Die Dorfkirche St. Blasius in Rettenberg im Oberallgäu. Im Vordergrund eine Wiese mit blühendem Löwenzahn, hinten einige Bergspitzen mit Schneeresten.
Pilgern kann man auch um die Ecke

Die Fünf-Minuten-Wallfahrt

Dem Theologen Harald Weber reicht es nicht aus, ein- oder zweimal im Jahr eine Wallfahrt zu machen. Er hat für sich Möglichkeiten entwickelt, kleine Pilgertouren in seinen Alltag zu integrieren.

Buchloe - 12.07.2013

Natürlich muss der Weg nicht immer nach Santiago de Compostela führen. "Genau genommen muss das Ziel einer Pilgertour noch nicht einmal ein klassischer Wallfahrtsort sein", findet einer, der sich damit schon lange befasst: Der Theologe Harald Weber aus dem schwäbischen Buchloe ist seit Jahren begeisterter Wallfahrer. Seine Motivation dazu ist so simpel wie einleuchtend: "Ich bin ein Mensch, der nicht gerne herumsitzt", erzählt er. "Im Grunde werde ich schon nervös, wenn ich in der Kirche stillstehen muss." Während ihm zuhause häufig die Ruhe fehlt, einen Rosenkranz zu beten, klappt das im Laufen richtig gut.

Das Wallfahren ist für den Schwaben eine alternative Gebetsmöglichkeit, die für ihn auch eine theologische Bedeutung hat. "Ich bin der Meinung, der christliche Glaube muss einen geradezu unruhig machen", sagt er. "Als Christ habe ich einen Auftrag in der Welt und der setzt mich im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung."

Ich bin der Meinung, der christliche Glaube muss einen geradezu unruhig machen.

Zitat: Harald Weber (Theologe)

Ein- oder zweimal im Jahr eine Wallfahrt zu machen, reicht ihm deshalb nicht aus. Er hat für sich Möglichkeiten entwickelt, kleine Pilgertouren in seinen Alltag zu integrieren. Nach der Arbeit mit dem Fahrrad zu einem Bildstock auf dem Feld oder während einer Einkaufstour in den Dom – eine Kurzwallfahrt geht fast immer. "Meiner Meinung nach ist es nicht wichtig, ob eine Wallfahrt einen Tag, zwei Monate oder nur eine halbe Stunde dauert", sagt er. "Es ist immer ein Aussteigen aus dem Alltag, das bewirkt, dass man die Welt mit anderen Augen ansieht."

Die nähere Umgebung erkunden

Wichtig ist dem Theologen, dass das Ziel der Wallfahrt ein Ort ist, der ihn persönlich anzieht. "Ich würde jedem raten", sagt er, "in seiner Freizeit mal die nähere Umgebung nach so einem Ort zu durchforsten." Für Harald Weber selbst ist einer dieser Plätze die Pfarrkirche seines Nachbarorts. "Da komme ich einfach gerne hin, weil ich weiß, dass ich dort auch in stressigen Zeiten für zehn Minuten meinen Frieden finde." Das kann an einem Sonntagnachmittag sein oder auch mal abends nach der Arbeit.

Pilger steht auf Felsen, man sieht nur die Wanderschuhe in Großaufnahme

Dass beim Pilgern auch schon einmal die Füße weh tun, gehört dazu.

Abgesehen von dem, was er "Fünf-Minuten-Wallfahrten" nennt, unternimmt der Theologe auch gerne Tages- oder Nachmittagswallfahrten. Dass ihm dabei auch schon einmal die Füße weh tun, gehört für ihn dazu. "Meist nehme ich ein Anliegen mit auf den Weg", erklärt er. "Zwar lässt sich Gott natürlich nicht bestechen, aber ich unterstreiche durch die Strapazen einer Fußwallfahrt auch vor mir selbst, dass mir diese spezielle Sache wirklich wichtig ist."

Schon die Beschäftigung mit dem Anliegen oder das Nachdenken darüber im Gebet führt nach Harald Webers Erfahrung manchmal zu einer Lösung des Problems. Denn Lebensfragen und Verstrickungen waren für die Menschen aller Zeiten ein Grund zu pilgern. Darin liegt für den jungen Mann denn auch die Besonderheit klassischer Wallfahrtsorte. "In manchen Kirchen spürt man einfach, dass dort seit hunderten von Jahren Menschen im Geiste ihr ganzes Leben hintragen."

Besonders klar komme das auf den Votivtafeln zum Ausdruck, die in manchen Wallfahrtskirchen hängen. "Thematisiert werden Bitten um eine glückliche Geburt, der Wunsch nach der richtigen Partnerin oder Sorgen bei der Arbeit", sagt der Theologe. Er selbst hat in den vergangenen Jahren nach langer Überlegung seine Arbeitsstelle gewechselt, geheiratet, ein Haus gebaut und ist Vater geworden. An Gründen zum Bitten und Danken fehlt es ihm also nicht. "Es ist schon faszinierend", philosophiert er, "dass sich die Probleme der Menschen früher nur so unwesentlich von unseren heutigen Sorgen unterscheiden."

Unterwegs zu Gott

Kein Wunder also, dass das Pilgern – das ja häufig mit Bittgebeten und Danksagungen verbunden ist – im Christentum eine lange Tradition hat. "Leute des Weges" haben sich die Christen in den ersten Jahrhunderten genannt. Ein Leben lang, das wollten sie damit ausdrücken, waren sie unterwegs zu Gott auf der Suche nach dem Heil. Auch für Harald Weber ist Pilgern ist ein Ausdruck dieses ständigen Unterwegs-Seins – auf ebenen und geraden, aber auch auf unbequemen und anstrengenden Pfaden.

Eine spezielle Art des Wallfahrens stellen für ihn deshalb auch Berg-Pilgertouren dar. "Die körperliche Anstrengung ist dabei einfach stärker als beim Laufen", sagt der Theologe. "Das Bergsteigen bringt zum Ausdruck, dass auch der Glaube an sich manchmal eine Sache des Aufraffens und einer gewissen Anstrengung ist." Das kann bei großen Touren der Fall sein, aber auch schon einmal bei einer "Fünf-Minuten-Wallfahrt" zum Bildstock hinter dem Haus.

Von Claudia-Marie Dambacher