Franziskus spricht zu den Insassen der Klinik.
Am 25. November spricht Franziskus vor dem Europaparlament

Der Papst und die EU

Das Verhältnis des argentinischen Papstes Franziskus zu Europa wirft bei einigen Beobachtern immer noch Fragen auf. Früh schien absehbar, dass sich hier die Gewichte – verglichen mit den Pontifikaten von Benedikt XVI. und Johannes Paul II. – verschieben würden und andere Kontinente stärker in den Vordergrund rücken. Als Indiz dafür gelten die ersten Auslandsreisen, die Franziskus nach Brasilien, in den Nahen Osten und nach Südkorea unternahm.

Vatikanstadt - 12.09.2014

Erst am 21. September besucht er mit Albanien erstmals ein europäisches Land außerhalb Italiens, das obendrein kein EU-Mitglied ist. Am Donnerstag indes wurde bekannt: Die zweite Europareise führt den Papst in medias res. Am 25. November spricht er vor dem Europaparlament in Straßburg.

Gleich nach dem Konklave im März 2013 hatte Parlamentspräsident Martin Schulz das neue Kirchenoberhaupt dazu eingeladen. Die Botschaft zu Europas Grundwerten sei nötiger denn je, begründete er die Offerte. Er sei damit auf reges päpstliches Interesse gestoßen, so der SPD-Politiker. Zuletzt und erstmals hatte Johannes Paul II. (1978-2005) vor 26 Jahren vor den Europaabgeordneten gesprochen. Damals ging der Kalte Krieg in die letzten Monate; Meilensteine der europäischen Integration standen noch bevor.

Eine Rede Benedikt XVI. vor dem EU-Parlament wurde nicht mehr umgesetzt

Der polnische Papst, für viele einer der größten Europäer des Jahrhunderts, fragte damals nach den politischen Perspektiven dieses Prozesses und nach der Rolle, die Glaube und Religion dabei spielen sollten. Die Einladung des Parlaments an seinen Nachfolger Benedikt XVI. (2005-2013), der oft vor der Verneinung Gottes auf dem säkularisierten Kontinent warnte, ist nicht mehr umgesetzt worden.

Martin Schulz ist seit Januar 2012 Präsident des Europäischen Parlaments.

Martin Schulz ist seit Januar 2012 Präsident des Europäischen Parlaments.

Nun also Franziskus. Seine deutlichsten Adressen in Richtung Europa formulierte er bisher beim Thema Flüchtlingspolitik, angefangen bei seiner allerersten Reise als Papst nach Lampedusa, wo er den reichen Erdteil vor einer Globalisierung der Gleichgültigkeit warnte. Seitdem ist die Frage nach der Aufnahme von Kriegs- und Armutsflüchtlingen noch drängender geworden und Franziskus dürfte dies in Straßburg im Blick haben.

Weitere, von ihm immer wieder verurteilte Übel wie der Menschenhandel, zu deren wichtigsten "Importgebieten" die Länder der EU zählen, und jene "Kultur des Abfalls" im Umgang mit Alten und Pflegebedürftigen könnten ebenfalls Bezugspunkte sein. Schließlich könnte außerdem die Frage des interkulturellen Zusammenlebens im Zeitalter der Migration, insbesondere aus islamischen Ländern, zur Sprache kommen. Auf diesem, dem Papst besonders wichtigen Feld, zeigt Europa wie kein anderer Kontinent Chancen und Gefahren.

Erstmals Stellungnahme aus außereuropäischer Perspektive

Erstmals wird Franziskus Gelegenheit haben, vor einem großen politischen Forum seine Vorstellung vom Wesen der europäischen Einigung und ihren Werten zu entwerfen. Seit deren Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Kirche diese Einigung als Friedensprojekt immer bejaht und auch aktiv begleitet. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatten die europäische Katastrophe als junge Männer hautnah miterlebt.

Mit Franziskus nimmt nun erstmals ein Papst mit außereuropäischem Hintergrund Stellung dazu. Gerade deshalb dürfte interessant sein, inwieweit er dabei auch über ethische Fragen hinaus politische Horizonte anspricht, die etwa in Richtung einer Erweiterung des Staatenbundes oder seiner Rolle in der Welt gedeutet werden können.

Ganz sicher wird auch Franziskus wie seine Vorgänger deutlich machen, dass aus seiner Sicht der Alte Kontinent seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen darf, wenn er sein Wertegerüst nicht verlieren will.

Bisher hatte er es auf seinen Auslandsreisen vor allem mit Gebieten zu tun, in denen Kirche und Christentum auf dem Vormarsch sind. In Straßburg wird das anders. Somit könnten etwa Aspekte des Familienbilds und der religiösen Erziehung eine Rolle spielen. Mit dem Vorsitzenden der EU-Bischofskommission COMECE in Brüssel, Kardinal Reinhard Marx, der zudem stark in die Kurienreform eingebunden ist, hat der Papst einen engen Mitarbeiter, der ihn umfassend über die kirchlichen Reibungspunkte der europäischen Säkularisierungsdebatte informieren kann.

Von Christoph Schmidt (KNA)