Drei Jubiläen und viele Baustellen
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Kardinal Kurt Koch über aktuelle ökumenische Herausforderungen

Drei Jubiläen und viele Baustellen

Als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen ist Kardinal Kurt Koch im Vatikan federführend für die Ökumene zuständig. Im Interview mit katholisch.de spricht der Schweizer über ökumenische Fragen und das 50-jährige Jubiläum der Konzilserklärung "Nostra aetate".

Von Johannes Schidelko |  Vatikanstadt - 24.08.2015

Frage: Herr Kardinal, sie gilt als "Meilenstein", als "Neuanfang", als "kopernikanische Wende" für die Beziehungen zu den anderen Religionen, vor allem zum Judentum. Sind diese Superlative für die vor 50 Jahren verabschiedete Konzilserklärung "Nostra aetate" berechtigt?

Koch: Ganz sicher. Für die jüdisch-katholischen Beziehungen ist sie tatsächlich zu einem Meilenstein geworden. Schon Kardinal Augustin Bea, der maßgeblich an der Ausarbeitung des Textes beteiligt war, sagte damals, man werde das Konzil nach dieser Erklärung beurteilen. In der Tat hat "Nostra aetate" immer mehr Aktualität gewonnen, was den interreligiösen Dialog, aber vor allem, was die Beziehungen zum Judentum betrifft. Der Artikel 4 von "Nostra aetate" - der die Aussagen zum Judentum beinhaltet - ist der Ursprung der gesamten Erklärung. Papst Johannes XXIII. wollte ursprünglich eine eigene Erklärung zum Judentum. Sie ist nach Einwänden von arabischer Seite so nicht zustande gekommen, sondern ist in die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen aufgenommen worden.

Frage: Was haben Sie seither erreicht, an welchem Punkt steht der Kontakt zum Judentum heute?

Koch: Papst Johannes Paul II. hat bei seinem Besuch in der Synagoge in Rom 1986 betont, dass wir mit dem Judentum eine Beziehung wie mit keiner anderen Religion haben. Es sei keine äußere, keine fremde, sondern eine innere Beziehung. Auf diesem Fundament verwirklicht sich unser Verhältnis und führen wir unsere Dialoge. Es geht vor allem um zwei Dialoge: Mit den Oberrabbinaten in Jerusalem und mit dem International Catholic-Jewish Liaison Committee, einer weltweiten Organisation, in der viele jüdische Gruppierungen beteiligt sind und mit der wir alle zwei Jahre eine Tagung durchführen und so den Dialog vertiefen.

Frage: Wie werden Sie das Jubiläum von "Nostra aetate" begehen?

Koch: Auf verschiedene Weise und an verschiedenen Orten. In Rom feiern wir das Jubiläum Ende Oktober mit einer gemeinsamen Tagung zusammen mit dem Rat für den interreligiösen Dialog. Dann bin ich bereits zu etlichen Jubiläumsveranstaltungen gereist, habe Vorträge in Deutschland gehalten, war bei der Generalversammlung der jüdischen Gemeinden in der Schweiz, habe an Feiern in Amerika teilgenommen. Im September werde ich in Brasilien sprechen und im Dezember in Israel. Es ist für die Juden und für uns ein ganz wichtiger Anlass, diese 50 Jahre dankbar zu begehen und neue Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Frage: Trotzdem kriselt es immer wieder im Kontakt zu den "älteren Brüdern". Alte Vorbehalte kommen hoch, man steht vor überwunden geglaubten Minenfeldern, etwa der Karfreitagsfürbitte oder der Gestalt von Pius XII. Wie belastbar sind die jüdisch-katholischen Beziehungen heute?

Koch: Die Beziehungen sind durch die gewachsenen Freundschaften so stabil geworden, dass es möglich ist, aufkommende Herausforderungen und Probleme gemeinsam anzugehen und zu lösen. Gerade die genannten Stichworte zeigen ja, wie notwendig es ist, dass der theologische Dialog zwischen Katholiken und Juden vertieft wird. Inzwischen mehren sich auch die Stimmen von Rabbinern, die eine intensivere Behandlung von theologischen Fragen wünschen. Und das wollen wir tun.

