"Dorthin, wo keiner geht"
Priester Johannes Schuster über seine Entscheidung für die Einsamkeit

"Dorthin, wo keiner geht"

Ein Bundesverdienstkreuzträger wird Eremit. Warum? Der Priester Johannes Schuster erzählt, worauf es bei großen Lebensentscheidungen ankommt - und warum er manchen Bewerber ablehnen muss.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 27.08.2016

Er war schon immer ein Grenzgänger. Oder ein Alleingänger. Der Priester Johannes Schuster ist Eremit und geht für sein Leben gerne dorthin, wo sonst keiner hin will. Früher war er mit Leprakranken in Äthiopien gearbeitet und mit Flüchtlingen in Kambodscha. Seit vier Jahren lebt Schuster als Eremit in Frauenbründl bei Bad Abbach in der Nähe von Regensburg. Im Interview erklärt er, worauf es bei großen Lebensentscheidungen ankommt.

Frage: Pfarrer Schuster, fiel es Ihnen damals schwer, von Kambodscha nach Frauenbründl zu ziehen?

Johannes Schuster: Nein, denn das war eine ganz klare Entscheidung für die Einsamkeit. Ich schließe mich hier aber nicht von der Welt ab. Ich bin zwar alleine, aber nicht einsam. Ich brauche nach wie vor den Kontakt zu den Menschen. Frauenbründl ist ein Wallfahrtsort, da ist immer was los. Und ab und zu guckt auch wer über die Mauer und will rein. Ich sage dann immer: Ich schaue bei Ihnen auch nicht ins Wohnzimmer.

Frage: Wenn sich jemand bei Ihnen als Eremit bewirbt, darf er dann rein?

Schuster: Ja. Es gibt immer wieder Mitbrüder, die aus den Ordensgemeinschaften aussteigen wollen. Ich lade sie dann für ein paar Tage zu mir ein, so dass sie hier mit leben können. Wer als Eremit leben will, muss erst einmal beweisen, dass er für dieses Leben geeignet ist.

Die Klause mit Wallfahrtskirche von Pfarrer Johannes Schuster.

Frauenbründl bei Bad Abbach ist ein Wallfahrtsoft und Ruheort für viele Gläubige.

Frage: Wie prüft man so eine Lebensentscheidung?

Schuster: Es gibt einen Kriterienkatalog. Ich prüfe dann zum Beispiel, ob jemand arbeitswillig ist, wie er seine Arbeit erledigt und vor allem, ob er seine Arbeit gerne macht. Ich frage das dann auch ab: Kümmerst du dich gerne um deine Einsiedelei? Ich merke dann sehr schnell, ob jemand nur davon träumt oder ob er sich selbst versorgen kann. Manche geben dann auch gleich wieder auf. Die Bereitschaft zum Gebet und die Feier der Eucharistie gehören selbstverständlich auch dazu. Dieser Wechsel zwischen Arbeit, Gebet und Ruhe ist mir wichtig. Aber zu 100 Prozent überprüfen kann ich so eine Entscheidung nie.

Frage: Haben Sie auch schon mal jemanden abgewiesen, der Eremit werden wollte?

Schuster: Ja, in letzter Zeit sogar zwei. Die waren einfach nicht geeignet. Einer konnte sich nicht richtig entscheiden. Gerade das finde ich wichtig: Dass man sich entscheiden kann oder zumindest den guten Willen für so ein Leben in der Stille zeigt. Schließlich muss ich hier den größten Teil des Tages mit mir alleine auskommen und mit Gott. Und das ist nicht immer romantisch.

Frage: Wie war das damals bei Ihnen, als sie sich für ein Leben als Eremit entschieden haben?

