Ein Mann schaut in die Ferne.
Bernd Wille erzählt von seinem Weg aus der Trauer

Du bist nicht mehr da

Wenn Bernd Wille über seine Frau spricht, steigen ihm die Tränen in die Augen. Immer noch, auch vier Jahre nach ihrem Tod. Dann kommt alles wieder hoch: ihre Krankheit, die gelungene Operation, die Zeit der Erholung und die guten Prognosen. Und dann dieser Tag, nur wenige Wochen nach der OP, als ihr Herz aufhörte zu schlagen. Einfach so.

Lüneburg - 11.11.2014

"Eine Dreiviertelstunde haben sie sie reanimiert, dann war es vorbei. Das war am 19. September 2010 um Viertel vor zehn", sagt Bernd Wille und: "Es kam so unvorbereitet, ich konnte mich nicht verabschieden." Dem 73-Jährigen fällt es sichtlich schwer, über diesen Tag zu sprechen und alles, was danach kam. Alleine zu sein mit seiner Verzweiflung, auf sich selbst zurück geworfen nach 45 Jahren Ehe, die "so glücklich war". Es raubte ihm die Kraft.

"Wir hatten keine Kinder. Nicht, dass wir nicht gewollt hätten, aber es hat einfach nicht geklappt", sagt Bernd Wille. "Vielleicht waren wir deshalb so aufeinander fixiert." Das Leben mit seiner Frau sei etwas Besonderes gewesen. "Wir waren immer sicher - irgendetwas hat uns zusammengeführt." Beide hatten bereits ein unruhiges Leben hinter sich, als sie sich 1963 in Lüneburg kennenlernten.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Renate aus Ostpreußen, die nach zwei Jahren Flucht zunächst in Oberhausen lebt und ihren Eltern als junge Frau recht zögerlich in den Norden folgt. Bernd, 1941 in Berlin geboren, im Osten Deutschlands groß geworden, der zu Beginn des Mauerbaus gerade auf Besuch bei seinem Onkel in Westberlin ist und sich entscheidet, ohne seine Mutter im Westen zu bleiben. Statt eines Studiums in Dresden absolviert er eine Ausbildung bei der Bundesbahn und trifft in Lüneburg schließlich auf seine Kollegin Renate.

"Erst als wir uns kennenlernten, begann mein Leben wirklich in geordneten Bahnen zu verlaufen." Die beiden reisen viel, sehen die Welt. Bis Renate schließlich ihre Leidenschaft zum Beruf macht und ihre sichere Beamtenlaufbahn für eine Stelle im Reisebüro aufgibt. "Viele haben das nicht verstanden, aber ich habe ihr gesagt: du musst tun, was dich glücklich macht", sagt Bernd Wille und schmunzelt. "Ihr Knowhow hat uns schließlich viele Traumreisen beschert."

Bild: © privat

Bernd Wille mit seiner Frau Renate. Ihr plötzlicher Tod fällt ihm bis heute schwer.

Es sind diese Erinnerungen, bei denen Bernd Willes Stimme wieder fester klingt und auch, wenn er über die enge Beziehung zu seinen Schwiegereltern berichtet, für die er wie ein Sohn gewesen ist. "Als sie vor 15 Jahren verstorben sind, wollten sie eine anonyme Bestattung. Da haben wir gesagt: Kommt nicht in Frage, wir brauchen einen Ort des Gedenkens." Sie entscheiden sich schließlich für ein schlichtes Urnengrab mit Platz für vier. "Es war immer klar, dass wir dort unsere letzte Ruhe finden würden und jetzt liegt Renate auch da."

Bernd Wille kann seine Besuche am Grab seiner Frau nicht mehr zählen. "Im ersten Jahr war ich jeden Tag da", sagt er. Dann merkte er, dass er etwas Abstand gewinnen musste. Heute schwingt er sich einmal in der Woche aufs Fahrrad und fährt zum Friedhof. Auch wenn ihn das Gedenken an seine Frau tagtäglich begleitet, fühlt er sich ihr am Grab doch am nächsten. "Dort spüre ich ihre Seele und halte Zwiesprache."

Mit dem Wort "Friedhof" tut er sich schwer

Wenn er mit Freunden darüber spreche, sage er immer: "Ja, ich fahre Renate besuchen." Das mache sie lebendiger. Mit dem Wort 'Friedhof' tue er sich dagegen sehr schwer. Es ist ein kleines Grab auf dem alten ehrwürdigen Michaelisfriedhof in Lüneburg, eine quadratische Platte mit einer Aussparung zum Bepflanzen, dahinter eine kleine Hecke. "Bei jedem Besuch bekommt sie ihre Rose, so wie früher auch." Selbst die Vase ist noch die gleiche.