Der Heilige Stuhl hat immer betont, dass er eine Lösung für die Probleme im Nahen Osten nur in einer Zwei-Staaten-Lösung sieht. Daher will er mit Israel wie mit Palästina gute Beziehungen haben.

Zitat: Kardinal Kurt Koch

Frage: Papst Franziskus pflegt Kontakte zu argentinischen Rabbinern, er war in Jerusalem, ging zur Klagemauer. Fast wöchentlich hat er in letzter Zeit jüdische Gruppen in Audienz empfangen. Aber ein Besuch in der römischen Synagoge steht noch aus. Warum?

Koch: Er ist vorgesehen, es ist eine Terminfrage. Auch in den Beziehungen zur römischen Gemeinde gibt es keine Probleme.

Frage: Die neue vatikanische Terminologie vom "Staat Palästina" irritiert auch religiöse jüdische Gesprächspartner. Halten Sie diese Spannung aus?

Koch: Ich bin etwas erstaunt über die Reaktionen zum jetzigen Zeitpunkt. Denn die Einladung von Papst Franziskus im vergangenen Jahr an die Präsidenten Israels und Palästinas zum gemeinsamen Friedensgebet in Rom war ein ebenso deutliches Zeichen wie das jetzige Grundlagenabkommen mit dem Staat Palästina. Der Heilige Stuhl hat immer betont, dass er eine Lösung für die Probleme im Nahen Osten nur in einer Zwei-Staaten-Lösung sieht. Daher will er mit Israel wie mit Palästina gute Beziehungen haben.

Frage: Noch ein anderes Jubiläum steht bevor: Am 7. Dezember 1965 zogen Rom und Konstantinopel den gegenseitigen Bann von 1054 zurück. Er sollte "aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche getilgt" und vergessen werden. Wie werden Sie daran erinnern?

Koch: Es war sehr bedeutungsvoll, dass die gegenseitigen Verurteilungen von 1054 nach so langer Zeit dem geschichtlichen Vergessen anheimgegeben worden sind. Wir wollen an dieses Ereignis in einer ähnlichen Art und Weise erinnern wie es sich 1965 vollzog. Damals wurde die Erklärung gleichzeitig im Phanar, dem Patriarchalsitz von Konstantinopel, und im Vatikan verkündet. Auch jetzt ist wiederum ein gegenseitiger Vorgang wünschenswert. Wir sind darüber mit dem Patriarchat von Konstantinopel im Gespräch.

Frage: Gerade in dieser Jubiläumsphase steht es freilich um die Kontakte zur Orthodoxie nicht zum Besten. Der theologische Dialog stagniert. Waren die Erwartungen zu hoch, sind Sie zu schnell vorgegangen?

Koch: Wir sind sicher nicht zu schnell vorangegangenen, wenn ich die Äußerung des Ökumenischen Patriarchen Athenagoras von 1966 bedenke: dass wir denselben Glauben teilen, dass wir einander lieben, dass wir uns schätzen und dass es Zeit ist, den gemeinsamen Altar zu teilen. Wir sind weit hinter diesen Erwartungen zurückgeblieben. Und ich wäre froh, wenn diese Leidenschaft, wie sie in den 1960er Jahren bestand, heute noch lebendig wäre. Ein Problem bilden heute die innerorthodoxen Spannungen, die den ökumenischen Dialog etwas blockieren. Daher hoffe ich, dass die für Pfingsten 2016 vorgesehene Panorthodoxe Synode hilft, die Einheit unter den Orthodoxen zu vertiefen. Das wird auch der Fortführung unseres Dialogs zugute kommen.

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Papst Franziskus ist laut Kardinal Koch sehr an einem Treffen mit dem russischen Patriarchen Kyrill I. interessiert. Wann ein solches Treffen stattfinden könnte, ist aber noch unklar.

Frage: Wie geht es im Dialog nun weiter?

