Zehn Gebote
Dritter Teil der Reihe zum Dekalog

Den Gottesnamen nicht missbrauchen: Das zweite Gebot

In einer Serie stellt katholisch.de die Zehn Gebote vor. Diesmal geht es um das Zweite Gebot: "Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen". Die Bibel macht unmissverständlich klar, dass keiner, der dieses Gebot verletzt, ohne Strafe davon kommt. Denn der Gottesname hat für den Glauben eine wichtige Funktion.

Von Till Magnus Steiner |  Bonn - 31.03.2019

Im Alten Testament sind Namen nicht nur Schall und Rauch – erst recht nicht der Name Gottes. Denn gemäß den ersten beiden Verboten der Zehn Gebote ist JHWH für Israel kein Gott unter vielen, sondern der einzige; und er ist nicht in einem Kultbild fassbar, sondern in seinem Namen in der Welt anwesend.

Der Name wird vermieden

In der revidierten Einheitsübersetzung ist der Gottesname hinter dem in Kapitälchen geschriebenen Wort "Herr" versteckt. Die Vermeidung des eigentlichen Gottesnamens ist eine jüdische Tradition, die bereits in der antiken, jüdischen Übersetzung ins Griechische, genannt Septuaginta, deutlich sichtbar wird. In einem griechischen Textfragment aus dem 2. Jahrhundert vor Chr. wurde der Gottesname nicht übersetzt, sondern er wurde in Hebräisch stehen gelassen. In späteren Handschriften wurden anstelle des Gottesnamens das griechische Wort κύριος (gesprochen: kyrios) verwendet, dass "Herr/Gebieter" bedeutet.

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Jede Gesellschaft braucht ihre Regeln, denn ohne sie läuft alles drunter und drüber. Das "katholische Grundgesetz" bilden die Zehn Gebote.

Eine solche Anrede Gottes findet sich bereits im hebräischen Alten Testament. Und die späteren Schreiber, die für die nur aus Konsonanten bestehende hebräische Schrift Zeichen für Vokale entwickelten, um die genaue Aussprache der Heiligen Schriften festzuhalten, machten den Gottesnamen unaussprechbar, indem sie die Vokale anderer Wörter zu den Konsonanten des Gottesnamens schrieben. So ist die ursprüngliche Aussprache des Gottesnamens heute unklar und mit Sicherheit kennt man nur seine vier Konsonanten יהוה  (jhwh). Eines der durch diese Vokalisation vorgesehenen Ersatzwörter für den Gottesnamen ist das hebräische Wort ‎אֲדֹנָי (gesprochen: adonaj). Die Herkunft dieses Wortes ist das hebräische Wort für "mein Herr" (‎אֲדֹנִי, gesprochen: adoni), allerdings in einer Form und Aussprache, die nur für Gott verwendet werden darf. Niemand außer Gott wird als ‎אֲדֹנָי angesprochen. Ein weiteres Ersatzwort für den Gottesnamen in den hebräischen Manuskripten ist das aramäische Wort שְׁמָא (gesprochen: sch’ma), das einfach "Name" bedeutet.

Gemäß dem Vater Unser soll der Name Gottes geheiligt werden und die Zehn Gebote verbieten ihn zu missbrauchen. Denn wie die beiden Bücher Exodus und Deuteronomium, in denen die Zehn Gebote überliefert sind, aufzeigen, ist der Name Gottes der Ort der Beziehung zu Gott. Als Gott sich im brennenden Dornbusch Mose offenbart und ihn beauftragt das Volk Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten herauszuführen, fragt er ihn nach der Bedeutung seines Namens: "Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen sagen?" (Exodus 3,13).

"Was ist sein Name?"

Im hebräischen Text fragt Mose nicht nur nach dem Namen des Gottes, der ihm erschienen ist, sondern er fragt "Was ist sein Name?". Das hebräische Wort für "Name" (שֵׁם, gesprochen: schem) bedeutet auch "Reputation/Ruhm". In der Zeit des Alten Testaments bestand ein wesenhafter Zusammenhang zwischen dem Namen und der mit ihm benannten Person. Deutlich wird dies an der Antwort Gottes: "Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt.“ Gott antwortet Mose nicht mit seinem Namen, er sagt nicht: "Ich bin JHWH". Sondern er erklärt sich in einem scheinbar nichtssagenden Satz, der sich in vielerlei Versionen übersetzen lässt: "ich bin, der ich bin", "ich werde sein, der ich sein werde" oder gar "ich bin der Seiende".

