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Gudrun Lux über den politischen Diskurs

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Gudrun Lux über den politischen Diskurs

Von Gudrun Lux |  Bonn - 13.09.2016

Als Studentin war ich im Debattierclub meiner Universität aktiv. Dort geht es darum, sich argumentativ nach festen Regeln auseinanderzusetzen. Ich halte dies für eine hervorragende Demokratieschule. Natürlich lernt man in einem Debattierclub ein Argument aufzubauen, gemeinsam im Team zu arbeiten, konzertiert die Gegenseite zu widerlegen und die eigene Seite zu stärken. Man lernt aber noch etwas - und das halte ich für den Wesenskern des demokratischen Diskurses: die Annahme, dass der Gegner auch recht haben könnte.

In einer Wettkampf-Debatte vertritt man nicht per se die eigene Meinung, sondern die zu vertretende Position wird zugelost. Ich habe es geliebt, eine Position einzunehmen, die meiner echten Meinung zuwiderlief. So nämlich war ich gezwungen, die mir fremde Meinung zu analysieren, zu verstehen und gar zu vertreten. Das ist mehr als eine intellektuelle Übung. Es ist die Übung darin, die Welt mit anderen Augen zu sehen - und aus einem anderen Blickwinkel zu begreifen. Letztlich bedeutet dies, den (politischen) Gegner ernst zu nehmen.

Ich will das auch im "richtigen Leben" bewusst tun: versuchen, mich in den anderen hineinzuversetzen, zu verstehen, wieso er diese oder jene (zu meiner eigenen Position konträre) Meinung vertritt. Was dafür spricht. Wieso man diese andere Meinung auch legitimerweise vertreten kann. Nicht immer, aber doch erstaunlich oft, vermag man so, Einsicht zu erhalten und tolerant zu sein. Trotzdem kann ich anderer Meinung bleiben, meine eigenen Argumente vertreten, die der Gegenseite widerlegen oder anders gewichten und legitimerweise für meine Seite werben. Das, was inakzeptabel ist, bleibt es auch nach eingehender Prüfung. Die Zeit und Energie für eine ernstliche Prüfung aber, die sollten wir uns im politischen Diskurs nehmen.

Von Gudrun Lux

Die Autorin

Gudrun Lux ist freie Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin in München.

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