Erzbischof Robert Zollitsch am Mikrofon
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Erzbischof Robert Zollitsch...

"Die Welt ist nicht unser Feind"

Die Weltbischofssynode hat vom 7. bis 28. Oktober im Vatikan vor allem über das Thema Neuevangelisierung beraten. Von Seiten der Deutschen Bischofskonferenz nahm auch deren Vorsitzender, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, teil. Er zieht zum Abschluss in einem Interview in Rom eine erste Bilanz.

Vatikanstadt - 29.10.2012

Frage: Herr Erzbischof, wie haben Sie die Synode zum Thema Neuevangelisierung erlebt?

Zollitsch: Ich war zum ersten Mal bei einer Synode und war daher sehr gespannt. Das Thema der Neuevangelisierung hat alle anwesenden Bischöfe berührt und sich als Anliegen der Kirche weltweit erwiesen. Dabei hat es im Laufe der drei Wochen zunehmend an Intensität gewonnen. Die Synode fand in einer kollegialen, in einer freundlich-brüderlichen Atmosphäre statt. Die Bischöfe gingen aufeinander zu, tauschten sich auch in den Zwischenpausen aus. Ich habe die Zusammengehörigkeit einer großen Weltkirche erlebt. Die drei Wochen bei der Synode haben sich sehr gelohnt.

Frage: Aber das Thema Neuevangelisierung bezog sich doch in erster Linie auf die westlichen Länder.

Zollitsch: Es war für mich interessant und ermutigend zu sehen, dass es sich nicht nur um ein Thema in Mitteleuropa, sondern um ein weltweites Problem handelt. In der Tat war das Thema zunächst vor allem auf die Länder mit christlicher Tradition bezogen - auch der Papst hatte es ursprünglich so formuliert. Aber es betrifft letztlich alle Regionen, in denen die katholische Kirche präsent ist. Natürlich waren die Fragestellungen aus Ländern wie Korea, Japan oder Thailand, wo es tatsächlich in der Regel um Erstevangelisierung geht, etwas anders. Aber zuletzt berichtete hier ein Koreaner, dass sich in seinem Land zwar erwachsene Menschen mit Begeisterung taufen ließen, dass dieser Elan dann aber oft rasch nachlasse. Auch dort steht man vor der Aufgabe, wie die Gläubigen auf Dauer in die Gemeinden integriert werden können. Es gibt durchaus Parallelen.

Frage: Was hat die Synode gebracht, welches Ergebnis steht am Ende?

Zolltisch: Der weltweite Austausch und der Blick auf die ganze Kirche hat auch deutlich gemacht, wie sehr wir letztlich bei unserer konkreten Situation ansetzen müssen. Wir müssen nahe bei den Menschen sein, das Evangelium in einer zeitgemäßen Sprache verkünden, müssen sehen, welche Bilder wichtig sind. Wir müssen die Fragen der Menschen ernst nehmen, wir dürfen nicht Antworten geben, die die Menschen wenig betreffen. Wir müssen Glaube und Evangelium als Botschaft weitergeben, die bei den Menschen ankommt. Das Wissen, das was wir weitergeben, muss zur persönlichen Erfahrung werden. Sonst handelt es sich nur um den Versuch, eine Lehre weiterzugeben, die nicht das Leben trifft und von den Menschen nicht als persönliches Anliegen angenommen wird.

Durch die Synode fühle ich mich auf dem Weg der Kirche in Deutschland bestätigt: Die Synode hat deutlich gemacht, dass Glaubensverkündigung immer auch ein Dialog mit der Welt und der Gesellschaft ist. Diesen Dialog führen wir in Deutschland, nicht zuletzt durch den Dialogprozess. Ich bin mir sicher, dass die vielen Einzelimpulse der Synode auch den Weg des Dialogprozesses begleiten. Denn bei diesem Prozess geht es uns ja um das, was die Synode ausgedrückt hat: den Glauben neu zu entdecken, verstehbar zu machen und öffentlich zu bekennen, um die Menschen erfahren zu lassen, dass das Evangelium das tragende Fundament unseres Lebens ist und unserem Leben Sinn gibt - und das über den Tod hinaus.

