Leere Holzkrippe mit Stroh auf Tannenzweigen
Bild: © KNA

Die Krippenräuber

Philipp, acht Jahre, darf heute, am Heiligen Abend, zum ersten Mal aus dem Lukas-Evangelium vorlesen. Er übt noch einmal den Text. Florian, sein sechsjähriger Bruder, hört aufmerksam zu, als Philipp liest: "Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war."

Bonn - 07.01.2015

Diese Worte gehen Florian nicht aus dem Kopf. Und plötzlich hat er eine Idee. Er zieht seinen Anorak an und schleicht aus dem Haus. Die Tür lässt er angelehnt.

Auf Zehenspitzen zur Krippe

Nur ein paar Meter weiter auf der anderen Straßenseite ist die Kirche. Florian hat Glück. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Drinnen probt der Organist auf der Orgel Weihnachtslieder. Er ist so in sein Spiel vertieft, dass er Florian nicht bemerkt. Der Junge schleicht auf Zehenspitzen zur Krippe und zieht seinen Anorak aus. Dann hebt er das Jesuskind heraus, wickelt es in seine warme Jacke und läuft schnell nach Hause. Wieder Glück gehabt! Niemand hat bemerkt, dass Florian kurze Zeit fort war. Der Junge geht in sein Zimmer, legt das Jesuskind in sein Bett und deckt es warm zu. "Hier hast du Platz", sagt Florian. "Hier musst du nicht frieren."

"So ein gemeiner Krippenräuber!"

Am Abend geht Florian mit Philipp und den Eltern zur Kirche. Als die hereinkommen, hören sie ein Geraune: "So ein gemeiner Krippenräuber!", schimpft eine Frau hinter ihnen. Und ihr Mann poltert los: "Da hört sich doch alles auf, einfach das Jesuskind aus der Krippe zu stehlen!" Florian bekommt es plötzlich mit der Angst zu tun und beginnt zu weinen. "Was ist denn los, Flo?", fragt die Mama. Aber Florian kann vor lauter Schluchzen kaum sprechen. "Ich habe das Jesuskind aus der Krippe genommen", sagt er schließlich. "Es liegt zu Hause in meinem Bett. Da hat es Platz, und es muss nicht frieren. Stimmt doch, Mama! Bei mir geht es ihm viel besser als hier in der kalten Kirche."

Florian hat es gut gemeint

Die Mama nimmt ihren Jungen in den Arm und sagt: "Lieber, lieber Flo, du hast es gut gemeint. Aber das Jesuskind gehört in die Krippe. Schau dir Maria und Josef an. Sie sind bestimmt traurig, wenn du ihnen ihr Kind nicht zurückbringst." Florian nickt und meint: "Da hast du Recht, Mama. Ich wäre auch lieber mit euch zusammen in einem Stall als ohne euch in einem Haus." Florians Papa ist schon unterwegs. Er holt das Jesuskind. Manche Leute schimpfen. Aber die meisten lächeln über den kleinen Jungen, der es doch nur gut gemeint hat.

Nicht lange überlegen, sondern helfen

Auch der Pfarrer hat in der Sakristei bereits davon erfahren. Und in seiner Predigt sagt er: "Oft schauen wir weg, wenn unsere Hilfsbereitschaft gefordert ist. Aber vielleicht hat ein kleiner Junge uns an diesem Weihnachtsabend die Augen geöffnet. Nicht lange überlegen, sondern helfen und tatkräftig zupacken, wo Menschen Not leiden. Darauf kommt es an." Bei diesen Worten lächelt der Pfarrer dem Florian freundlich zu.

Von Margret Nußbaum