Schuster: Ich bin im Alter von 50 Jahren Eremit geworden. Ich war nie zuvor in einem Kloster. Ich war im Ausland tätig in der Leprabehandlung in Äthiopien und in Kambodscha im Flüchtlingslager. 1979 war das. Damals gab es eine große Hungersnot in Kambodscha. 141.000 Menschen waren auf der Flucht vor dem Krieg und vor dem Hunger. Mein Job war es, die Flüchtlingsunterkünfte an den Grenzen zu organisieren. Ich habe dort zum Beispiel den Aufbau von Krankenhäusern, Werkstätten, einer Gärtnerei und einer Schneiderei betreut. Für meinen Einsatz habe ich sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Serie: Mein Glaube, mein Leben

Jedes Jahr treten zahlreiche Menschen aus der Kirche aus. Doch es geht auch anders herum. Die Themenseite bündelt Porträts über Menschen, die sich als Erwachsene für die Kirche entschieden haben oder ihren Glauben in einer besonderen Weise leben.

Frage: Warum haben Sie das gemacht?

Schuster: Ich wollte schon immer dorthin gehen, wo niemand hingeht. In die Lepra-Welt wollte niemand. Da war ich 25 Jahre alt. Ich war zuvor in Äthiopien in der Wüste und habe dort ein Hungerlager geleitet. Die Menschen sind aus der Wüste vor der Trockenheit geflohen. Ich war verantwortlich für die medizinische Ernährungsabteilung, vor allem für unterernährte Kinder. Ich wusste, wie man Leute zurückfüttert und war damit sehr erfolgreich. Dann hat mich die Caritas gebeten nach Kambodscha zu gehen, weil ich genau die Erfahrung und die richtige Ausbildung hatte, die man dort brauchte. Die hatten einfach niemanden.

Frage: Und Ihre Familie?

Schuster: Die waren nicht davon begeistert. Es waren ihnen nicht Recht. Aber naja, jeder muss seinen Lebensweg selber gehen. Sie haben Angst um mich gehabt. Aber ich habe es Ihnen immer wieder erklärt: Ich bin nicht Christ für mich alleine. Es gehört für mich dazu, dass ich bedürftigen Menschen helfe. Das ist ein Werk der Barmherzigkeit. Ich sehe im leidenden Menschen immer Christus. Das ist bis heute so.

Frage: Hatten Sie keine Angst?

Schuster: Natürlich hatte ich Angst, immer dann, wenn es ungemütlich wurde. Die Kommunisten wollten mich erschießen. Durch meine Tätigkeit konnte ich etlichen Menschen die Flucht ermöglichen. Das haben die natürlich bemerkt. Dann haben sie mir die Wahl gestellt: Entweder erschossen zu werden oder das Land zu verlassen. Das war dann meine Flucht aus Äthiopien.

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Johannes Schuster sagt: "Es gehört für mich dazu, dass ich bedürftigen Menschen helfe. Das ist ein Werk der Barmherzigkeit." Doch was ist Barmherzigkeit? Dieser Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger" erklärt es.

Frage: Wann haben Sie dann Ihren Ruf für ein Leben als Eremit gespürt?

Schuster: Nachdem ich von Kambodscha zurück war, habe ich nochmals studiert, Theologie, und bin Priester geworden. Das war ein neuer Weg, mein Weg. Ich bin kein Aussteiger, wie man das gerne vorschnell über Leute sagt, die nochmals ganz von vorne anfangen. Ich bin ja auf keine Insel gegangen und lebe dort von Kokosnüssen. Für mich ist das Leben als Eremit eine Berufung zu einem intensiveren Leben in der Nachfolge Jesu Christi. Ich habe mich immer von Gott führen lassen. Egal wohin.

Frage: Holten Sie Kambodscha und Äthiopien und die Erinnerungen an die Zeit damals noch ein?

Schuster:  Ja. Neulich hatte ich Besuch von einem ehemaligen Kambodscha-Flüchtling. Er hat mich drei Jahre lang gesucht. Das hat mich sehr berührt. Er hat zu mir gesagt, ich bin sein Lebensretter. Ohne mich wäre er damals verhungert.

Frage: Was war Ihre Rettung?

Schuster: Ich hatte immer innerliche Kämpfe und habe mich gefragt, ist das der Wille Gottes? Heute weiß ich: Ich stehe vor Gott immer mit leeren Händen und ich muss keine Karriere mehr machen. Es waren viele Jahre, dass ich das machen wollte. Heute habe ich das alles losgelassen und ich danke Gott, dass ich in Frauenbründl sein kann. Jetzt ziehe ich nicht mehr weiter.

Von Madeleine Spendier