Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Ursula Hertewich über das Sonntagsevangelium

Die ewige Angst, zu kurz zu kommen

Die Leidensankündigungen Jesu müssten eigentlich unter den Aposteln Betroffenheit auslösen. Aber nein: Jakobus und Johannes versuchen, sich Logenplätze im Himmel zu reservieren. Die Angst, zu kurz zu kommen, sei auch heute in der Kirche präsent, so Schwester Ursula Hertewich.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP |  Bonn - 20.10.2018

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

Groß sein und klein sein, herrschen und dienen, oben und unten… - "Moment mal, hatten wir dieses Thema nicht gerade erst?", frage ich mich, als ich das Evangelium vom 29. Sonntag im Jahreskreis überfliege, zu dem ich diese Auslegung schreiben soll. Und tatsächlich, beim genaueren Nachschauen entdecke ich, dass gerade einmal vier Wochen vergangen sind, seit wir einen Ausschnitt aus dem Markus-Evangelium zu hören bekommen haben, der der heutigen Perikope erstaunlich ähnlich ist. Fast möchte ich sagen: Erschreckend ähnlich.

Die Vorgeschichte ist sogar die gleiche – Jesus will seine engsten Vertrauten aufklären über seinen bevorstehenden Weg: "Der Menschensohn wird den Hohepriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden ausliefern; sie werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten." (Mk 10,33)

Unvoreingenommen könnte man ja vermuten, diese Leidensankündigungen Jesu hätten das Potential, in der Schar der Zwölf große Betroffenheit auszulösen, doch die Ursache für deren Erschütterung liegt ganz woanders: Vor vier Wochen diskutierten sie darüber, wer unter ihnen der Größte ist, und im heutigen Evangelium wird berichtet, wie Jakobus und Johannes mit Jesus erst einmal hinter dem Rücken der anderen ihre Logenplätze im Himmel klar machen wollen.

"Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes." (Mk 10,41) – Es gibt kaum eine andere Stelle im Evangelium, die mich derart peinlich berührt wie diese. Jesu Versuch, seine Jünger mit hineinzunehmen in den Weg seiner Entäußerung, mündet gleich zweimal hintereinander in kindische Rangeleien. An Jesu Stelle wäre dies für mich Anlass genug gewesen, mir eine neue Truppe zu suchen, die mir und meiner Mission mit größerer Loyalität und innerer Anteilnahme begegnet.

Doch Zeichen Jesu wahren Größe ist, dass er genau das nicht tut. Jesus lässt seine Jünger nicht fallen wie heiße Kartoffeln, als sie seinen Erwartungen nicht gerecht werden. Er versucht, sie zu sensibilisieren für Unrechtssysteme, in denen die blinde Gier jegliches Handeln dominiert und unendliches Leid verursacht.

Groß sein und klein sein, herrschen und dienen, oben und unten…  Die Versuchung, sich einfach nur über die lächerlichen Streitigkeiten der Jünger zu empören, ist in der Tat groß. Doch wenn ich mich traue, einen ehrlichen Blick auf mein eigenes Leben zu werfen, muss ich gestehen, dass die Angst, in irgendeiner Weise zu kurz zu kommen, leider zuweilen auch in meinem eigenen Herzen und in der Mitte unserer Kirche und Gemeinschaft präsent ist.

"Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele." – So endet das heutige Evangelium. Vielleicht ist der größte Dienst, den Jesus uns durch seine Lebenshingabe erwiesen hat, die Offenbarung unserer tiefsten Würde, die darin gründet, dass jeder einzelne Mensch ein bedingungslos geliebtes Kind Gottes ist. Je mehr ich mir dieser Wirklichkeit bewusst werde, desto weniger werde ich mich und meine Größe in dieser Welt ständig unter Beweis stellen müssen. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat uns Jesus befreit von jeglichem ängstlichen Kreisen um uns selbst und dazu ermächtigt, dem Leben zu dienen, ohne auf Lohn schielen zu müssen. DAS ist groß.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP

Evangelium nach Markus (Mk 10, 35-45)

In jener Zeit traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.

Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.

Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Die Autorin

Sr. Ursula Hertewich OP ist promovierte Apothekerin und Buchautorin. Sie arbeitet in der Seelsorge des Gästehauses des Dominikanerinnen-Klosters Arenberg.