Eine Frau hält vor dem Branenburger Tor eine Fahne mit dem Halbmond, Davidstern und Kreuz hoch.
Sachverständigenrat lobt Religionsfreundlichkeit in Deutschland

Die bunte Republik

Die christlichen Kirchen schrumpfen, die Zahl von Juden und Muslimen in Deutschland nimmt zu. Das müsse rechtliche Konsequenzen haben, fordert nun der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen.

Von Birgit Wilke (KNA)  |  Berlin - 26.04.2016

Folgerichtig trägt dessen Jahresgutachten, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, den Titel: "Viele Götter, ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland".

Islam und Judentum gewinnen Einfluss

Fakt sei aber, so die SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld, dass immer mehr Deutsche auf eine "institutionelle Mitgliedschaft" in einer Religion verzichteten. Dies bekämen vor allem die Kirchen zu spüren: Gehörten 1970 in der Bundesrepublik noch nahezu 95 Prozent der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen an, seien es heute bundesweit noch 65 Prozent. Zugleich gebe es aber eine neue Religiosität: Der Islam sei hier heimisch geworden, so Langenfeld. Zudem habe sich das Judentum wieder neu etabliert.

Christine Langenfeld im Porträt
Bild: © KNA

Christine Langenfeld ist Vorsitzende des Sachverständigenrats Deutscher Stiftungen für Migration und Integration.

Sie plädierte dafür, auch diesen Religionen ähnliche Rechte wie den Kirchen zuzugestehen. Zugleich erteilte sie allen politischen Versuchen eine Absage, den Islam auszugrenzen. Dies sei nicht im Einklang mit dem Grundgesetz. Die "Religionsfreundlichkeit" in Deutschland habe sich zwar bewährt, so ein Fazit des Gutachtens. Es müsse aber "Nachbesserungen" geben. Zudem finde die Religionsfreiheit da ihre Grenzen, wo sie die Rechte anderer angreife.

In der Studie verweisen die Experten dabei unter anderem auf das kirchliche Arbeitsrecht, das "Religionsgemeinschaften gegenüber dem allgemeinen Arbeitsrecht weitreichende Sonderrechte einräumt". Langenfeld empfahl den Kirchen, dieses weiter zu reformieren. Es sei zwar verfassungsrechtlich garantiert, stoße aber gesellschaftlich auf immer weniger Akzeptanz.

Reformen einleiten

Da es durch Gerichtsurteile derzeit eher "zementiert" werde, müssten die Kirchen von sich aus Reformen einleiten. Wenn es diese nicht gebe, müsse man folgerichtig auch anderen Religionen ähnliche Rechte zugestehen, meinte Langenfeld. Zugleich würdigte sie die im vergangenen Jahr eingeleiteten Reformen der katholischen Kirche, nach denen unter anderem zivilrechtliche Wiederverheiratung oder Eingehen einer eingetragenen Lebenspartnerschaft nur noch in "schwerwiegenden Fällen" arbeitsrechtliche Konsequenzen bis hin zur Kündigung haben kann.

Aber auch bei anderen Religionen mahnt das Gutachten zur Achtsamkeit: So würden beim Aufbau einer islamischen Theologie an deutschen Hochschulen Verbänden mit "fraglicher Legitimität" zu große Mitspracherechte eingeräumt. Die vom Gesetzgeber in großer Eile erlassene Beschneidungsgestattung lasse vor allem hinsichtlich der Schmerzbehandlung der Kleinkinder einiges im Unklaren.

Interreligiöser Dialog

Die Welt verändert sich: Unterschiedliche Kulturen, Nationen und Religionen leben heute Tür an Tür. Die Kirche sieht dies als Bereicherung, denn die Verständigung mit Gläubigen anderer Religionen ist zentraler Bestandteil Ihrer Sendung.

Auch dem Thema Religion und Terror widmet das Gutachten ein Kapitel: Nach Expertenansicht gibt es keinen einfachen Zusammenhang zwischen Religion und Terror. Zwar könne es Wechselbeziehungen geben, diese seien aber immer komplex. Es müssten stets noch andere Faktoren hinzukommen, damit Menschen Terror mit ihrer Religion "legitimierten".

Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus?

Zugleich wiesen es die Experten aber als falsch zurück, den im Namen des Islam ausgeführten Terrorismus gänzlich von religiösen Fragen zu trennen und auf Faktoren wie Diskriminierung und Arbeitslosigkeit zu verweisen. Denn Studien zeigten, dass Terroristen keineswegs alle aus benachteiligten Milieus stammten. Bildung und Zugang zum Arbeitsmarkt seien deswegen wichtige Instrumente zur Terrorismusbekämpfung, aber keineswegs ein Allheilmittel. Die "politisch korrekte Empörung", dass der heutige Terror "nichts mit dem Islam" zu tun habe, sei also nicht völlig falsch, aber auch nicht vollkommen richtig.

Der Staat solle auch Erwartungen an die Religionsgemeinschaften formulieren und sich der Probleme bewusst sein, die ein "religionsrechtlicher Multikulturalismus" mit sich bringen könnte, empfahlen die Experten.

Von Birgit Wilke (KNA)