Diakon und Diplomat
Botschafter Bernd Finke ist seit mehr als zehn Jahren Ständiger Diakon

Diakon und Diplomat

Bernd Finke muss den Spagat zwischen rotem Teppich und der "Option für die Armen" schaffen. Denn er ist nicht nur Botschafter in El Salvador, sondern auch seit Jahren Ständiger Diakon. Ein Interview.

Von Roland Müller |  San Salvador - 14.05.2018

Bernd Finke ist Diplomat. Als Botschafter in El Salvador ist es sein Auftrag, dort die Interessen Deutschlands zu vertreten. Doch der 54-Jährige ist auch Ständiger Diakon. Das hat Vorteile für seinen Beruf.

Frage: Herr Finke, Sie sind als deutscher Botschafter in El Salvador offizieller Vertreter der Bundesrepublik und als Diakon mit Zivilberuf gleichzeitig ein Geistlicher der katholischen Kirche. Wie passt das zusammen?

Bernd Finke: Das passt sehr gut zusammen – jetzt bereits seit mehr als zehn Jahren. Ich habe 1990 im Auswärtigen Amt angefangen und bin 2007 in meinem Heimatbistum Münster zum Diakon geweiht worden. Seitdem bin ich sozusagen mit einem Doppelhut unterwegs, auch wenn ich als Botschafter nicht an die große Glocke hänge, dass ich ein kirchliches Amt ausübe und als Diakon im Ausland nicht damit hausieren gehe, dass ich Leiter der deutschen Botschaft bin.

Frage: Als Diplomat leben Sie alle paar Jahre an einem anderen Ort der Welt. Wie können Sie da als Geistlicher tätig sein?

Finke: Gemeinsam mit dem Katholischen Auslandssekretariat gab es vor der Weihe die Überlegung, dass ich in den deutschsprachigen Auslandsgemeinden als Diakon mithelfe. Das hat bislang allerdings nur einmal geklappt: Zu meinem Weihezeitpunkt war ich in Rom auf Posten und dort in der deutschsprachigen Gemeinde im Päpstlichen Institut Santa Maria dell’Anima als Diakon tätig. Danach wurde ich nach Berlin versetzt, wo ich in einer normalen Pfarrei eingesetzt war. Darauf folgten die beiden Botschafterposten: Erst in Sambia und jetzt in El Salvador. Da es in beiden Ländern keine deutsche Gemeinde gibt, habe ich die Ortsbischöfe gebeten, in lokalen Pfarrgemeinden Dienst tun zu dürfen. Ich bleibe aber weiterhin Diakon meines Heimatbistums Münster. Das ist für mich eine wichtige Verbindung in die Heimat.

Frage: Welche Erfahrungen machen Sie als deutscher Diakon in fremden Ländern?

Finke: Sowohl in Sambia wie auch in El Salvador ist das Amt des Ständigen Diakons so gut wie unbekannt. In Sambia war ich der einzige, hier in San Salvador gibt es noch einen weiteren Ständigen Diakon neben mir. Diakone kennt man hier meist nur als Vorstufe zum Priesteramt. Ich muss also oft erklären, was ein Ständiger Diakon ist, was er tun darf und was nicht. Doch die Reaktionen sind sehr freundlich, die Neugierde ist groß.

Bild: © privat

Bernd Finke ist Ständiger Diakon und seit 2016 deutscher Botschafter in El Salvador. Zuvor wurde der 54-Jährige u.a. in Italien und Sambia eingesetzt.

Frage: Was gab es für Herausforderungen für Sie als Diakon im Ausland?

Finke: In San Salvador vor allem die Sprache: Ich bin nach einem zweiwöchigen Spanisch-Kurs hierher versetzt worden und musste mich zunächst zurechtfinden. Das Evangelium verkünden, die ersten Predigten auf Spanisch halten – das war nicht einfach und für beide Seiten nicht immer ein Vergnügen. Ich kann jetzt besser nachvollziehen, wie sich die ausländischen Priester fühlen, die in Deutschland eingesetzt werden. Gleichzeitig musste ich mich natürlich in die unterschiedlichen spirituellen Mentalitäten hineindenken. Kirche-Sein und Glauben in Afrika oder in Lateinamerika stellen sich ganz anders dar als die kirchliche Situation in Deutschland und Europa. Aber das ist letztlich eher eine Bereicherung als eine Herausforderung.

Frage: Warum wollten Sie Diakon werden?