Dort spüre ich ihre Seele und halte Zwiesprache.

Zitat: Bernd Wille über die Besuche am Grab seiner Frau

Es sind diese kleinen Gesten, die das liebevolle Gedenken an seine Frau ausmachen und Bernd Wille selbst gut tun. "Am Anfang dachte ich, ich muss alles verändern, um mit dem Tod meiner Frau klarzukommen", sagt er. Die gemeinsame Wohnung, das Ferienhaus im Grünen – Bernd Wille hatte das Gefühl es nicht ertragen zu können, ohne sie dort zu sein. Zur Besinnung kommt er schließlich im Kloster, wo er an Exerzitien teilnimmt. Die Stille hinter den Klostermauern, die Choräle im Gottesdienst, lange Spaziergänge durch die Weinberge und Gespräche mit Ordensleuten lassen Bernd Wille wieder klare Gedanken fassen.

Kleinigkeiten können viel verändern

"Wenn dein Herd kaputt geht, tauschst du auch nicht die ganze Küche aus." Dieser Vergleich, den ihm ein Pater im Gespräch vor Augen führt, bringt ihn zum Nachdenken. Er beschließt, nur kleine Dinge in seinem Leben zu verändern, behält das Ferienhaus und schätzt es heute als Rückzugsort. Mittlerweile kann er die schönen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit dort genießen.

In der Lüneburger Wohnung hat sich wenig, aber Wesentliches verändert. Ein hellerer Teppich im Wohnzimmer macht den Raum freundlicher. Ein großes intensives Ölgemälde zieht die Blicke auf sich. "Als ich das bei einer Ausstellung gesehen habe, wusste ich, ich muss es haben. Egal was es kostet", erzählt Bernd Wille. Er lässt seinen Urlaub sausen und kauft das Bild: Es zeigt die Kapelle, in der er und seine Frau 1965 getraut wurden.

Bild: © privat

Renate und Bernd Wille. 45 Jahre waren sie gemeinsam glücklich.

Neben Renates Foto steht eine Tulpe aus Glas. "Im Jahr 2009 waren wir in Ostpreußen – haben quasi eine Reise in die Vergangenheit meiner Frau gemacht." Lange sei sie nicht sicher gewesen, ob sie es emotional verkraften würde. "Aber sie hat es geschafft und wir waren beide froh, die Orte ihrer Kindheit zu sehen." In Danzig ersteht Renate einen Glasteller in einem Souvenirladen. Als ihr Mann nach ihrem Tod noch einmal in den Osten reist, findet er den Laden wieder und kauft ihr die Tulpe aus Glas.

Seine Frau habe immer gesagt, wenn einer zuerst gehen müsse, dann solle sie das sein, sagt Bernd Wille. "Sie hat gedacht, dass ich es besser verkraften würde, weil ich psychisch stabiler bin." Wenn er jetzt erlebe, wie schwer es wirklich sei, "bin ich tatsächlich froh, dass sie das nicht durchmachen musste."

"Vielleicht war es ein Akt der Gnade"

Der Tod seiner Frau und die Begegnungen "mit wundervollen Menschen" im katholischen Kloster haben ihm, dem Protestanten, den Glauben näher gebracht. "Nach ihrem Tod habe ich Gott gefragt, wie er das zulassen kann. Mittlerweile sehe ich das anders." Vielleicht habe er gewusst, was noch auf seine Frau zugekommen wäre, an Leid und Schmerzen, wenn die Krankheit wieder ausgebrochen wäre. "Vielleicht war es ein Akt der Gnade", sagt er und: "Ich weiß, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist, dass sie auf mich wartet und wir uns irgendwann wiedersehen."

Bernd Wille lebt weiter. Er trifft sich mit Freunden und Familie, treibt Sport, geht auf Reisen und hat das Kochen – eigentlich eine Leidenschaft seiner Frau – als neues Hobby entdeckt. Ein bis zwei Mal im Jahr geht er ins Kloster, verbringt auch Weihnachten und Neujahr dort. Manchmal steht Bernd Wille vor dem Foto seiner Frau, das er an ihrem siebzigsten Geburtstag, einige Wochen vor ihrem Tod aufgenommen hat: "Ich sehe sie da stehen, inmitten ihrer Geburtstagsblumen und ich sage zu ihr: Mädel, es ist alles gut… Nur du bist nicht mehr da."

Von Janina Mogendorf