Die alte offene Wunde
Der Papst trifft in Schweden Vertreter des lutherischen Weltbundes. Ist das ein Kniefall?

Die alte offene Wunde

In dieser Woche geht es in der Vatikan-Kolumne "Franz & Friends" um die Papst-Reise zum Reformationsgedenken nach Schweden. Ist das ein Kniefall?

Von Volker Resing |  Bonn - 27.01.2016

Der Papst reist noch dieses Jahr nach Schweden, um am 31. Oktober Vertreter des Lutherischen Weltbundes zu treffen. Der hat sich 1947 in Lund gegründet. Franziskus will dort der Reformation und der Kirchenspaltung vor 499 Jahren gedenken. So viel liturgische Annäherung gab es noch nie. Und so viel Konfrontation auch nicht: Antje Jackelén wird dann neben ihm stehen. Die leitende Erzbischöfin von Uppsala brachte ihre eigene Kirche schon mal an den Rand der Spaltung, weil sie die Jungfrauengeburt als metaphorisches Gleichnis beschrieb.

Abgesehen von solch biologistischen Deutungskontroversen hat Schwedens lutherische Kirche laut Jackelén "viel von der katholischen Kultur beibehalten". Das macht die Annäherung leichter. Wer ihren violetten Römerkragen und den spitzen Bischofshut sieht, dem leuchtet das sofort ein. Aber wenn auch das Äußerliche konveniert, bei theologischen Positionen sieht es anders aus.

Und wie steht es um den Kult? Kurz vor seinem 80. Geburtstag wird Franziskus eine ökumenische Gedenkveranstaltung leiten. Gemeinsam mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, dem jordanischen Bischof Munib Younan, und dessen Generalsekretär Martin Junge wird das Oberhaupt der katholischen Kirche einer gottesdienstlichen Feier vorstehen. Dass dies zum ersten Mal geschehe, betonte auch der Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kurienbischof Brian Farrell. Während der Veranstaltung in Lund werde es "um die guten und richtigen Dinge gehen, die die Reformation auf die traurigen und negativen Seiten hingewiesen", sagte Farrell Radio Vatikan.

Auch das geht in der Formulierung deutlich über ein "Gedenken" hinaus, was nur ein Bedauern der Spaltung wäre. Trotz des historischen Ereignisses, das sich da in Lund anbahnt, ist es kein völlig neuer Weg, den Franziskus bestreitet. Die Annäherung an jene Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind und noch eine Nähe zum Katholischen bekunden, ist seit Längerem vatikanische Strategie. Zuletzt hatte der Papst in Rom  von "Kirchen" gesprochen und nicht von "kirchlichen Gemeinschaften", wie dies eigentlich Usus ist und vom vorigen Papst noch einmal festgezurrt wurde. Ob diese Wortänderung schon eine radikale Wende in der vatikanischen Haltung vorzeichnet, ist trotz aller Veränderungsbereitschaft des Papstes fraglich. Er hat die Zersplitterung der christlichen Konfessionen jedenfalls als "offene Wunde" bezeichnet. Und er hat um "Vergebung für die Sünde unserer Spaltungen" gebeten.

Für Luthers Heimatland hält dieser Papstbesuch eine verblüffende Botschaft bereit: Ihr seid nicht so wichtig. Doch Deutschland, das Kernland der Reformation, mag Franziskus vor dem Lutherjahr noch so überfliegen, an den Deutschen kommt er nicht vorbei: Erzbischöfin Jackelén stammt nämlich aus dem westfälischen Herdecke, nach dem Studium war die Deutsche in Schweden hängen geblieben. Sie ist die erste Frau an er Spitze der schwedischen Kirche. Vorher hatte sie sechs Jahre eine Professur für Naturwissenschaften und Religion in Chicago inne. Vielleicht tut sie sich deshalb so schwer mit der Jungfrauengeburt.

Hintergrund: Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

Von Volker Resing