Barcelona mit der Sagrada Familia
In Barcelona führen seit einigen Wochen Obdachlose Touristen durch die Stadt

Ein Anker ins normale Leben

Seit ein paar Tagen ist Barcelona die erste Stadt Spaniens, die Touristenführungen von Obdachlosen anbietet. Juan gehört zum Team "Hidden City Tours". Dessen sieben Mitarbeiter verbinden allgemeine Informationen über Geschichte und Architektur der katalanischen Metropole mit der besonderen Sicht der Obdachlosen auf die Stadt. Der gebürtige Spanier Juan wuchs als Kind von Gastarbeitern in Pforzheim auf und wurde schließlich in ein Heimatland abgeschoben, das ihm völlig fremd war.

Barcelona - 02.05.2014

Juan wartet beim "Chiringuito de Dios", zu Deutsch etwa "Imbissbude Gottes", gleich hinter der noch jungen Filmoteca de Catalunya. Das Zentrum für Kinofreunde soll dem Raval-Distrikt den Ruf des Rotlichtviertels austreiben. Hier, im engen Gassengewirr der Altstadt Barcelonas, hat Juan nach Jahren in der Gosse und im Gefängnis wieder einen Anker ins normale Leben gefunden.

Der erste Kunde, den er in deutscher Sprache durch die Stadt führen wird, ist Pfarrer Ottmar Breitenhuber, der seit drei Jahren die deutschsprachige katholische Gemeinde Barcelonas betreut. Beide kennen sich flüchtig aus dem "Chiringuito", das Breitenhubers Gemeinde mit Spenden unterstützt und Obdachlosen eine warme Mahlzeit bietet. Menschen wie Juan, der aus einem ganz normalen Leben mit Arbeit, Frau und Kind ins Nichts stürzte , der durch Schicksalsschläge in der Drogenkriminalität und schließlich im Gefängnis landete.

Aufregung vor der Tour

Man spürt seine Aufregung, als Pfarrer Breitenhuber ihm zur Begrüßung die Hand reicht. Juan erzählt von den Einwanderungswellen aus dem Süden Spaniens ins Raval, wo Sauftourismus und Billigprostitution zuletzt überhandzunehmen drohten. Das Haus der Barmherzigen Schwestern interessiere ihn doch sicher, nimmt Juan den Pfarrer mit auf seine Tour. Dort, gleich um die Ecke, würden täglich 250 kostenlose Essen ausgegeben. "Nur donnerstags ist hier geschlossen.

Dann gibt's im Chiringuito Paella, allerdings nur für die Schnellsten - und nur für diejenigen, die weder unter Drogen- noch unter Alkoholeinfluss stehen", betont Juan den Unterschied zu den Regularien bei den Ordensschwestern, die jedem die Tür öffnen. "Mit Alkohol konnte ich nie etwas anfangen", beteuert er mit seiner rauchigen Stimme, "Bierdosen aufmachen war nie mein Leben. Aber viele Obdachlose haben sonst keine Beschäftigung. Das ist das Problem."

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Video: © kirche.tv

So gesehen - Obdachlosen begegnen

Juan und der Pfarrer überqueren die Rambla, Barcelonas breite Flaniermeile. Hier beginnt das Barri Gotic, das mittelalterliche Zentrum der Stadt. Juan nimmt Kurs auf die Kirche Santa Maria del Pi. Von den Pinien auf dem Vorplatz, die dem gotischen Gotteshaus seinen Namen gaben, steht jetzt nur noch eine. Sie spendet den Tischen der Tapas-Bars Schatten. "Wenn die Bars nach Mitternacht schließen, verschenken sie alles, was sonst verderben würde." Über Juans Gesicht huscht ein Anflug von Genugtuung - denn als Touristenführer ist er auf solche milden Gaben nicht mehr angewiesen.

Die Stadtführung gibt neue Hoffnung

Der Pfarrer nickt beeindruckt. Für Juan ist es eine Bestätigung, dass er seinen Job gut macht. Auf der Placa Sant Felip Neri erzählt er von der Katastrophe während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939), als mehr als 40 Menschen im Schutzbunker unter dem Platz Zuflucht suchten und alle einer Bombe zum Opfer fielen. Heute kämen Obdachlose gerne zum Übernachten. "War nicht Antoni Gaudi auf dem Weg hierher in die Klosterkirche, als er von der Tram überfahren wurde?", fragt der Pfarrer. Der katalanische Architekte wurde 1926 auf dem Weg zu einer Baustelle von einer Straßenbahn erfasst. Wegen seines verwahrlosten Äußeren hielt man ihn für einen Obdachlosen und brachte ihn in ein Armenkrankenhaus.

Auf der Placa de la Seu vor der Kathedrale beendet Juan seine Führung. Pfarrer Breitenhuber wird sie nicht vergessen: die Sage von der glückbringenden Schildkröte, die tanzenden Eier und vieles mehr, wofür Juan ihm die Augen öffnete. Gitarrenklänge durchfluten den weiten Platz, als er sich von Juan verabschiedet. Er wird dessen Stadtführung weiterempfehlen. Und so darf Juan auf neue Kleider hoffen.

Von Susanne Kihm (KNA)