Zum einen drückt sich in diesem Satz die Unverfügbarkeit Gottes durch den Menschen aus – unabhängig vom Menschen wird Gott so sein, wie er sein wird. Zum anderen wird gerade in der Erzählung von Moses Berufung am brennenden Dornbusch deutlich, dass sich der freie Gott in seinen Verheißungen an die Menschen bindet und dadurch sein eigenes, in seinem Namen zum Ausdruck kommendes Wesen definiert. "Ich bin, der ich bin," soll Mose nicht zum Volk sprechen, sondern es ist eine direkte Antwort für Mose, der sich kurz zuvor noch seiner Berufung für unwürdig erklärt hatte. Auf seine Frage "Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte?" hatte Gott geantwortet: "Ich bin mit dir". Gott sichert Mose seinen unablässigen Beistand zu und wählt dazu, dasselbe hebräische Wort, mit dem er danach auf die Frage antwortet, was sein Name sei: ‎אֶֽהְיֶה (gesprochen: ae’hejä; "ich bin / ich werde sein").Gott handelt so, wie er es verheißt; er ist derjenige, der er zusagt zu sein. Für das Volk Israel in Ägypten bedeutet das "Ich bin"-Gottes, dass er derjenige ist, der den Erzvätern den Landbesitz in Kanaan verheißen hat und diese Zusage verwirklichen wird.

Das "Ich bin"-Gottes sagt aus, dass er in der Gegenwart (als Retter) wirkt und hilfreich an der Seite Israels steht und für sein Volk eintritt. Die Theologie des Buches Deuteronomium beschreibt dementsprechend den Namen als die geoffenbarte, Israel zugewandte Seite Gottes: Der aussprechbare und anrufbare Name Gottes gewährt, was durch das Kultbildverbot verneint wurde: einen direkten Zugang zu Gott. Das Rufen Gottes beim Namen ist ein feststehender Ausdruck im Alten Testament für die kultische Verehrung, um sich zu ihm zu bekennen, ihn zu bitten und ihn zu rühmen. So verheißt Gott, dass er durch seinen Namen im Tempel gegenwärtig sein wird: "Ihr sollt nicht das Gleiche tun wie diese Völker, wenn ihr den HERRN, euren Gott, verehrt, sondern ihr sollt nach der Stätte fragen, die der HERR, euer Gott, aus allen euren Stammesgebieten erwählen wird, indem er dort seinen Namen anbringt. Nach seiner Wohnung sollt ihr fragen und dorthin sollst du ziehen." (Deuteronomium 12,4-5). Wer also den Namen Gottes missbraucht, wendet sich gegen Gottes Gegenwart in der Welt, seine durch seine Heilstaten unter den Menschen erworbenen Ruhm und stellt letztendlich die Beziehung zu ihm in Frage.

Linktipp: Die Propheten im Alten Testament

Die Propheten gehören zu den prägenden Gestalten der Bibel. Sie sind unbequeme Mahner und strenge Bußprediger. In einer Serie stellt katholisch.de die Propheten des Alten Testaments und ihre Geschichte vor.

Dass das zweite Gebot kein unwichtiges ist, wird allein schon dadurch deutlich, dass ihm eine Drohung folgt, in der das Verbot nochmals eingeschärft wird: "Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht." Die klare Ansage, dass Gott denjenigen nicht ungestraft lässt, definiert den Missbrauch des Gottesnamens als Sünde gegen Gott, der so dem Sünder zum Richter wird (vergleiche Exodus 34,7).

Ein Ort, der dem Menschen zugänglich ist

Aber welcher Gebrauch des Namens wird verboten? Wörtlich verbietet das zweite Gebot: "Nicht sollst Du den Namen JHWHs zum Nichtigen / zur Falschheit heben, …". Wie ein Vergleich mit Vers 4 in Psalm 16 zeigt, bedeutet das Heben eines Götternamens die Anrufung dieses Gottes. Im Alten Testament war ein Eid häufig mit einer Fluchformel verbunden, wie sich unter anderem im Buch Jeremia zeigt: "Doch selbst wenn sie sagen: So wahr der HERR lebt, schwören sie dennoch einen Meineid." (Jeremia 5,2). Im Buch Levitikus wird ausdrücklich festgestellt, dass der Meineid unter Anrufung des Namens Gottes seiner Entweihung gleichkommt (siehe Levitikus 19,12). Das zweite Gebot verbietet jedoch nicht nur den Meineid, sondern jede Anrufung des Namens Gottes in Unehrlichkeit, Lüge und Nutzlosigkeit, wie bereits Martin Luther gesehen hat: "…dass wir bei seinem Namen nicht fluchen, schwören, zaubern, lügen oder trügen, sondern denselben in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken." Gott hat in seinem Namen JHWH in der Welt einen Ort geschaffen, der dem Menschen zugänglich ist. Der Name ermöglicht die persönliche Begegnung und Beziehung zu Gott. Wer dieses Angebot Gottes auf irgendeine Art egoistisch missbraucht, der sündigt gegen Gott.

Von Till Magnus Steiner