Ehrung für einen Helden
Der Campo Santo Teutonico erinnert an den Fluchthelfer O'Flaherty

Ehrung für einen Helden

Während der deutschen Besatzungszeit in Rom half der irische Priester Hugh O'Flaherty 6.000 Menschen auf der Flucht. Vor wenigen Tagen wurde am Campo Santo Teutonico eine Gedenktafel für ihn enthüllt.

Von Johannes Schidelko |  Rom - 14.05.2016

Koordiniert hat der Geistliche diese "Escape Line" zusammen mit zunächst zwei und dann drei Mitarbeitern von seinem Zimmer im Priesterkolleg des Campo Santo Teutonico aus, dessen Gast er zwischen 1938 und 1960 war. Vor wenigen Tagen wurde am Rand des deutschen Friedhofs im Schatten des Petersdoms eine Gedenktafel enthüllt.

Sie erinnere an den "einzigen wirklichen Helden, den der Campo Santo je hervorgebracht hat", erklärt der Kirchenhistoriker und Direktor des dort angesiedelten Instituts der Görres-Gesellschaft, Stefan Heid. An der Feierstunden nahmen die Vatikan-Botschafterin Irlands, aber auch die diplomatischen Vertreter der USA, Großbritanniens, Kanadas und Deutschlands teil.

Aktivitäten in verworrenen Tagen

O'Flaherty war seit den früheren 1930er Jahren im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls in der Karibik und dann in der Tschechoslowakei tätig. Als Rom einen Kontaktmann für das delikate Geflecht der Hilfswerke suchte, wurde er 1938 in die Zentrale zurückberufen. Er kam auf die Gehaltsliste des Heiligen Offiziums, der heutigen Glaubenskongregation, auch wenn er dort selbst keine Funktion ausübte. Aber dessen damaliger Assessor Alfredo Ottaviani, der spätere Kardinal, bat den Rektor des Campo Santo, einen irischstämmigen Monsignore seiner Behörde aufzunehmen.

Diese Aufnahmebitte ist freilich das einzige Dokument, das Rektor Hermann Maria Stoeckle in die Personalakte seines Gastes aufnahm. Auch in seinem Nachlass findet sich kaum ein Hinweis auf den Iren. Eine Vorsichtsmaßnahme des Hausoberen, der sich in jenen verworrenen Tagen mit Absicht nicht um die Aktivitäten seiner Mitbewohner kümmerte, wie Mitbewohner folgerten. Und der damit dem irischen Geistlichen bewusst Rückdeckung für seine gewagten Hilfsaktionen geben wollte. Denn die Aktivitäten des irischen Geistlichen waren durchaus Tischgespräch bei den gemeinsamen Mahlzeiten im Kolleg.

Aufnahme von Grabsteinen auf dem deutschen Friedhof im Vatikan, dem Campo Santo Teutonico.

Grabsteine auf dem deutschen Friedhof im Vatikan, dem Campo Santo Teutonico, im Schatten des Petersdoms in Rom.

Aber auch den deutschen Besatzern blieb das Agieren O'Flahertys nicht verborgen. Es sickerte durch, dass er gelegentlich Flüchtlinge in Priesterkleidung in das Kolleg lotste und dass er Verfolgte in seinem Zimmer nächtigen ließ. Gestapo-Chef Herbert Kappler versuchte mehrfach, den Geistlichen zu entführen. Offenbar sollte er dann auf der Flucht erschossen werden. Ob der Geistliche freilich in seinem Zimmer selbst falsche Dokumente druckte, wie behauptet wurde, ist unklar; darum kümmerte sich offensichtlich ein Drucker in den Räumlichkeiten des Heiligen Offiziums. Und widersprüchliche Aussagen gibt es auch zu dem angeblichen Radiosender, mit dem er Kontakt zum italienischen Widerstand unterhalten haben soll. Auf jeden Fall steht die Aussage im Raum, dieser Sender sei nach energischer Intervention des Vatikan stillgelegt worden.

O'Flaherty selbst hat kein Tagebuch geführt, er hat keine Memoiren verfasst und sich auch später nicht über seine Aktivitäten geäußert. Aber die Berichte von Mitbewohnern, etwa des Kirchenhistorikers Hubert Jedin, der als verfolgter "Halbjude" ebenfalls im Campo Santo Zuflucht fand, geben manchen Aufschluss.

Besuch beim einstigen Verfolger

SS-Chef Kappler selbst nahm nach dem Ende der deutschen Besatzung Roms und seiner Verhaftung zu dem irischen Monsignore Kontakt auf. Einmal im Monat besuchte O'Flaherty den Gefangenen in dessen Gefängnis und begleitete ihn auch bei seinem Eintritt in die Kirche. 1959 taufte er seinen einstigen Verfolger - ein Jahr bevor er Rom verließ und dann 1963 in seiner irischen Heimat starb.

De Gedenktafel für den mutigen Iren ist am Eingang zum Konferenztrakt des Campo Santo angebracht. Gegenüber der des Schlesiers Jedin. Die beiden kannten und schätzten sich. Immerhin sahen sie sich jeden Tag beim Mittagessen.

Von Johannes Schidelko