Finke: Angestrebt habe ich das Diakonenamt eigentlich nicht. In meiner Kindheit bin ich "ganz normal" katholisch sozialisiert worden: Mit Erstkommunionvorbereitung, Firmung und Messdienerzeit. Nach einer Leiderfahrung in der Familie habe ich mich jedoch von der Kirche, vom Glauben distanziert. Ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten, aber ich wollte mit Gott und dem Glauben nichts mehr zu tun haben. Über zehn Jahre lang habe ich damals – von der Teilnahme an der einen oder anderen Beerdigungsfeier abgesehen – keinen Gottesdienst besucht. Auch das Beten spielte damals in meinem Leben keine Rolle mehr.  

Frage: Was hat dazu geführt, dass Sie sich wieder der Kirche zugewandt haben?

Finke: Das war ein längerer Prozess. Auslöser war die Geburt meiner Töchter und die Entscheidung, die Kinder taufen zu lassen. Das gehörte für mich einfach dazu. Einige Jahre später kam dann ihr Kommunionunterricht. Damals war ich erstmals in Rom auf Posten, wo ein sehr guter Pfarrer in der deutschsprachigen Gemeinde tätig war. Ich bin wieder regelmäßig in den Gottesdienst gegangen und habe gemerkt, dass mir etwas gefehlt hatte. Kurze Zeit später war ich Lektor und Vorsitzender des Gemeinderats. Dann fragte mich der Pfarrer, ob ich mir vorstellen könnte, Ständiger Diakon zu werden. Ich wusste damals gar nicht genau, was dieses Amt bedeutet, habe mich aber informiert und kurzentschlossen abgelehnt. Der Diakonat klang mir zu heilig, zu weit weg von dem, was von mir als Christ noch da war. Aber ich hatte schon angefangen, mich für Theologie zu interessieren und den Fernkurs Theologie begonnen, den die Domschule Würzburg anbietet.

Frage: Sie haben den Kurs also nicht begonnen, weil Sie Diakon werden wollten?

Finke: Genau, ich habe mich einfach aus Interesse am Glauben mit der Theologie beschäftigt. Bei den Präsenzveranstaltungen des Kurses habe ich andere Männer kennengelernt, die schon auf dem Weg zum Diakonat waren. Einige hatten ähnliche Lebenserfahrungen und auch Brüche in ihrer Glaubensgeschichte, so wie ich. Das hat mich letztlich umgestimmt und bewogen, den Weg zum Diakon einzuschlagen. Da absehbar war, dass ich als Diplomat mit den ständigen Umzügen nie im "normalen" Bistumsdienst eingesetzt werden könnte, stellte sich die Frage, welches Bistum mich überhaupt nimmt. In meinem Herkunftsbistum Münster gab es von Beginn an eine große Offenheit für meine Pläne.

Bild: © privat

In San Salvador übt Bernd Finke sein Diakonenamt in einer spanischsprachigen Pfarrei aus.

Frage: Wäre nicht das Erzbistum Berlin naheliegender gewesen, da Sie ja als Diplomat immer wieder einige Jahre in der Hauptstadt arbeiten?

Finke: Das war auch meine erste Idee. Aber das Erzbistum Berlin steckte damals in einer großen Finanzkrise und hatte andere Sorgen als sich um mein Sonder-Anliegen zu kümmern. Zudem war in den Zeiten nach der Wende das Amt des Diakons mit Zivilberuf im Erzbistum Berlin so gut wie unbekannt. Man hat mir deshalb nahe gelegt, den Weg zum Ständigen Diakonat in einer anderen Diözese einzuschlagen.

Frage: Gab es im Auswärtigen Amt Vorbehalte gegen ihre Weihe?

Finke: Nicht, dass ich wüsste. Eher im Gegenteil: Ich wurde zum Beispiel nach meiner Zeit in Rom ins Menschenrechtsreferat des Auswärtigen Amtes versetzt. Das war ein Posten, auf den ich mich nicht beworben hatte. Als ich nachfragte, warum ich gerade dort eingesetzt würde, bekam ich die Antwort: "Wir dachten, das passt zu Ihrem kirchlichen Engagement." Es scheint also, dass das Auswärtige Amt mein kirchliches Amt mit Wohlwollen betrachtet.  

Frage: Haben Sie in ihrem Beruf erlebt, dass es positiv oder negativ auf Sie zurückgefallen ist, dass Sie Diakon und damit Geistlicher der katholischen Kirche sind?

