Eine bunte Buchseite mit arabischen Schriftzeichen
Schiiten bilden eine starke Minderheit im Islam

Ein gutes Stück vom Halbmond

Die islamische Welt liegt im Streit - ausgelöst durch die Exekution von Scheich Nimr al-Nimr, der zur schiitischen Minderheit in Saudi-Arabien gehörte. Der Konflikt hat auch eine religionspolitische Seite.

Von Burkhard Jürgens (KNA)  |  Bonn - 05.01.2016

Hintergrund der Krise ist das Ringen zwischen Iran und Saudi-Arabien um die Vormachtstellung in der Region, aber auch die Konkurrenz zwischen den Hauptrichtungen des Islam - Sunniten und Schiiten.

Wer leitet die Gemeinschaft?

Die Trennung der beiden Konfessionen gründet in der Frage, wer nach dem Tod des Propheten Mohammed die Leitung über die Gemeinschaft der Muslime beanspruchen durfte. Die Schiiten betrachten Mohammeds Vetter und Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib (um 600-661) und dessen Nachkommen als legitime Oberhäupter. So bezieht sich der Begriff Schiiten auf die Schia Ali, die "Partei Alis". Identitätsstiftend wirkten auch politische und militärische Konflikte wie die Schlacht von Kerbela (680). Der Propheten-Enkel Hussein, der dabei ums Leben kam, gilt den Schiiten als großer Märtyrer; an seinen Tod wird jährlich mit dem Aschura-Tag erinnert.

Demonstranten halten Plakate in die Luft.

Vor der saudischen Botschaft in London demonstrieren aufgebrachte Menschen wegen der 47 Hinrichtungen in Saudi-Arabien.

Neben einer von den Sunniten (abgeleitet von Sunna, Brauch) abweichenden Gebetspraxis zeichnen sich Schiiten theologisch durch ein weiteres Offenbarungsverständnis und eine tendenziell flexiblere Lehre aus. Bestimmte Elemente wie die Heiligenverehrung und die Erwartung eines Retters am Ende der Zeit bieten besondere Anknüpfungspunkte für den Dialog mit dem Katholizismus. Zentren der theologischen Ausbildung sind die iranischen Städte Nadschaf und Ghom.

Unter den Muslimen weltweit bilden die Sunniten mit etwa 90 Prozent die größte Gruppe. Stammland des Schiitismus ist die Islamische Republik Iran; mehr als 90 Prozent der 78 Millionen Einwohner sind Schiiten. Die zweitstärkste schiitische Gemeinschaft besitzt Indien mit schätzungsweise über 40 Millionen Gläubigen; sie stellen mehr als ein Viertel der etwa 14 Prozent indischer Muslime. Es folgen Pakistan und Nigeria mit jeweils vermutlich mehr als 20 Millionen. Im Irak weisen die Schiiten ebenfalls eine Größenordnung um die 20 Millionen auf, aber mit zwei Dritteln einen höheren Anteil an der muslimischen Gemeinschaft.

Schiiten sind Minderheit in Saudi-Arabien

Namhafte Gemeinden bilden die Schiiten auch im Jemen mit schätzungsweise 8 bis 10 Millionen und in der Türkei mit 7 bis 11 Millionen sowie in Aserbaidschan mit 5 bis 6 Millionen; dort ist jeder sechste, vielleicht sogar jeder achte Muslim ein Schiit. In Saudi-Arabien, das von einer strengen sunnitischen Richtung des Islam dominiert ist, lebt eine Minderheit von 3 bis 4 Millionen Schiiten vor allem in der Östlichen Provinz.

Einen hohen Prozentanteil stellen Schiiten mit gut zwei Dritteln der Muslime ferner im Golfstaat Bahrain; das Herrscherhaus Al Chalifa hingegen ist sunnitisch. Jeweils etwa ein Drittel der muslimischen Gemeinschaft bilden Schiiten im Emirat Kuwait und im Libanon.

Linktipp: Theologe fordert Debatte über Gewalt im Islam

Der katholische Theologe Timo Güzelmansur fordert eine breite Debatte über das Verhältnis des Islam zur Gewalt. Dabei sieht er vor allem die islamischen Gelehrten in der Pflicht. Zugleich dürften Muslime nicht pauschal für Terror haftbar gemacht werden.

Von Burkhard Jürgens (KNA)