Koch: Bei unserer letzten Vollversammlung der Dialogkommission im vergangenen September hatten wir einen Text zum Verhältnis zwischen Synodalität und Primat erstellt, der dann aber nicht veröffentlicht werden konnte. Daran muss weitergearbeitet werden. Allerdings kann wegen der Panorthodoxen Synode eine nächste Vollversammlung nicht vor 2017 stattfinden.

Frage: Jüngste Äußerungen aus Moskau wurden als grünes Licht für ein Treffen von Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill gewertet. Entdecken Sie dort einen neuen Zungenschlag?

Koch: Vielleicht müsste man nicht von einem grünen Licht, sondern von gelb sprechen. In der Tat sind viele Schwierigkeiten so nicht mehr vorhanden, die bislang eine Begegnung verunmöglicht haben. Man kann vielleicht sagen, dass ein solches Projekt heute konkrete Dimensionen annehmen könnte.

Frage: Wagen Sie Prognosen zu einem Zeitrahmen?

Koch: Nein. Aber Papst Franziskus selbst ist an einem solchen Treffen sehr interessiert. Er hat klar gesagt, dass er den Patriarchen treffen möchte; der Patriarch könne sagen, wann und wo, und er würde dann kommen. Und ich denke heute auch, dass Patriarch Kyrill an einem solchen Treffen interessiert ist.

Frage: Und noch ein drittes Jubiläum steht auf der Agenda Ihrer Behörden: 2017 - 500 Jahre Reformation. Für den Vatikan kein Grund zur Freude, wohl aber zum Gedenken - zum gemeinsamen ökumenischen Gedenken, wie Sie mehrfach betont haben. Nimmt die geplante gemeinsame Gedenkveranstaltung Konturen an?

Koch: Ja, sie nimmt Konturen an, und zwar in einer sehr erfreulichen Art und Weise. Aber wir bereiten sie in Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund vor, und wir haben uns darauf verständigt, nur gemeinsam mit Informationen an die Öffentlichkeit zu treten.

Dossier: Ökumene: Was verbindet? Was trennt?

Ein Haus mit vielen Wohnungen: So lässt sich - vereinfacht - die Ökumene beschreiben. Das Haus, das viele Kirchen und Gemeinschaften beherbergt, umspannt die ganze Welt. Die Familien in diesem Gebäude sind Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Kopten, Altkatholiken, Anglikaner und Freikirchler.

Frage: Und wann ist Näheres zu erwarten?

Koch: Ich hoffe, dass das noch in diesem Jahr der Fall sein wird.

Frage: Das Treffen soll ja 2016 stattfinden...

Koch: So war es angedacht. Doch der genaue Termin wird zusammen mit dem Ereignis angekündigt werden.

Frage: Es halten sich Spekulationen um einen Papstbesuch 2017 in Deutschland, dem Ursprungsland der Reformation. Ist das realistisch?

Koch: Papst Franziskus hat angedeutet, dass er gerne Deutschland besuchen würde und dass es eine Friedensinitiative sein würde. Das scheint in eine etwas andere Richtung als das Reformationsgedenken zu gehen.

Frage: An welchem Punkt sehen Sie das Verhältnis zwischen Rom und den Kirchen der Reformation heute? Nach anfänglichen Fortschritten und vielen Dialogpapieren fehlen derzeit die Erfolgsmomente. Es gibt sogar neue Probleme und Entfremdungen...

Koch: Das Hauptproblem ist, dass wir im Weltprotestantismus derzeit keine Tendenz auf mehr Einheit untereinander sehen, sondern eine ungeheure Fragmentierung. Es entstehen dort immer neue Kirchen. Das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was wir suchen, nämlich die Einheit. Dazu kommt ein neues Anwachsen evangelikaler, pentekostalischer Bewegungen. Der Dialog mit diesen Bewegungen hat natürlich eine ganz andere Traktandenliste als mit den historischen "Mainline Churches" aus der Reformation. Insofern fehlt es nicht an neuen Herausforderungen und Aufgaben.

Papst Franziskus geht es um eine missionarische Kirche, die das Evangelium in die Welt hinaus trägt. Und der Papst möchte, dass wir alles, was man gemeinsam tun kann, auch bereits gemeinsam tun.