Finke: Wenn ich morgens in die Botschaft gehe, lege ich mein Christsein und mein Diakonat natürlich nicht ab. Was und wie ich als Mensch und Kollege bin, wird im großen Maße auch von dem Bemühen geprägt, dem Glauben Leben zu geben. Und hin und wieder werde ich im Kollegenkreis als Diakon angefragt: bei Hochzeiten, Taufen, Trauerfeiern. Viele Kollegen haben zudem Fragen zum Glauben. Mitunter ist das Diakonenamt auch eine Art Türöffner. Als ich beispielsweise Botschafter in Lusaka war, saß sonntags das halbe Kabinett im Gottesdienst meiner Gemeinde. Anfangs war man sicher überrascht, den deutschen Botschafter in liturgischer Kleidung hinter dem Altar zu sehen. Aber in Sambia hat der christliche Glaube Verfassungsrang und ich hatte den Eindruck, dass mir mein kirchliches Amt den Zugang zu vielen Regierungsvertretern erleichtert hat. Bei einigen kritischen Themen hat es mir zudem geholfen, eine theologische Ausbildung zu haben. Etwa bei fundamentalen Menschenrechtsfragen oder beim Thema der sexuellen Orientierung. In Gesellschaften, in denen die Verfolgung und Ausgrenzung Homosexueller vor allem mit Bezug auf die Bibel legitimiert wird, nützt es wenig, die einschlägigen Menschenrechtskonventionen auf den Tisch zu legen. Es ist als Einstieg in die Debatte viel hilfreicher, auch theologisch zu argumentieren. Das fällt mir als Diakon natürlich leichter.

Wenn ich morgens in die Botschaft gehe, lege ich mein Christsein und mein Diakonat natürlich nicht ab.

Zitat: Bernd Finke

Frage: Und wo gibt es Herausforderungen?

Finke: Mögliche Herausforderungen sehe ich bei manchen Menschenrechtsfragen, bei denen die Bundesregierung und die katholische Kirche zum Teil unterschiedliche Perspektiven haben, etwa bei einigen Gender-Fragen oder bezüglich sexueller und reproduktiver Rechte. Aber es gibt viele Gemeinsamkeiten mit unterschiedlicher Begrifflichkeit. Hier in El Salvador ist beispielsweise einer der Arbeitsschwerpunkte der Botschaft der Umweltschutz. In christlicher Perspektive heißt das "Bewahrung der Schöpfung". Ein wichtiges menschenrechtliches Anliegen der Bundesregierung ist der weltweite Kampf gegen Diskriminierung. Kirchlich gesprochen, ist das der Einsatz für die, die am Rande stehen. Seitens der Botschaft betreuen wir viele Projekte zur Armutsminderung oder wir besuchen Gefangene - das sind gleichzeitig urchristliche Aufgaben. Es gibt also eine große Schnittmenge.

Frage: Ist es irgendwann zu einer konfliktiven Situation gekommen, in der Sie ihr Diakonat behindert hat?

Finke: Nein, überhaupt nicht. Gott sei Dank, kann ich sagen.

Frage: Als Botschafter bewegen Sie sich auf dem diplomatischen Parkett in der besseren Gesellschaft, aber als Diakon sollen Sie sich um die Bedürftigen kümmern. Das ist ein großer Gegensatz. Wie bekommt man das unter einen Hut?

Finke: Der Arbeitsalltag eines Diplomaten ist in der Tat oft durch Dinge geprägt, die nicht gerade zum Selbstverständnis des Diakons gehören. Etwa der rote Teppich, der oft ausgelegt wird, die vielen Empfänge sowie der Umgang mit den sogenannten Mächtigen und Entscheidungsträgern des Gastlandes. Aber bei den vielen Reisen übers Land, die ich als Botschafter unternehme, und in meiner Gemeindearbeit lerne ich gleichzeitig auch die anderen Seiten der Gesellschaft kennen. Das könnte man als "Option für die Armen" bezeichnen. Da kann ich mit meinem Doppelhut als Diakon und Botschafter gut unterwegs sein. Ein weiterer Punkt: Kirchliche Einrichtungen spielen bei der Entwicklungszusammenarbeit eine wichtige Rolle. In Sambia gab es vor allem Projekte von Misereor, hier in El Salvador ist Adveniat präsent. Bei Projektbesichtigungen, die ich als Botschafter mache, treffe ich sozusagen auf meine Kirche. 

Frage: Wenn es an den nächsten Einsatz im Ausland geht, gäbe es Länder, in die Sie nicht gehen würden, weil Sie dort Ihr geistliches Amt nicht ausleben könnten?

Finke: Ich kann bei der Versetzungsplanung Wünsche und Prioritäten äußern, die das Auswärtige Amt im Rahmen des Möglichen berücksichtigt. Ich würde mich nicht auf Posten in Ländern bewerben, in denen keine Religionsfreiheit existiert. Aber entscheidend bei der Einsatzplanung sind letztlich dienstliche Erwägungen, denen ich nachkommen muss. Dafür bin ich Beamter.

Von Roland Müller