Die dunklen Seiten Gottes
Theologe: Das Thema Gewalt gehört in den Religionsunterricht

Die dunklen Seiten Gottes

In jüngerer Zeit häufen sich Terrorakte im Namen der Religion. Glaube und Gewalt - wie passt das zusammen? Diese Frage sollte auch Thema in der Schule sein, fordert der Religionspädagoge Ulrich Kropac.

Von Burkhard Schäfers |  München - 11.08.2016

"In die Offenbarungsschriften hinein ist ein Zug von Gewalt eingetragen, Religion beinhaltet genuin solche Potentiale", sagt Ulrich Kropac, Professor für Didaktik der Religionslehre, für Katechetik und Religionspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Deshalb könne sich Religion auch nicht damit herausreden, sie werde lediglich instrumentalisiert, wenn Menschen im Namen Gottes andere verletzen oder gar töten.

Weil das eine mit dem anderen zu tun hat, gehört das Thema Gewalt aus Sicht des Theologen auch in den Religionsunterricht. Dort aber komme es häufig zu kurz. Denn vielen dürfte es einfacher erscheinen, über die positiven Seiten des Glaubens zu sprechen: Die Sätze der Bergpredigt in die heutige Zeit zu übertragen oder mit Schülern das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu diskutieren. Wer aber den Unterricht darauf beschränkt, arbeite unvollständig, meint Kropac: "Es sollte kein einseitiges Gottesbild präsentiert werden, das wäre sozusagen ein zahnloser, ein vielleicht zu lieber Gott." Der Religionspädagoge plädiert dafür, Kindern und Jugendlichen in der Schule rechtzeitig ein facettenreiches, differenziertes Bild von Religion zu vermitteln: "Dazu gehören auch die dunklen Seiten Gottes."

Unterricht als Aufklärung im besten Sinne

Was aber will ein solcher Unterricht erreichen? Hilft dieses Wissen Heranwachsenden nicht gerade, Gewalt zu rechtfertigen? Hier plädiert Ulrich Kropac für Aufklärung im besten Sinne. Mit Blick auf mögliche fundamentalistische Tendenzen einzelner Schüler habe Bildung eine zähmende Funktion. Insofern komme an öffentlichen Schulen dem islamischen Religionsunterricht eine wichtige Aufgabe zu, den der katholische Theologe befürwortet.

Linktipp: Kein Ort für Katechese

Mit seiner Kritik am Religionsunterricht hat Kurienerzbischof Georg Gänswein eine Debatte ausgelöst. Aber lernen die Schüler im Unterricht tatsächlich zu wenig über ihren eigenen Glauben? Experten sind in dieser Frage unterschiedlicher Meinung. (Artikel von April 2016)

Denn wenn es um gewalttätige Fanatiker geht, steht derzeit der Islam im Fokus. Erhan Cinar unterrichtet Deutsch, Geschichte und Islamische Religion an einer Nürnberger Realschule. Die Meldungen über Terroranschläge und die Propaganda des so genannten "Islamischen Staates" (IS) würden seine Schüler beschäftigen, berichtet Cinar: "Sie hören, dass die Attentäter Muslime sind und wollen aus sicherer Quelle erfahren, was der Islam dazu sagt." Wie in der Bibel finden sich auch im Koran Stellen, mit denen Extremisten ihre Angriffe rechtfertigen. So heißt es in der neunten Sure: "Tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf!"

"Natürlich muss man, wenn man aus dem Koran Quellen heranzieht, eine bestimmte Methodik beachten", sagt der Realschullehrer, der außerdem Vorstandsmitglied im Regionalverband Nürnberg des türkisch-islamischen Vereins Ditib ist. Im Religionsunterricht würden die Schüler lernen, Koranverse im Kontext zu lesen und zu hinterfragen: "Zu welcher Gegebenheit sind diese Verse offenbart worden? Was gibt es an anderer Stelle im Koran dazu? Und was war die Herangehensweise des Propheten zu diesem Thema?" Zwar habe er in seinen Klassen noch keine radikalisierten Schüler erlebt. Was seine Arbeit jedoch erschwere, sei das verbreitete Halbwissen.

Viele Facebook-Gruppen und Internetforen halten einfache Antworten parat. Auch, weil radikale Gruppen gezielt Desinformationen veröffentlichen, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind. So sind etwa Propagandavideos des IS professionell und ansprechend produziert. "Auf soziale Netzwerke können die Jugendlichen über ihre Handys jederzeit zugreifen", sagt Erhan Cinar. Aus seiner Sicht ein großes Problem: "Falsche Informationen verbreiten sich leider viel schneller als richtige." Insofern hätten Lehrer eine große Verantwortung; theologisch fundiertes Wissen werde immer wichtiger.

Eine Bibel liegt aufgeschlagen auf einem Tisch. Durch eine Lupe ist das Wort Gott zu lesen.
Bild: © KNA

Um die Zusammenhänge von Religion und Gewalt zu verstehen, sei es gut, eine Innenperspektive zu haben, so der Eichstätter Religionspädagoge Ulrich Kropac.

Manche fürchten, Lehrer, die womöglich selbst eine radikale Haltung vertreten, könnten ihre Position ausnutzen. Der Eichstätter Religionspädagoge Ulrich Kropac sieht diese Gefahr nicht. Er vertraut auf Lehrerbildung, Lehrpläne und Schulaufsicht: "Sollte jemand Inhalte im Religionsunterricht verbreiten, die eindeutig gegen unsere Demokratie und gegen unser Gemeinwesen gerichtet sind, kann der Staat eingreifen." Ungleich schwieriger sei das dort, wo Religion außerhalb des öffentlichen Blickfeldes gelehrt werde.

Das Phänomen der Gewalt deutlicher benennen

Trotzdem kommen immer wieder Forderungen auf, den bekenntnisgebundenen Religionsunterricht durch einen rein informierenden Ethikunterricht oder das wertneutrale Fach Religionskunde zu ersetzen. Könnte das Thema religiös motivierte Gewalt dort womöglich besser behandelt werden? Dem widerspricht Kropac: "Religion hat einen Glutkern, nämlich dass sich Menschen explizit zu etwas bekennen. Das heißt, jemand steht für etwas und berichtet nicht nur darüber." Um die Zusammenhänge von Religion und Gewalt zu verstehen, sei es gut, eine Innenperspektive zu haben. Außerdem bräuchten Religionslehrer ein vertieftes Wissen über die Geschichte der Religion und über deren Schriften sowie ein psychologisches Grundverständnis.

Damit der differenzierte Umgang mit dem Thema Gewalt weiter oben auf die Schul-Agenda kommt, fordert Ulrich Kropac auch eine Reform der Lehrpläne: "Da ist oft von Toleranz - also dem positiven Begriff - die Rede. Mir wäre es lieb, wenn wir das Phänomen der Gewalt deutlicher benennen und im Unterricht behandeln würden."

Von Burkhard Schäfers