katholischen Verbände und Räte könnten ohne Umsetzungszwang prophetisch reden und beschließen. Ist die Qualität katholischer Verlautbarungen soviel besser, soviel anregender, soviel prophetischer? Und ist es um die Glaubensfestigkeit der Katholiken soviel besser bestellt als bei den Protestanten?

Das Buch richtet sich zwar an Protestanten – aber weder geht es auf wirklich spezifisch protestantische Probleme ein, noch lässt es sich auf eine spezifisch protestantische Theologie ein, noch rezipiert es die Erkenntnisse der Religionssoziologie. So heißt es etwa an einer Stelle, der Gottesdienst sei im Protestantismus "gar keine theologische Notwendigkeit, wie er es im katholischen Glauben ist". Wirklich? Kommt im evangelischen Evangelium die Sache mit "Tut dies zu meinem Gedächtnis" nicht vor? Verständlich ist die Aussage nur aus einer rein katholischen engen Perspektive, die alles außer der Eucharistiefeier als defizitär ansieht. Als Selbstaussage evangelischer Theologie ist sie schwer vorstellbar.

Ist der evangelische Gottesdienst tot?

Zwar hat die evangelische Kirche das Bindungsproblem, das sich an den drei Prozent Kirchenbesuch an Zählsonntagen äußert. Die Methodik der "Zählsonntage" ist aber selbst problematisch, geht sie doch von einem allsonntäglichen Gottesdienstbesuch aus – Menschen, die an besonderen Feiertagen, unregelmäßig oder anlässlich von Kasualien, Krisen und Lebenswenden Gottesdienste mitfeiern, wird die Methode nicht gerecht – und trotzdem werden die drei Prozent für Flügge zum ausreichenden Beweis seiner These. Der bloße Verweis auf die geringe Zahl verkennt außerdem, was der Religionssoziologe Detlef Pollack über den Gottesdienst sagt: "Wer in den Gottesdienst geht, weist eine weitaus höhere Wahrscheinlichkeit auf, auch an Gott zu glauben und sein Leben nach den Grundsätzen des Glaubens auszurichten, als jemand, der das nicht tut." Der Gottesdienst mag, so Flügge, "tot" sein. Wer aber noch Gottesdienste mitfeiert, sind  gerade diejenigen, dank derer die Kirche nicht nur eine Wohlfahrts- und Geselligkeitsorganisation mit christlichem Branding ist: Ohne Gottesdienste wäre die Kirche tot.

Das Denkmal für Martin Luther in der Lutherstadt Eisleben.

Die Bibel sollte durch Aussagen des Reformatoras Martin Luther ergänzt werden, meint Erik Flügge.

Statt an Gottesdiensten als Garanten für die Kirchlichkeit der Kirche will Flügge lieber am Zentrum der Offenbarung arbeiten. "Es ist doch nur eine katholische Entscheidung gewesen, dass die Bibel ein Ende hat", begründet er sein Plädoyer für eine stete Erneuerung des Kanons der Schrift. Dass der Protestantismus den hergebrachten Kanon bewahrt, führe zu einer "Vergreisung", fehle es doch an Korrektiven wie dem katholischen Traditionsverständnis, Heiligen und Päpsten. (Weder die Diskussion um den Stellenwert der deuterokanonischen Schriften noch den Bezug auf Bekenntnisschriften erwähnt Flügge.) Der Katholik vermisst jemanden, "der über die Bibel hinaus die Autorität auf sich vereint, Glaubenswahrheiten zu setzen". Welcher Protestant vermisst das? Und zwar nicht nur aus Befindlichkeit, sondern reformatorisch-theologisch verantwortet? Wieder zeigt sich ein Widerspruch zu Flügges romantisierendem Bild der Kirche der Freiheit, in der Menschen kraft ihres eigenen Verstandes Gott suchen. Um das Evangelium heute zu verstehen, reiche der Verstand jedes einzelnen nämlich anscheinend nicht; da brauche es ein Update der Schrift. "Wir brauchen diesen Text auch in jeder Bibel. Genauso wie wir die paulinischen Texte angefügt haben, um mehr Orientierung zu geben, als die vier Evangelien es geben können."

Luther und Bonhoeffer in die Bibel

Abgesehen davon, dass das doch eine historisch gewagte Kurzfassung der Kanonbildung ist: Welche Theologie steckt hinter solchen Vorschlägen? Dem tiefen Ernst, mit dem gerade Protestanten sich der Schrift genähert haben und nähern, wird sie jedenfalls nicht gerecht. War es Rudolf Bultmann noch darum zu tun, die Wunderwelt der biblischen Erzählungen zu entmythologisieren, um die christliche Botschaft modernen Menschen verständlich zu machen, schüttet Flügge das Kind mit dem Bade aus und erklärt die Schrift für unrettbar obsolet und ergänzungsbedürftig. Ironischerweise sieht Flügge unter den Kandidaten für eine Erweiterung der Schrift sowohl Luther ("sola scriptura") wie Dietrich Bonhoeffer – beides keine Gewährsmänner für ein eigenmächtig-menschliches Ergänzen der Schrift. "Nur aus der Heiligen Schrift lernen wir unsere eigene Geschichte kennen", schreibt Bonhoeffer – und nicht, indem man eigene Geschichten an die Schrift anfügt. Bonhoeffer plädierte für eine immer genauere ernsthafte Lektüre der Bibel.

Den Gottesdienst abzuschaffen, die Bibel zu ergänzen, schließlich einen institutionalisierten Propheten, einen Reformator zu wählen (Flügges dritter Vorschlag): Das steht so quer zu den evangelischen Bekenntnisschriften von Luthers Katechismen bis zur Barmer Erklärung, wie es nur geht. So kritisch sich Flügge auch der eigenen Kirche gegenüber zeigt: Die Vorschläge laufen darauf hinaus, die Krise der evangelischen Kirche damit zu erklären, dass ihr Elemente dessen fehlen, was im Kern katholisch ist. Das habt ihr davon, dass ihr keine Messe habt. Das habt ihr davon, dass ihr die Tradition nicht als Quelle der Offenbarung anseht. Das habt ihr davon, dass ihr weder Heilige noch Päpste habt. Es muss sich etwas ändern, damit der Protestantismus eine Zukunft hat, meint Flügge.

"Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben", heißt es in der Barmer Theologischen Erklärung. Flügge erklärt diese Mühe für vergeblich. Über evangelische Theologie erfährt man bei ihm nichts, eine Auseinandersetzung damit, was die Reformatoren und die reformatorische Theologie umtreibt, ist nicht zu erkennen: Nur eine Begeisterung für einen unbestimmten Freiheitsbegriff. Wenn der Protestantismus so gerettet werden sollte: Was bleibt dann von ihm noch übrig?

Von Felix Neumann