Zitat: Kardinal Kurt Koch

Frage: Womit beschäftigen Sie sich derzeit im Kontakt mit den Lutheranern - abgesehen vom Gedenken für 2017?

Koch: Die Internationale Kommission für die Einheit von Lutheranern und Katholiken beschäftigt sich mit der Taufe in ihrer Bedeutung für die wachsende Kirchengemeinschaft. Zudem findet mein Vorschlag, eine gemeinsame Erklärung zu Kirche, Eucharistie und Amt zu erarbeiten, derzeit vor allem in Amerika und Finnland Unterstützung. Ich hoffe, dass dazu eine gemeinsame Erklärung auf Weltebene zwischen Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche zustande kommen wird. Das wäre ein neuer, ganz großer Schritt nach der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999. Es wäre eine Fortsetzung, die ähnlich bedeutsam wäre.

Frage: Mitunter hat man den Eindruck, unter Papst Franziskus verschieben sich die Akzente des ökumenischen Dialogs. Es tauchen neue Dialogpartner auf. Es gibt Audienzen für  Evangelikale Gruppen. Was ändert sich da - und warum?

Koch: Es ändert sich insofern etwas, als Türen für Dialoge geöffnet werden, die bisher verschlossen waren - und das ist sehr bedeutsam. Denn unter Evangelikalen und Pentekostalen bestehen teilweise nicht wenige Vorbehalte gegenüber der katholischen Kirche und dem Papsttum. Wenn diese Gruppierungen nun dem Papst persönlich begegnen und dabei erleben, dass er ein guter Christ ist, kann das viele Vorurteile überwinden und Türen für neue Dialoge öffnen. Das ist umso wichtiger, als der Pentekostalismus inzwischen nach der römisch-katholischen Kirche die zweitgrößte Realität in der Christenheit heute darstellt. Man muss von einer "Pentekostalisierung des Christentums" reden, vielleicht sogar von einer vierten Form des Kirche-Seins: katholisch, orthodox, protestantisch und pentekostalisch. Diese Herausforderung müssen wir auf jeden Fall angehen. Und das tun wir auch.

Frage: Hat die Ökumene für Franziskus einen ähnlich hohen Stellenwert wie für seine Vorgänger? Was macht er hier anders?

Koch: Die Ökumene hat für alle Päpste seit dem Konzil höchste Priorität, auch für Franziskus. Vielleicht geht er sie mit einem etwas anderen Akzent an. Franziskus betont immer wieder: Wir können nicht warten, bis wir die Einheit haben, wir müssen bereits jetzt zusammen sein, gemeinsam den Weg gehen, gemeinsam Zeugnis ablegen und gemeinsam beten. Diese Akzente der Geschwisterlichkeit und der Freundschaft zwischen den verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie das Zeugnisgeben stehen für ihn sehr stark im Vordergrund. Das hängt mit seinem Grundanliegen zusammen: Ihm geht es um eine missionarische Kirche, die das Evangelium in die Welt hinaus trägt. Und der Papst möchte, dass wir alles, was man gemeinsam tun kann, auch bereits gemeinsam tun.

Frage: Ist das vielleicht eine Reaktion darauf, dass man im theologischen Dialog derzeit kaum Fortschritte erzielt?

Koch: Eine "Reaktion" würde ich nicht sagen, vielmehr eine realistische Einschätzung, dass wir in der Ökumene nicht allein mit dem theologischen Dialog weiterkommen können. Bereits seit den Anfängen der ökumenischen Bewegung haben wir unterschieden zwischen dem Dialog der Liebe und dem Dialog der Wahrheit. Heute ist es besonders wichtig, die Freundschaftsbeziehungen, die geschwisterlichen Beziehungen zu vertiefen. Denn sie bilden die unabdingbare Voraussetzung, um die schwierigen theologischen Fragen überhaupt angehen zu können.

Zur Person

Kardinal Kurt Koch (*1950) ist seit 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen; er ist damit in der römischen Kurie federführend für die Ökumene zuständig. Zuvor war Koch von 1995 bis 2010 Bischof von Basel und von 2007 bis 2009 Präsident der Schweizer Bischofskonferenz.

Von Johannes Schidelko