Frage: Was waren die zentralen Themen und Schwerpunkte für die deutschen Teilnehmer?

Zollitsch: Wir deutsche Teilnehmer haben unter anderem über unseren Umgang mit der Säkularität berichtet. Das wurde, wie wir erfahren konnten, von anderen Synodalen dankbar angenommen. Wir leben in einem säkularen Zeitalter, in dem die Kirche nicht mehr in gleicher Weise in der Öffentlichkeit präsent ist wie früher. Die Zugehörigkeit zu einer der großen Volkskirchen ist nicht mehr selbstverständlich.

Zugleich wollten wir zeigen, dass diese Säkularität und die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat nicht nur etwas Negatives bedeuten. Sie bieten auch Herausforderungen und Chancen. Die Freiheit beinhaltet die Chance zu eigenen Entscheidung, und damit kann der Glaube noch weit persönlicher werden. Wir konnten somit den Bischöfen aus anderen Kontinenten etwas von der Angst nehmen, gleichsam die Furcht vor der Welt zerstreuen. Denn es gab in der Aula immer Aussagen über die feindliche Welt, von der wir abgelehnt werden.

Frage: Ist das angekommen?

Zollitsch: Wir haben betont, wir müssen auf die Welt zugehen. Wir wollen in dieser Welt das Evangelium verkünden und zugleich das Gespräch mit den verschiedenen Kräften der Gesellschaft und der Kultur suchen. Denn ein Glaube, der nicht inkulturiert wird, kommt bei den Menschen nicht an. Wir brauchen daher auch das Gespräch mit der Naturwissenschaft, von dem wir uns im vergangenen Jahrhundert eher zurückgezogen haben. Wir sehen die Welt als Schöpfung Gottes positiv, weil sie auch für uns von Gott spricht. Und vom Staunen über die Schönheit der Schöpfung können wir auch den Weg zu Gott finden.

Frage: Und was haben die Deutschen von Bischöfen aus anderen Kontinenten gelernt?

Zollitsch: Wir wollen uns nicht in die kleine Herde zurückziehen, sondern wir wollen aktiv und offensiv unsere Botschaft in die Gesellschaft einbringen und auf die Menschen zugehen. Und dabei müssen wir lernen, auch noch stärker über unseren eigenen Glauben zu sprechen. Wir müssen die anderen zum Mitglauben einladen. Das ist uns aus den Wortmeldungen der Synodenversammlungen deutlicher geworden.

Frage: In welchen Strukturen soll die Neuevangelisierung erfolgen?

Zollitsch: Die Grundstruktur, von der die Seelsorge ausgeht, ist natürlich die Pfarrei. Aber die Pfarrei muss zugleich ergänzt werden durch die kleinen Gemeinschaften, durch bestimmte Biotope des Glaubens, durch die verschiedenen Bewegungen und Strömungen innerhalb der Kirche und der Gemeinden. Die Pfarrei muss ein Netzwerk sein, das nahe an den Menschen ist.

Frage: Und auch die Rolle der Familien wurde bei der Synode unterstrichen.

Zollitsch: Dieses Thema wurde von Bischöfen vor allem aus anderen Kontinenten immer wieder genannt. Nach unserem Verständnis ist Familie dort, wo Mann und Frau in der Ehe mit Kindern zusammen leben. Aber wir müssen auch die Situationen aufgreifen, wo Ehen scheitern, wo Alleinerziehende sind, wo Schwierigkeiten bestehen. Es ist unsere Aufgabe, mit diesen Situationen und mit den Menschen pastoral umzugehen.

Das Interview führte Johannes Schidelko

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